Es ist immer eine Abwägung, was man seinen Kindern "zumutet"

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Vater-Tochter-Tandem : Und hinten sitzt Maral
Auf Rad-Kur. Acht Touren durch Deutschland haben Vater und Tochter absolviert.
Auf Rad-Kur. Acht Touren durch Deutschland haben Vater und Tochter absolviert.Foto: O. Schäfer

Manchmal, notiert Schäfer, nerve ihn das Geplapper, wenn es bergauf geht, regnet, doch er weiß auch, sie kann nicht anders. Auch sonst beobachtet er sie genau: Verlangt er zu viel? Kommt sie klar, wenn sie lange nach einem Zimmer suchen müssen, wenn hinter der nächsten Kurve immer noch kein Dorf in Sicht ist, es keine Pommes gibt? „Es ist immer eine Abwägung, was man seinen Kindern ,zumutet‘ “, schreibt er ins Reisetagebuch. „Ich denke aber, dass die Abenteuer, die wir erleben, sie weiterbringen – körperlich und geistig.“

Dass dem so ist, erfährt er am Ende der ersten Tour, die das Duo von Wernigerode im Harz dann noch über Wittenberg und Brück zurück nach Berlin führt. Maral sei kräftiger geworden, stellte der Vater fest, habe gelernt, dass Schwierigkeiten überwunden werden können. So starten sie im folgenden Jahr zur zweiten großen Tour.

Wieder erst mit der Bahn zu den Großeltern in Hessen und von dort in 18 Etappen Richtung Norden bis Cuxhaven. 1500 Kilometer. Erst Berge, dann Gegenwind. „Wind ist ein wichtiger Faktor bei einer Radtour“, steht im Reisetagebuch, „ebenso der Untergrund. Kies kostet fünf Kilometer pro Stunde.“ Doch sie fahren nicht gegen die Uhr. Sie fahren für sich. Am Ende der zweiten Fahrt steht die Gewissheit: Machen wir wieder, aber mit einem anderen Rad!

Also schieben sie ein Jahr später, im Juli 2011, ein brandneues, feuerrotes Tandem mit hydraulischen Scheibenbremsen, mit Rohloff-Schaltung, angepassten Satteltaschen in Gelb und Ledersätteln von Brooks in die Regionalbahn nach Elsterwerda. Tour Nummer 3 führt zunächst durch den Osten des Landes. Bad Schandau – Dresden – Riesa.

Maral will immer wieder dasselbe Märchen hören

Erneut Po-Schmerzen. Die Ledersättel müssen erst eingefahren werden, das erfordert genau die gedankliche Abstraktion – jetzt leiden, später genießen –, zu der Maral nicht in der Lage ist. Es gibt Zoff. Dann sind auch noch alle Dorfgasthöfe ausgebucht, weil Stadtfeste oder Hochzeiten stattfinden, und sie müssen weiterfahren. Schäfer lobt und lobt seine Tochter, die so tapfer sei und das alles aushalte, und plötzlich kippt bei ihr der Schalter um: Sie ist gut drauf, lobt sich nun selbst. „Es ist schon interessant, wie die Psychologie bei so etwas mitspielt“, schreibt Schäfer ins Reisetagebuch.

Torgau – Wittenberg – Dessau – Magdeburg. Maral will immer wieder dasselbe Märchen hören: von einer unfähigen Mutter und neun behinderten Kindern. Maral möchte nicht, dass der Vater die ganze Geschichte verrät. Ihre Art, ihr Leben zu beleuchten. Schäfer erfährt etwas über seine Tochter und sie hält aus, was Autisten selten können, dass sich Orte und Anforderungen dauernd ändern.

Schäfer beobachtet außer seiner Tochter auch das Rad, die Getreidestände, Wind und Wetter, und ihm fällt auf, dass die Schmetterlinge weniger werden.

Es geht über die Elbe und dann von Gorleben über Hamburg, Elmshorn, Cuxhaven, Glückstadt nach Wedel. 900 Kilometer, was Maral betrübt – sie hätte gern 1000 gemacht. Zahlen sind wichtig für Autisten. Maral kann zu Geburtstagsdaten in Windeseile den Wochentag ermitteln.

Manchmal denkt er, sie könnte vielleicht etwas anderes machen

Tour 4 führt durchs Zittauer Gebirge. Tour 5 von Darmstadt bis Salzburg und Bad Reichenhall. Tour 6 von Kehlheim, an Schaffhausen vorbei, bis Basel nach Karlsruhe. Tour 7 von Trier über Eisenach nach Leipzig, Wittenberg, Berlin. Und Tour 8 im vergangenen Jahr von Bamberg über Rotenburg an der Fulda und Bad Salzungen nach Saalfeld.

Mit jeder Tour wurde Maral aktiver. Sie hat Schwimmen gelernt und immer ein bisschen mehr in die Pedale getreten („hilft tüchtig mit“, schreibt der Vater). Sie hat Fremde angesprochen, einer alten Frau durch beherztes Zupacken in den Zug geholfen, hat freiwillig Flammkuchen gegessen und gelernt, ihr Jugendherbergsbett selbst zu beziehen. Sie ist vom kleinen Mädchen zum hübschen Teenager geworden, vom Vorschulkind zur Gymnasiastin.

Ob es so weitergeht? Weiß der Vater nicht. Manchmal denkt er, sie könnte vielleicht etwas anderes machen, etwas allein sogar. Sie ist ja kein Kind mehr. Er greift zum Mobiltelefon. „Maral!“, ruft er, als sie abnimmt: „Was meinst du, machen wir im Sommer wieder eine Radtour?“ „Ja“, schallt es prompt aus dem Gerät.

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