Verkaufsoffener Adventssonntag : Still darüber freuen, was man nicht braucht

Langsam durch ein Kaufhaus schlendern, mit leeren Händen wieder rausgehen und sich freuen. Ein paar Gedanken zum Advents-Shopping.

Einkaufstasche in weihnachtlicher Optik
Einkaufstasche in weihnachtlicher OptikFoto: dpa/Sebastian Gollnow

Endlich ist er da, der zweite Advent. Anders gesagt: der verkaufsoffene Sonntag. Nach Black Friday und Cyber Monday soll der Einzelhandel brummen, der Handel die Wirtschaft beleben, die belebte Wirtschaft die Arbeitsplätze sichern, die Arbeitsplatzsicherung die Steuereinnahmen garantieren, das viele Steuergeld zu einem gesunden Haushalt führen. Brav ist der Bürger vor allem, wenn er kräftig konsumiert.

Und weil in der Adventszeit gern gesungen wird, dienen zwei Liedrefrains zur Illustration. „Ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt.“ Das sang die Gruppe „Geier Sturzflug“ im Jahre 1982. Es war eines der erfolgreichsten Stücke der Neuen Deutschen Welle.

Der Refrain war freilich ironisch gemeint. Im Text heißt es auch: „An Weihnachten liegen alle rum und sagen puh, der Abfalleimer geht schon nicht mehr zu, die Gabentische werden immer bunter, und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holt den ganzen Plunder.“

Kritischer Konsum. Der Begriff wurde in den siebziger Jahren geprägt. Weg von dem Kaufrausch, sich von der Habsucht befreien – radikal klangen die antikapitalistischen Parolen. Aus religiöser Sicht war damit eine Rückbesinnung auf die Spiritualität der Adventszeit, des Heiligen Abends und der Weihnachtsfeiertage verbunden. „Reich ist, wer viel hat, reicher ist, wer wenig braucht, am reichsten ist, wer den Armen viel gibt“, hatte der Prediger Gerhard Tersteegen bereits im 18. Jahrhundert gesagt.

Nach dem Fall der Mauer war mit der Ekelerzeugung vor einer Überflussgesellschaft aber erstmal Schluss. Zu groß und zu verständlich war der Nachholbedarf am Erwerb vielerlei modernen Geräts. Als dann noch die Smartphone-Kultur begann, gab’s gar kein Halten mehr. Jedes Jahr musste ein neues Modell erworben werden. Und wo stehen wir heute?

Trend zum Ausmisten

Drei Faktoren haben die Idee des kritischen Konsums revitalisiert. Da ist, erstens, der Klimawandel. Während am verkaufsoffenen Sonntag die Kassen klingeln, tagt in Madrid die Klimakonferenz. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts verursacht jeder Deutsche durch privaten Konsum etwa acht Tonnen CO2 pro Jahr. Das lässt sich reduzieren.

Da ist, zweitens, die Freude am Teilen. Seit Beginn der „sharing economy“ bis zu den allgegenwärtigen Pkw-, Fahrrad- und Elektroroller-Verleihern hat sich bei vielen Verbrauchern der Eindruck verfestigt, dass es sich billiger und bequemer ohne Eigentum leben lässt.

Da ist, drittens, der Trend zum Ausmisten. Die japanische Aufräumfee Marie Kondo empfiehlt, nur Dinge zu behalten, die wirklich Freude machen. Der Rest kann weg. Zigtausende fühlen sich anschließend wie von einer Last befreit. Unsere Urgroßeltern besaßen rund 60 Gegenstände, wir dagegen besitzen 10.000.

Es folgt das zweite Lied. Das neudeutsche Ideal des Besitz-Minimalismus besang vor vier Jahren die Gruppe „Silbermond“ in ihrem Hit „Leichtes Gepäck“: „Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst, du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“

Das wär doch was: An diesem zweiten Advent langsam durch ein Kaufhaus schlendern, die Dinge von allen Seiten betrachten, mit leeren Händen wieder rausgehen, sich in ein Café setzen und ganz still darüber freuen, was man alles nicht braucht, um glücklich zu sein.