Wie der erste Bericht nach draußen gelangt

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Gesellschaft : Als Spion in Auschwitz
Jan Ludwig
das Tor zum Konzentrationslager, wie es heute erhalten ist
Das Tor zum Konzentrationslager, wie es heute erhalten ist.AFP

Ein Häftling, der im November 1940 entlassen wird, schmuggelt seinen ersten Bericht nach draußen. Über Warschau und Stockholm erreicht der Report London, den Sitz der polnischen Exilregierung. Die leitet ihn im März 1941 an die britische Regierung weiter. Doch was die nun zum ersten Mal zu lesen bekommt, wird für unzuverlässig und übertrieben gehalten. Dabei steht das Schlimmste noch bevor.

Im September 1941, ein Jahr nach Pileckis Ankunft, kann das Stammlager die ankommenden Menschenmassen kaum noch bewältigen. Von der Front treffen tausende sowjetische Kriegsgefangene ein. Die Russen gehören zu den ersten, an denen man Zyklon B ausprobiert. Ein zweites Lager wird nun drei Kilometer entfernt errichtet: Birkenau. Kaum jemand kehrt aus Auschwitz-Birkenau zurück. Es ist das Vernichtungslager.

Pilecki darf im Stammlager bleiben. Hier arbeiten sich die Gefangenen zu Tode, sie erfrieren in der Kälte oder man stellt sie an die „Todesmauer“, besonders gern an polnischen Feiertagen. Zehntausende Menschen gehen im Stammlager zugrunde.

Auch ein Lager des Grauens braucht eine Infrastruktur, braucht Bäcker, Klempner, Schuster, Maurer. Wer überleben will, sollte backen und klempnern, schustern und mauern können. Oder jedenfalls so tun als ob.

„Du bist nicht vielleicht Ofensetzer?“, wird Pilecki eines Tages von einem Kapo gefragt. „Jawoll, ich bin Ofensetzer“, erwidert Pilecki, ohne zu überlegen. Pilecki soll einen Arbeitstrupp zusammenstellen, er wählt vier Mithäftlinge. Dann bringen die Wachen sie in die Wohnung eines SS-Mannes. Pilecki und seine Kameraden sollen den Kachelofen von einem Raum in den nächsten umsetzen. Der SS-Mann erklärt, was zu tun ist, und geht. Im lakonischen Ton, den sein ganzer Bericht durchzieht, schreibt Pilecki: „Ich fragte in die Runde, ob irgendjemand eine Ahnung vom Ofensetzen habe. Das war nicht der Fall.“ Da stehen also fünf Häftlinge, keiner vom Fach, und schauen sich gegenseitig an.

„Wer um sein Leben kämpft, bringt Dinge fertig, die er nie für möglich gehalten hätte.“ Stück für Stück baut Pilecki den Ofen ab, merkt sich jedes Teil und setzt ihn wieder zusammen. Vier Tage Zeit für einen Ofen, vier Tage Zeit, um ein Leben außerhalb des Stromzauns zu sehen, wo Menschen ihren Nachbarn helfen, Ehemänner ihre Frauen küssen, gemeinsam frühstücken. „Als ich dann am fünften Tag den neuerrichteten Ofen das erste Mal versuchsweise befeuern sollte, schaffte ich es, im Lager so gründlich verloren zu gehen, dass ich unentdeckt blieb.“

Wenn es in dieser Geschichte nicht um Leben und Tod ginge, um Auschwitz und industrielles Morden, könnte man Pilecki für eine Art Hauptmann von Köpenick halten. Er gibt sich auch als Gerber aus, als Schreibhilfe und Bäcker, Schreiner und Kartograf. Aber Pilecki narrt nicht eine bornierte preußische Obrigkeit. Er düpiert Wachmannschaften mit Totenkopf auf den Kragenspiegeln.

Witold Pilecki mag sportlich gewesen sein, robust, trickreich und intelligent. Vor allem aber hatte er unfassbar viel Glück.

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