Wiederentdeckte Künstlerinnen : Alte Meisterinnen

Yayoi Kusama, Ruth Wolf-Rehfeldt, Ingrid Wiener: Jahrzehntelang interessierte sich kaum jemand für ihr Werk. Im Rentenalter wurden sie zu Superstars.

Yayoi Kusama (geb. 1929) ist sie eine der teuersten Künstlerinnen der Welt und Liebling der Instagrammer.
Yayoi Kusama (geb. 1929) ist sie eine der teuersten Künstlerinnen der Welt und Liebling der Instagrammer.Foto: imago/China Foto Press

Es ist die letzte Möglichkeit zum Gespräch; am nächsten Tag geht sie für vier Wochen in ihr Retreat. Dafür fährt Ruth Wolf-Rehfeldt nicht ins teure Spa – sie bleibt einfach vier Wochen lang zu Hause. Den Buddhismus hat sie nach der Wende entdeckt, zur selben Zeit, als sie aufhörte, Kunst zu machen. RWR, wie viele sie nennen, sah die Notwendigkeit nicht mehr. In der DDR hatte sie mit ihrer grafischen Schreibmaschinenkunst Grenzen überschritten, Grenzen zwischen Kunst und Poesie, zwischen Ländern und Systemen. Auch wenn sie selbst nicht nach Mexiko oder New York reisen konnte, ihre Mail Art flog überall hin. Nun, da die Grenzen offen waren, stellte sie fest: Es gibt schon so viel Kunst. Warum dann noch mehr?

Knapp 30 Jahre ist es her, dass sie ihre Laufbahn beendete. Heute ist die Künstlerin 87 Jahre alt – und wird gefeiert wie nie. Das Museum Weserburg Bremen hat ihren Vorlass gekauft und einen großen Katalog zusammengestellt, sie wurde zur Documenta eingeladen, auf der Art Basel und in Ausstellungen vorgestellt. Inzwischen hat sie einen Verleger und eine Galerie in Berlin, und am kommenden Mittwoch widmet das Haus für Poesie in Prenzlauer Berg der Grenzgängerin einen eigenen Abend.

Es sind oft junge Leute, die bewundernd vor ihren Arbeiten stehen, welche so modern, so eigen wirken. Abstrakte „Typewritings“, geschaffen aus getippten Buchstaben und Zeichen, aus subtilen Botschaften und stillem Humor.

Ruth Wolf-Rehfeldt (geb. 1932) Die Mail-Artistin aus Ost-Berlin überwand mit ihren „Typewritings“ Grenzen.
Ruth Wolf-Rehfeldt (geb. 1932) Die Mail-Artistin aus Ost-Berlin überwand mit ihren „Typewritings“ Grenzen.Foto: Wikipedia / Creative Commons

Der Weg zu RWR führt am Autohändler und an Kleingärten vorbei. In ihrer winzigen Küche in Französisch Buchholz rührt sie den Nescafé an, mit dem es ins vollgestopfte Wohnzimmerchen geht. Die Künstlerin macht nicht den Eindruck, als hätte der späte Ruhm ihr Lebensglück entscheidend verändert. Als das Gespräch auf die Documenta 2017 kommt, schwärmt sie vor allem von den schönen Spaziergängen in Wilhelmshöhe. Wobei schwärmen fast schon übertrieben ist. RWR ist eine zurückhaltende Person – ihr Mann Robert Rehfeldt, der 1993 verstorbene Pionier der Mail Art in der DDR, der sie zur Kunst ermutigt hat, war der Extrovertierte.

Ruth Wolf-Rehfeldt war nicht die einzige ältere Dame auf der 14. Documenta. Dort konnte man auch die damals 91-jährige Geta Bratescu entdecken, die experimentierfreudige Rumänin, die sich mit ihrem vielseitigen Werk von Performance bis Bildhauerei dem Diktat des sozialistischen Realismus verweigerte. 2018 widmete ihr der Neue Berliner Kunstverein eine Solo-Show.

Geta Bratescu (1926-2018) Die vielseitige Rumänin experimentierte mit Performances, Cut-outs und Skulpturen.
Geta Bratescu (1926-2018) Die vielseitige Rumänin experimentierte mit Performances, Cut-outs und Skulpturen.Foto: Stefan Sava

Die Damen liefern fette Kost

Es gab eine Zeit, noch gar nicht so lange her, da konnten die Künstler gar nicht jung genug sein. Galeristen fischten sie von der Hochschule weg, pushten sie hoch und verheizten sie oft. Und jetzt? Sind die Seniorinnen dran. Die Liste derer, die erst spät oder posthum geehrt werden, ist lang: Christa Dichgans, Jeanne Mammen, Eva Hesse, Anita Rée, Alice Neel … Selbst Louise Bourgeois und Maria Lassnig wurden erst im Rentenalter zu den Superstars, die sie heute sind. Performancekünstlerin Takako Saito hat mit 88 ihre erste Retrospektive bekommen, Rose Wylie wird mit 84 als Junge Wilde gefeiert.

Christa Dichgans (1940-2018) gilt als „Grande Dame der deutschen Pop-Art“. Aus dem Alltag machte sie Kunst.
Christa Dichgans (1940-2018) gilt als „Grande Dame der deutschen Pop-Art“. Aus dem Alltag machte sie Kunst.Foto: Jan Bauer

Gründe dafür gibt es fast so viele wie Artistinnen. Das fängt damit an, dass das Interesse an Kunst insgesamt seit Jahren boomt, sodass ständig neues Futter benötigt wird. Und die Damen liefern fette Kost: ein unbekanntes, überraschendes Œuvre. Sie haben nicht nur einzelne Werke, sondern ein ganzes, reifes Werk vorzuweisen.

Davon profitieren jetzt, zum 100. Geburtstag, auch endlich die Bauhausfrauen, denen sich auffallend viele Bücher, Fernsehfilme und Ausstellungen widmen. Über Gropius ist eigentlich alles gesagt. Über Anni Albers nicht. Besucher ihrer Solo-Show, die im letzten Jahr erst im Düsseldorfer K20, anschließend in der Londoner Tate Modern lief, waren verblüfft von ihrer ebenso abstrakten wie sinnlichen Textilkunst, deren Vielfalt und Offenheit gegenüber Inspirationen.

„Frauen malen nicht so gut“

Anders als die Jungen hatten die Alten Jahrzehnte Zeit, ihr Werk zu entwickeln. Jahrzehnte, in denen sie kaum oder gar nicht beachtet wurden. Weil sie im Schatten der Männer, nicht selten ihrer eigenen, standen, weil sie keiner Schule angehörten, jenseits der aktuell angesagten Trends arbeiteten. Weil sie, ganz einfach: Frauen waren. Die es bis heute ungleich schwerer haben, ins Museum zu kommen. Vorurteile halten sich hartnäckig. Noch 2013 erklärte Georg Baselitz im „Spiegel“, „Frauen malen nicht so gut“. Und wer Kinder bekommt, hat es selbst im 21. Jahrhundert schwer, als Künstler ernst genommen zu werden. Für junge Väter gilt das nicht. Auch deswegen haben es die Alten einfacher: Sie sind aus dem gebärfähigen Alter raus.

Was allen Frauen hilft, ist der Aufstieg der Kuratorinnen an die Spitze vieler Institutionen. So hat die Direktorin der Tate Galleries gerade entschieden, in der Ausstellung britischer Kunst seit 1960 für mindestens ein Jahr nur Künstlerinnen zu zeigen. Ihr ging die Wiederentdeckung nicht schnell genug.

Im Nachhinein gereicht den Künstlerinnen die frühere Nichtbeachtung durchaus zum Vorteil. Denn frei vom Druck des Kunstbetriebs machten sie einfach, was sie für richtig hielten und nicht, was erwartet wurde. Jetzt werden sie bewundert für die Hartnäckigkeit, mit der sie ihre eigene Sache betrieben. So wie Carmen Herrera, die die „New York Times“ 2009 auf der Titelseite als „The Hot New Thing in Painting“ ankündigte. Dabei hat die kubanischstämmige New Yorkerin mit 89 ihr erstes Bild verkauft. Mit 103 malt sie immer noch ihre radikal reduzierten Werke, geometrische Abstraktion mit nie mehr als zwei Farben. Ermöglicht hat ihr dieses Leben ihr Mann, der als Englischlehrer das Geld verdiente und sie bat, keinen Brotjob anzunehmen, sondern zu Hause zu bleiben und Kunst zu machen.

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