Urlaubstipp für Rügen : Fürstlich geweißt

Angelegt in klassizistischem Prunk – heute vor allem bei Regen beliebt. Aber langsam erwacht Putbus’ Schlossgarten aus dem Dornröschenschlaf.

Malerischer Blick vom Schlossgarten in den Ort Putbus.
Malerischer Blick vom Schlossgarten in den Ort Putbus.Foto: Thomas Grundner

Der Rosendoktor ist ungehalten. Jetzt haben sie endlich die historische Pergola rekonstruiert, aber sie ist jetzt aus Stahl. „Atombombensicher!“, wettert er. Sechs Rosenstöcke wurden gepflanzt, dabei bräuchte die Pergola mindestens 60, wenn es wieder ein lauschiger Kletterrosengang werden soll.

Ob die „Amateure von der Biosphäre“, die Parkpfleger, die über „zwei linke Hände und keine Mittel verfügen“, oder die Stadtoberen, die es 2018 fertigbrachten, bei der Verleihung der Rosenstadt-Urkunde von der Gesellschaft Deutscher Rosenfreunde durch Abwesenheit zu glänzen: Gerhard Prill könnte stundenlang weiterschimpfen. Aus Leidenschaft, aus Liebe zu Putbus.

Zu jener Kleinstadt auf Rügen, die wegen ihrer Kulturschätze von den Strandurlaubern gern an Schlechtwettertagen aufgesucht wird und ansonsten einen Dornröschenschlaf schlummert.

Dass alle Prill noch immer den Rosendoktor nennen, liegt daran, dass der Baumschulgärtner aus Berlin die Tradition der Putbusser Rosen wieder aufleben ließ. Niemand Geringeres als Wilhelm Malte Fürst zu Putbus hatte sie vor gut 200 Jahren begründet. Prill erhöhte die Zahl der Rosenstöcke von 324 auf 824, davon sind 668 Stammrosen. Und er gründete die ehrenamtliche Rosenbrigade.

Das Ergebnis ist eine Pracht. Vor den schneeweißen klassizistischen Gebäuden der Residenzstadt, am Marktplatz, am Circus, vor dem Theater, auch vor den Handwerkerhäusern in der August-BebelStraße, überall strahlen Rosen, gelb und pink und rot, in allen Schattierungen. Im Sommer kommen die Leute von weither, um sie zu fotografieren.

Prill führt die Besucherin durch den 75 Hektar großen Schlosspark, dessen Sanierung er beaufsichtigt hat. Sehen Sie, die Steine im Gras, hier stand das barocke Schloss, dessen Ruine neben dem Malte-Denkmal zu DDR-Zeiten abgerissen wurde. Nein, es wird nicht wieder aufgebaut wie in Berlin, auch wenn manch einer hier Phantomschmerz verspürt. Aber der herrliche englische Landschaftsgarten mit Orangerie, Marstall, Affenhaus, Kirche und Seerosenteich, der ist noch da.

Der alte Rosendoktor kennt hier jeden Baum und jeden Strauch. Erst geht es vorbei am Rosencafé, jenem Gartenhaus aus dem Jahr 1828, in dem Otto von Bismarck diverse Krankheiten auskurierte und seiner Frau Teile der Reichsverfassung diktierte, dann erzählt er vom historischen Pflanzenplan, an den sie sich bei Neupflanzungen halten. Berichtet über die Liebe der Käfer und Spechte zu den Mammutbäumen, über den Asteinbruch beim Ginkgo und den Kampf der Riesenbuche gegen den Brandkrustenpilz.

Während er Blattwerk und Veredelungsnarben inspiziert, erläutert sein Nachfolger Hans Ullrich Hilden die Arbeit der Rosenbrigade. Zwei Mal pro Woche beschneiden sie die Stöcke während der Blütezeit, versehen die Blumen mit QR-Codes für weitere Infos und prämieren alljährlich die schönste Rose.

Hilden ist Mitglied des Fördervereins „Residenz- und Rosenstadt Putbus“, der sich um das kulturelle Erbe der Stadt verdient macht, Gebäude- und Baumschilder aufstellt, Wandelwege anlegt und Feste organisiert.

Es gibt noch mehr solcher Überzeugungstäter in Putbus. Ihnen allen liegt das Erbe von Wilhelm Malte am Herzen, der Putbus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Idealstadt für den Universalmenschen errichten ließ.

Zum Beispiel Ralf Bittner, der Stadtführungen anbietet und sich auf seiner Visitenkarte Geo- und Metaphysiker nennt. „Das hier ist ein Kraftort“, schwärmt er vor dem bekrönten, 21 Meter hohen Obelisken in der Mitte des Circus, jenes kreisrunden Platzes im Zentrum, der sich auch als überdimensionale Sonnenuhr lesen lässt – mit dem Obelisken als Zeiger.

Wie der viereckige Marktplatz ist das XXL-Rondell von jenen klassizistischen Bauten gesäumt, die Putbus den Namen „Weiße Stadt am Meer“ bescherten. Schon Fürst Malte verfügte, dass die Häuser alljährlich frisch gestrichen und die Straßen jeden Samstag gefegt werden sollen.

Und dass die Obergeschosse für die Dienstleute nicht niedriger sein dürfen als die Beletagen darunter. Die Höhe eines Hauses hatte für ihn mit der Würde des Menschen zu tun. Kaum starb der Fürst 1854, wurden die oberen Stockwerke wieder niedriger.

Bittner hat einen historischen Roman über den Fürsten geschrieben, der gemeinsam mit dem Architekten und Schinkel-Jugendfreund Johann Gottfried Steinmeyer – dem Rügen auch das Jagdschloss Granitz verdankt – diese Utopie von einer Stadt Gestalt werden ließ.

Mit freigiebigen Plätzen, mit Theater, Kirche und einem Paedagogium als Bildungsstätte für Adelssprösse. Malte brachte Europas Hochadel ins nahe gelegene Lauterbacher Badehaus Goor am Greifswalder Bodden – ein Bau mit Schinkel’scher Säulenreihe, der jeden Berliner ans Pergamonmuseum erinnert. Derzeit fungiert es als bestes Hotel am Platze.

Der Fürst warb mit Zeitungsannoncen und günstig zu pachtendem Land auch um Bauern, Handwerker und andere tüchtige Leute mit „hinlänglichen Beweisen eines ordentlichen und stillen Betragens“. Stadtplanung war für ihn eine Frage der Schönheit und der Moral. Auf Rügen hatten sie gerade die Leibeigenschaft abgeschafft.

Malte war Freimaurer, Bittner ist es auch. Er berichtet von der Stadtgründung – als Erstes wurde die Brauerei gebaut, Malte war clever – und spannt den Bogen über die Säulen von Palmyra bis zur Bäderarchitektur der Freimaurer-Hochburg Bath, die Malte besuchte. Und er weist auf das Freimaurerzeichen mit Winkel und Zirkel am Circus Nr. 3 hin. Im Logenhaus dahinter sollen Politiker und Geschäftsleute noch heute ihre Deals aushandeln.

Wer Bittner zuhört, dem schwirrt schnell der Kopf. Putbus wird zum fantastischen Ort, spätestens als er einen zur tausendjährigen Eiche im Park führt. Noch so ein Kraftort: Die „Zauberflöte“ des Freimaurers Mozart sei aus so einer Eiche geschnitzt.

Nichts da, poltert anderntags der Rosendoktor, die Eiche hat maximal 600 Jahre auf der Buckelrinde! Wer dann noch das Glück hat, im Circus Nr. 5 eingelassen zu werden, wo die Eheleute Heltzel-Jurisch das 170 Jahre alte Gebäude gerade in liebevoller Eigenregie renovieren, der wird aus der Gralswelt endgültig in die Realität zurückkatapultiert. Und ist gleichwohl bezaubert.

Das fürstliche Gästehaus gehörte einst dem Kanzleirat Wilhelm Rubarth, einem unehelichen Malte-Sohn. Die Heltzels haben die nach dem Krieg eingezogenen Wände beseitigt, sie legen Balken und Originalanstriche frei und führen den Gast bis aufs Dach, wo der Blick Richtung Küste schweift. Sofort versteht man, warum die beiden aus Berlin nach Rügen ausgewandert sind.

Oder Susanne Burmester im Kronprinzenpalais ein paar Häuser weiter. In ihrer Galerie „Circus Eins“ holt sie die Gegenwart und einen Hauch von urbaner Subkultur in die Traumstadt Putbus, zeigt Künstlerinnen und Künstler aus Mecklenburg-Vorpommern sowie internationale Arbeiten derer, die sie als Galeristin vertritt.

„Circus Eins“ ist ein Non-Profit-Ort, eine Stiftung macht’s möglich. Burmester kennt so ziemlich alle auf der Insel, die sich ums Zeitgenössische kümmern, Soundartisten, Bioladenbetreiber, Hipster, Nerds.

Sie lädt manchmal zur Party im Keller des Palais, und wenn sie Zukunftsfantasien von einer Kunstakademie vis-à-vis im Paedagogium spinnt, von einer kreativen Szene abseits der Metropolen in Ostseenähe, denkt man: Putbus kann ganz schön cool sein. Jedenfalls tummeln sich hier nicht nur die Best-Ager, die Jüngeren generieren eigene Kraftorte. Maltes Erbe ist mehr als Denkmalschutz.

Aber es ist schwer, den Nachwuchs nicht zu verlieren und Hotelfachkräfte wie Gastronomen auf die Insel zu locken. Ein Pächter für das Restaurant am Marstall, Rügens größtem Veranstaltungsort, findet sich derzeit nicht. Auch das für viele Millionen Euro erstklassig sanierte Paedagogium, das immer eine Bildungsstätte war, Napola in der NSZeit, Lehrerfortbildungsstätte in der DDR und zuletzt IT-College, steht leer.

Der letzte Investor versuchte es mit einem Hotel. Vergeblich. Der Geist des Hauses forderte seinen Tribut.

Der Geist der Stadt hingegen atmet bis heute jenen fürstlichen Elan, der Wilhelm Malte nachgesagt wird und sich auch bei den unermüdlich die Orangerie mit Ausstellungen bestückenden Betreibern der privaten Kulturstiftung Rügen findet. Oder bei Theaterdirektor Peter Gestwa.

„Mein Souverän ist das Publikum“, sagt er, wenn man ihn fragt, wie er hier 190 Veranstaltungen pro Saison organisiert. Auch Gestwa, der 2012 aus Cuxhaven kam, ist einer dieser Putbusser Enthusiasten, der die Besucher des apart restaurierten 256Plätze-Hauses allabendlich persönlich begrüßt und mit einer Mischung aus Drama, Komödie, Musical, Kammermusik, Jazz und Mundart für gute Auslastung sorgt.

Schweres und Leichtes: Schon zu Maltes Zeiten standen Königsdramen und Lustspiele fürs Bürgertum auf dem Spielplan. 2020 feiert der Bau seinen 200. Geburtstag.

Als das Theater im Juli 1820 eröffnete, wurde Calderóns „Das Leben ein Traum“ gespielt. Die Natur und die Kunst, in Putbus sind sie sich näher als anderswo. Neben den Musen blühen die Rosen.

Reisetipps für Putbus

HINKOMMEN
Mit der Bahn über Stralsund und Bergen auf Rügen bis Putbus oder ins nahe Lauterbach. Am günstigsten mit dem Ostsee-Ticket für 49 Euro. Mit dem Auto dauert es über die A 11 und die A 20 ebenfalls über Stralsund und den Rügendamm 3 bis 3 1/2 Stunden.

UNTERKOMMEN
Badehaus Goor in Lauterbach, gut 2 Kilometer vom Ortskern Putbus entfernt. Preise im Doppelzimmer ab 75 Euro pro Person. Infos: hotel-badehaus-goor.de.

Infos zu Putbus: www.ruegen.de (unter „Südrügen“).

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Die Reise wurde von der Tourismuszentrale Rügen unterstützt.