Was vom Grunge übrig blieb : Seattle dreht die Musik leise

Die nordamerikanische Stadt an der Westküste lebt vom Mythos des Grunge. Eine bittersüße Rundfahrt.

Umschwärmte Legende. Heute erinnern in Seattle Street-Art-Bilder an Kurt Cobain.
Umschwärmte Legende. Heute erinnern in Seattle Street-Art-Bilder an Kurt Cobain.Foto: Jochen Overbeck

Seattle an einem milden Frühlingsnachmittag. Charity Drewery lenkt ihren schwarzen Dodge-Minivan mit etwas zu viel Schwung in die Sackgasse neben das Museum für Popkultur. Sie springt aus dem Wagen, scherzt ein wenig und mahnt zur Eile. Wir steigen ein, es geht raus auf die 5th Avenue North, Vollgas.

Drewery schließt ihr iPhone an das Autoradio an, ein Song von Pearl Jam dröhnt aus den Boxen. Das Kabel hat einen Wackelkontakt, kleine Störgeräusche zerschießen die Gitarrenakkorde der legendären Band aus Seattle.

Charity wippt trotzdem mit, souverän lenkt sie den Wagen Richtung Downtown. Sie ist eigenartig alterslos, trägt das blonde Haar mittellang. „Stalking Seattle“ nennt sie ihre Tour. An sieben Wochentagen fährt sie für 65 Dollar pro Person eine, manchmal zwei Kleingruppen quer durch die Stadt.

Sie zeigt jene Orte, die für die Grunge-Kultur Bedeutung hatten. Grunge, das ist der Sound, mit dem die Stadt im Nordwesten der USA Anfang der 90er Jahre schlagartig berühmt wurde. Die größten Helden der Szene waren Bands wie Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden. Die Nachfrage nach Charitys Stadtrundfahrt ist groß, vor allem dieses Jahr, ein Vierteljahrhundert nach dem Freitod von Nirvana-Frontmann Kurt Cobain.

Seattle ist keine Touristenmetropole. Wer auf die Space Needle steigt, das Wahrzeichen der Weltausstellung von 1962, hat alles gesehen. Wenige bleiben länger als ein, zwei Tage hier. Vielleicht, weil ansonsten einfach nicht besonders viel los ist.

Vielleicht auch, weil die Stadt es einem nicht ganz einfach macht. Das Wetter: wechselhaft. Mal knallt die Sonne vom Himmel, mal regnet es Sturzbäche. Die Straßen: steil. Die Stadt steht, so wird es zumindest behauptet, auf sieben Bergen.

Dazwischen gibt es Wasser. Um von einem Stadtteil in den andern zu wechseln, muss man Brücken überqueren, als Fußgänger ist man oft nur durch eine schmale Brüstung vom Donnern der Freeways getrennt.

Die Toten von Rock-Seattle

Über einen von ihnen steuert Charity nun ihren Wagen. Unser Ziel ist der vielleicht traurigste Ort Seattles. Weit im Osten der Stadt stehen auf großzügig angelegten Rasenflächen ältere Einfamilienhäuser. Davor in die Jahre gekommene Volvo Kombis, VW-Busse, ab und an ein Porsche 911 oder ein Käfer.

Die für amerikanische Wohngebiete so typischen Wahl-Tafeln von der letzten Präsidentschaftswahl haben die Bewohner trotzig in den Vorgärten stehen gelassen. Sie verraten, dass das hier Bernie-Sanders-Land ist. Noch eine Kurve, noch ein Hügel, dann parkt Charity.

Der Garagenanbau, in dem der Elektriker Gary T. Smith am 8. April 1994 die Leiche von Kurt Cobain fand, steht schon lange nicht mehr. Das Ehepaar, das das 1902 errichtete Haus in den 90er Jahren erwarb, baute um – und verschloss das Grundstück mit einem ziemlich massiven Tor.

Die Fans des Nirvana-Sängers machen ihrem Idol natürlich trotzdem ihre Aufwartung: Die Parkbank, die auf der kleinen Rasenfläche neben dem Haus steht, ist zu einer gut besuchten Pilgerstätte geworden. „It’s Better To Burn Out Than To Fade Away“, das Neil-Young-Zitat aus Cobains Abschiedsbrief, hat jemand mit weißem Edding auf das alte Holz geschrieben.

Einige Briefe liegen auf der Bank, mit Liebesbekundungen, Textzeilen, Bildern. Ein paar Blumen welken, auf der Lehne klebt ein schwarz-weißer Aufkleber von Sub Pop, jenem Label, auf dem Nirvana ihr erstes Album veröffentlichten und das heute noch besteht.

Mit der Band Nirvana feierte Kurt Cobain Mitte der 90er Jahre seine größten Erfolge.
Mit der Band Nirvana feierte Kurt Cobain Mitte der 90er Jahre seine größten Erfolge.Foto: promo

Kurt Cobain ist nicht der einzige Tote von Rock-Seattle. Schon am 16. März 1990 wurde Andrew Wood, Sänger der Band Mother Love Bone, nach einer Heroin-Überdosis bewusstlos in seiner Wohnung gefunden, drei Tage später schaltete die Familie die lebenserhaltenden Geräte ab.

Layne Staley von Alice In Chains starb am 5. April 2002 in seinem Appartement an einem sogenannten Speedball, einer Mischung aus Kokain und Heroin. Soundgarden-Sänger Chris Cornell beging am 18. Mai 2017 in einem Hotelzimmer in Detroit Suizid.

Was macht das mit einer Stadt, wenn sie vier ihrer größten musikalischen Helden verliert? Wenn die Stimmen, die sie überhaupt erst hörbar machten, eine nach der anderen verstummen? Es historisiert die Straßenzüge. Aus ganz normalen Orten werden Gedenkstätten.

Charity fährt sie ab, eine nach der anderen. Die „Black Hole Sun“, eine Skulptur des Künstlers Isamu Noguchi, gab einem Soundgarden-Hit seinen Namen. Sie erinnert an einen sehr großen Donut.

Im „The Central“, einer kleinen Bar in der Nähe des Pioneer Square, spielten Nirvana 1988 ihr Live-Debüt. Heute gibt es Burger und Bier, an den Wänden hängen ein paar Fotos der Helden von einst.

„Lasst keine Sachen im Auto, nicht einmal eine Jacke. Vor zwei Wochen haben sie mir das Seitenfenster eingeschlagen und alles geklaut“, warnt Charity, als sie den Minivan am Bordstein parkt. Downtown-Seattle ist keine vertrauenserweckende Gegend mehr. An vielen Straßenzügen haben es sich Obdachlose in kleinen Zeltsiedlungen eingerichtet. Der Duft von Marihuana hängt in der Luft, Müll türmt sich am Straßenrand.

In den 90ern, so erzählt Charity, habe hier das Leben getobt. Wenn am Wochenende eine angesagte Band in einem der Clubs spielte, sei kein Durchkommen mehr gewesen. Der Hollywood-Regisseur Cameron Crowe drehte damals sogar einen Film über die Szene: „Singles – Gemeinsam einsam“ berichtete vom Leben und Lieben einiger Anfangzwanziger zwischen Proberaum und Minijob.

Neben Stars wie Bridget Fonda und Matt Dillon überredete Crowe auch Mitglieder von Pearl Jam, Mudhoney und Soundgarden zu kleinen Rollen, die Reaktion darauf in der Stadt war kritisch. Von Ausverkauf war die Rede, von Verrat an den Idealen der Szene.

Heute ist man auf „Singles“ ein kleines bisschen stolz. Auch Charity stoppt an jenem Appartementblock, in dem die Protagonisten wohnten, zeigt aus dem Autofenster auf ein Café, in dem gedreht wurde.