Abt Dionysios ist ein gefragter Weinkenner

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Wein aus Zypern : Sind Zyprioten die ersten Weinbauern?
Ein Mönch präsentiert eine Flasche aus dem Kloster Panagia Chrysorrogiatissa.
Ein Mönch präsentiert eine Flasche aus dem Kloster Panagia Chrysorrogiatissa.Foto: JONATHAN EASTLAND/AJAX/Alamy

George Kassianos kredenzt einige typische Tropfen, die nach seiner Überzeugung das Potenzial haben, noch besser zu werden. Die weißen Weine sind betont säurearm, zarte Zitrusnoten überwiegen, dazu kommen Anmutungen von Gras und Kräutern. Sie würden als Getränk gut passen zu den Spa-Anwendungen, bei denen therapeutische Öle aus Weihrauch und Wildkräutern die Mythen der Gegend beschwören. Die Rotweine aus den anspruchsvollen Maratheftiko-Trauben schmecken mit ihrem vollen, würzigen Aroma wunderbar nach Weihnachten.

Der Sommelier fährt nun zum Kloster Chrysorrogiatissa, lauter kleine Weingüter am Wegesrand. Dem souveränen Präsidenten merkt man eine gewisse Nervosität an, als er sich dem „Kloster der Heiligen Jungfrau des Goldenen Granatapfels“ (so die Übersetzung) nähert. Das liegt nicht nur daran, dass es sich um das Herz des neuen zypriotischen Weinbaus handelt, sondern auch daran, dass hier Abt Dionysios waltet. Nach der türkischen Besetzung 1974 von diesem Teil des Landes musste er den Norden verlassen und übernahm vor 40 Jahren die Leitung des Klosters im Süden.

Abt Dionysios ist mit fast 80 Jahren eine eindrucksvolle Erscheinung. Er trägt dichtes weißes Haar und einen langen weißen Bart. In seiner Jugend hat er im Vatikan die Kunst der Bilderrestaurierung studiert, früh ließ er sich einweihen in das Wissen der erfahrenen Winzer der Umgebung, in der auch der Commandaria wächst. Heute ist er selbst mit seinen in Jahrzehnten erworbenen Kenntnissen ein gefragter Berater bei den Weinproduzenten der weiteren Umgebung.

Noah war der erste Weintrinker

Mindestens fünf Madonnen mit Kind auf dem Schoß sind zu sehen in seinem Arbeitszimmer, aber das sind nicht mal die interessantesten Bilder hier. Der Legende nach hat der Evangelist Lukas die echte Madonna gemalt, das Bild dann gut verpackt ins Meer geworfen, wo es 1000 Jahre später von einem Fischer gefunden wurde, der daraufhin seinen Beruf aufgab und dieses Kloster gründete. Jetzt steht das Bild in dessen Kirche.

Über die Bezüge zum Wein, die im Alten und im Neuen Testament zu finden sind, forscht der Abt seit Langem. Noah, als erster Weintrinker, gehört dazu, aber natürlich auch die wunderbare Weinvermehrung bei der Hochzeit von Kanaan. Die eigentliche Weinproduktion ist inzwischen ausgelagert. Dafür werden im Keller des Klosters nicht nur besonders gute Flaschen aufgehoben, es gibt auch ein Museum mit den Geräten, die Mönche früher zur Weinherstellung verwendeten, als man die Trauben noch mit den bloßen Füßen zerquetschte. Zum Abschied verrät Dionysios seinen Lieblingswein: der „Ayios Andronicos“ aus Xynisteri-Trauben. In der 2017er Variante ist er von ergreifender Schlichtheit, sehr säurearm mit Nuancen von Gras und Oliven.

Obwohl der Abt eine Instanz ist, hat er es nicht immer leicht gehabt mit der Kirche, erzählen sich Einheimische. Die Kirche hat schließlich zur unbeschwerten dionysischen Lebensfreude asketische Aspekte addiert. Ein ganz schlechter Ort für Asketen ist die Pangratios-Taverne am Dorfplatz in Miliou, etwa 15 Autominuten vom Kloster entfernt. Zum Mittagessen werden immer wieder neue Vorspeisen aufgetragen, eine gigantische Mese-Tafel mit Salaten, Dips, in Rotwein getränkter Wurst, Halloumi, Fisch- und Fleischspießen und süßem Kuchen.

Ort für ein dionysisches Liebesmahl

Urlauber auf Zypern erholen sich in der Blauen Lagune.
Urlauber auf Zypern erholen sich in der Blauen Lagune.Foto: promo

Bei einem Glas Eros-Wein, einem kräftigen Rosé aus Maratheftiko-Trauben, erzählt George Kassianos von seinem Traum, einen zypriotischen Rosé-Sekt zu kreieren. Der würde bestens passen zur Vielfalt der Mese, die David Goodridge, Küchenchef im nahe gelegenen Anassa-Hotel, mit internationalen Einflüssen weiterentwickelt hat: marinierter Schwertfisch mit Zitronen- und Apfelsauce, Oktopus-Souflaki mit Bio-Honig und wildem Oregano. Im Gartenrestaurant Helios, in dem Dutzende von Hand angezündete Laternen in den Bäumen baumeln, finden moderne Anhänger der Aphrodite einen romantischen Ort für ein dionysisches Liebesmahl. Um wieder nüchtern zu werden, könnte man einen Schwimmausflug in die Blaue Lagune unternehmen, in der das Wasser weich und warm die Haut umspült.

Die ersten Touristen auf der Insel waren die Pilger, die Aphrodite verehrten. Der süße Wein, mit dem in vorchristlicher Zeit den Göttern geopfert wurde, spielte in ihren Ritualen gelegentlich eine Rolle, wenngleich die Göttin der Schönheit den Weihrauch noch mehr geliebt haben soll. Was bleibt: Ein erstes Glas des uralten süßen Commandaria weckt den Durst auf mehr von der Göttlichkeit, die auf Zypern in so vielen Erscheinungsformen in die Welt trat.

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