Urlaub forever : Wenn die Möwe schreit, sind Sommerferien da

Kek – kriäh – girr – kerreckeckeckeck: Sie sind das Versprechen von Kindheit, Ferien und Sommer. Möwen tricksen Würmer aus und lieben Haribokonfekt. Nur füttern sollte man sie nicht.

Geliebt und gefürchtet. Als Fotomotiv haben Urlauber den lustigen Vogel gern. Aber wehe, er kommt ihnen real zu nahe.
Geliebt und gefürchtet. Als Fotomotiv haben Urlauber den lustigen Vogel gern. Aber wehe, er kommt ihnen real zu nahe.Foto: Stefan Sauer/dpa-Zentralbild

Der Knirps kann es nicht fassen. Aufgeregt hüpft der mit Fliege und Weste festlich herausgeputzte Mittelpunkt einer kleinen Familienfeier auf und ab: „’Ne Möwe! Guck mal, ’ne Möwe!“ Der Junge kriegt sich gar nicht wieder ein, hängt sich über die Reling des Ausflugsboots, skandiert im Singsang „’ne Möwe! ’ne Möwe!“ Ungerührt und regungslos bleibt diese auf ihrem Pfahl am Ufer hocken, wie ein Denkmal ihrer selbst: mit aufgeplustertem Körper und eingezogenem Hals auf dünnen Beinchen. Lustiger Vogel.

Es ist, als hätte der Junge mit eigenen Augen das Meer entdeckt. Dabei ist es bloß die Saale, 300 Kilometer von der Ostsee entfernt. Aber was soll’s, es reicht die Verheißung. Denn Möwen sind ein Versprechen: dass die Küste nicht mehr weit ist. Das war schon für die Seeleute so, als es noch kein GPS gab. Man muss nur das Kreischen der Vögel hören, schon fühlt man sich in die Sommerferien versetzt, ans Meer, in die Kindheit. Allein wie sie strahlen, so weiß! Wie elegant sie sich in die Lüfte schwingen und ihre Kurven drehen, als würden sie schweben, die langen, schmalen Flügel weit ausgebreitet.

Gedanken und Erinnerungen fliegen mit, schon ist man wieder in Zandvoort an Zee in den 60er Jahren, in der Bretagne der 80er, im Suffolk der 90er. Urlaub forever: Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die Hamburgerinnen sie sich so gern tätowieren lassen. Kein anderes Motiv ist bei ihnen so beliebt.

Auch der alte Brehm war erklärter Möwen-Fan

Bei ihrem Anblick schwebt man im Himmel der Jugend, dreht mit der Möwe Jonathan seine Runden, höher, immer höher, über den Wolken war die Freiheit grenzenlos. Man mag den amerikanischen Bestseller von der „Möwe Jonathan“, die aus dem Clan ausschert, um ihren eigenen Weg zu fliegen, als Hippie-Kitsch abtun. Aber niemand hat den Vogel so anschaulich in Worten und Bildern gewürdigt, wie man es selbst empfand. Dank Jonathan wurde die Möwe in den 70er Jahren zum Inbegriff von Freiheit und Unabhängigkeit. Was sie für die Ureinwohner Amerikas übrigens schon lange war.

Auch der alte Brehm – ja, genau, der von „Brehms Tierleben“ – war erklärter Fan der „Raben des Meeres“, wie er sie nannte. Ansprechend fand er Gestalt und Färbung, anmutig die Bewegungen, anziehend ihr Treiben. Ihre Stellung auf festem Boden nannte er edel und stolz, ihren Gang rasch. „Sie liegen leicht wie Schaumbälle auf den Wogen und stechen durch ihre blendenden Farben von diesen so lebhaft ab, dass sie dem Meer zum wahren Schmucke werden.“ Genau darum ist die Möwe bis heute als Urlaubsfoto- und Kalendermotiv so beliebt: Mit ihrem Schneeweiß macht sie sich prächtig vor blauem Himmel und Meer. Bei ihr denkt man fast automatisch an Sonnenschein.

Bloß die Stimme nannte Brehm „widerlich“, rügte die Tiere dafür, bei der kleinsten Erregung bis zum Überdruss zu kreischen. Und doch hat er selbst darin noch Musik entdeckt. Aus den unterschiedlichen Tönen, die der Zoologe hörte, könnte man eine ganze Comic-Symphonie schreiben: Kek – kriäh – girr – kerreckeckeckeck – dack, dack – ka ka toi – häiä – jeje ...

Rund 55 Arten soll es geben

Für Christian Morgenstern sahen Möwen ja alle aus, als ob sie Emma heißen, wie er in einem Gedicht schrieb. Klingt sympathisch, stimmt aber nicht. Allein die körperliche Spannbreite reicht doch von Dohlen- bis Adlergröße! Da liegt glatt ein halber Meter dazwischen.

Rund 55 Arten soll es geben. Neben den geläufigsten, Silber-, Herings-, See- und Lachmöwe, die Spatelraubmöwe zum Beispiel, die Bürgermeistermöwe, die Weißschwingenmöwe, die Schmarotzerraubmöwe, die Gabelschwanzmöwe. Oder die Dominikanermöwe, die keineswegs so fromm ist, wie sie klingt, sondern neuerdings vor der argentinischen Küste ganze Fleischbrocken aus dem Rücken lebender Wale reißen soll. Die Dreizehenmöwen sind in Deutschland eine Helgoländer Spezialität. Die Einzigen, die auf Felsen brüten und selbst im Winter auf hoher See leben.

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Und der Arten werden es immer mehr. Wenn sich die Silber- mit der Steppenmöwe mixt, dann sieht der Laie das nicht mal, doch der Wissenschaftler ist fasziniert. „Man muss nicht nach Galapagos fahren, um die Evolution zu studieren“, schwärmt Ronald Klein, Biologe aus Rostock und Möwenexperte. „Das ist Darwin in action, vor der Haustür.“

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