"Die Medien bilden nicht die Wirklichkeit ab, zum Glück."

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Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar : "Sie denken, ich bin der Erklärbär!"
Ranga Yogeshwar, 55, wurde in Luxemburg geboren und wuchs zeitweise in Indien auf. heute lebt er bei Köln.
Ranga Yogeshwar, 55, wurde in Luxemburg geboren und wuchs zeitweise in Indien auf. heute lebt er bei Köln.Foto: Caro/Spiegl

Diese Erkenntnis spiegelt sich zumindest nach 20 Uhr im Fernsehen kaum noch wider.
Nun bilden die Medien nicht die Wirklichkeit ab, zum Glück, wenn ich mir Nachmittagstalkshows ansehe. Das Fernsehen hat seine eigenen Gesetze.
Die „FAS“ hat Ihre Fernsehauftritte einmal dadurch charakterisiert, dass Sie ein Maximum an „Ahs“ und „Ohs“ erreichen wollen. Und der „Spiegel“ nannte Sie das „Ein-Mann-Kompetenzzentrum“.
Na und? Der „Spiegel“ schrieb das im Kontext von Fukushima, da war mir die Berichterstattung wichtig, und dann gab es diese Panne: Die Grafik für den „Brennpunkt“ kam nicht, und ich habe die Kernschmelze mithilfe eines Sektkübels, eines Textmarkers und eines Glases erklärt. Ich dachte selbst, das ist jetzt ein bisschen seltsam, und der Regisseur sagte, „das ist hier der ,Brennpunkt‘ “…
… und nicht „Die Sendung mit der Maus“.
Ja, wenn Leute etwas verstehen, sagen Sie immer, das ist die „Sendung mit der Maus“. Jedenfalls rief mich hinterher der Fernsehdirektor an und sagte: „Großartig, jetzt habe ich es verstanden.“ Ich versuche Wissen zu vermitteln, aber wenn man ehrlich ist: Versteht man wirklich, was in Fukushima geschehen ist?

Sie haben nicht alles verstanden?
Nein. Zum Beispiel, warum haben die nicht Leute mit Presslufthämmern hochgeschickt, um den Sicherheitsbehälter zu öffnen, damit der Wasserstoff entweichen kann? Der war ja der Grund der Explosion. Ich war im Sommer dort und gerade wieder. Der Aufwand, den die Japaner heute betreiben, ist atemberaubend. Das sind Baustellen mit 6000 Leuten und mehr. Doch das wirklich Tragische ist: Ganze Regionen sind kontaminiert.
Und was tun die Bauarbeiter dort?
Der komplette Boden wird abgetragen und in riesigen schwarzen Säcken auf Deponien gebracht. Die spannende Frage ist: Werden die betroffenen Regionen je wieder zugänglich oder dürfen die Kinder nie mehr auf den Feldern spielen? Das wird ein seltsames Lebensgefühl, denn Japan hat nicht die Ressourcen an Fläche wie Weißrussland und die Ukraine. 2011 haben viele gesagt, die Japaner kriegen das nicht in den Griff, und die deutschen Kernkraftwerke sind sicher. Die Deutschen sollten da respektvoller und fairer sein. Die Japaner machen alles Menschenmögliche.
Das Argument war doch, in Deutschland werde es keinen Tsunami geben.
Solch ein extremes Naturereignis kennen wir nicht. Aber meine These ist, was dort passiert ist, kann auch hier passieren, weil genau die Dinge geschehen, die man nicht antizipiert hat. Außerdem müssten heutige Kernkraftwerke mit derartigem Sicherheitsaufwand konstruiert sein, dass das nicht mehr rentabel ist. Ich sehe das ganz undogmatisch.
Wurden Sie in der Schule eigentlich für einen Streber gehalten?
Nein, ich glaube, Streber lassen andere nicht abschreiben. Wir waren ein super Klassenverband.
In welchem Fach haben Sie denn abgeschrieben?
Darin war ich schlecht. Einmal habe ich versucht, in Geschichte zu mogeln, aber ich habe es verpfuscht. Ich musste allein nachschreiben, weil ich den Termin wegen einer gebrochenen Hand versäumt hatte. Jedenfalls deponierte ich mein Geschichtsbuch auf dem Klo. Irgendwann behauptete ich, ich muss mal. Der Lehrer war skeptisch, trotzdem durfte ich gehen. Auf dem Klo lagen dann alle Antworten, aber ich hatte die Fragen vergessen.
Sind Sie zu Hause auch der Erklärer?
Jemand hat einmal meine Tochter gefragt, wie ist das bei euch in Mathe, fragst du Mama oder Papa? Sie hat geantwortet, dass sie mich zwar fragen könnte, aber doch lieber zu Mama geht, weil die schneller ist. Ich würde ihr erst einmal die Schönheit der Vektorrechnung erklären.
Und wenn Sie mit Ihrer Frau den Sternenhimmel betrachten?
Sie denken, ich bin der Erklärbär und muss alle um mich herum belehren. Da sitzen Sie im falschen Zug. Wenn ich mir den Mond angucke, ist der nach wie vor romantisch. Und er ist noch romantischer, wenn man ihn besser versteht. Die Andromeda-Galaxie ist doch mit bloßem Auge nur ein Mückenschiss, wenn Sie mehr darüber wissen, gewinnt der Sternenhimmel gleich noch an Dramatik. Ich finde, Wissen führt zu mehr Emotionalität.

In den 80er Jahren waren Sie Student. Die damals aktive Friedensbewegung haben Sie später als eine Art Karneval bezeichnet. Demonstriert haben Sie wohl nie?
Doch, ich war auch 1983 in Bonn. Ich habe das teilweise sogar mitorganisiert.