Yogakolumne : Yoga und andere gute Vorsätze

Der dicke Hintern muss weg und der langersehnte Karrieresprung endlich her: Wieso ist das in jedem Januar so?

Patricia Thielemann
Jetzt heißt es durchhalten. Zum Jahresanfang sind Yoga- und Fitnessstudios brechend voll.
Jetzt heißt es durchhalten. Zum Jahresanfang sind Yoga- und Fitnessstudios brechend voll.Foto: pa/Oliver Berg/dpa

Seit dem Jahresanfang ist es in meinen Yogastudios brechend voll. Teilnehmer, die seit Wochen oder sogar Monaten nicht da waren, rollen wieder ihre Matten aus und viele Neueinsteiger kommen jetzt dazu. Sie alle sind getrieben von guten Vorsätzen.

Sie wollen ihr ganzes Leben umkrempeln. Sich gesünder ernähren, mehr auf ihre Work-Life-Balance achten, Projekte nach vorne bringen. Was im vergangenen Jahr nur schleppend lief, soll nun endlich funktionieren.

Wieso ist das in jedem Januar so? Liegt es an den besinnlichen Feiertagen? Die Welt hat sich in den vergangenen Wochen etwas langsamer gedreht. Endlich gab es mal ein bisschen Zeit, über sich und das Leben nachzudenken. Wir haben ausgeschlafen, uns satt gegessen. Das stärkt genug, um neue Pläne zu schmieden.

Ich freue mich wirklich, dass so viele mit diesen Ideen ausgerechnet zu mir kommen. Doch dieser plötzliche Übereifer stellt mich vor eine echte Herausforderung.

Es geht ums blanke Überleben

Wenn ich die Hochmotivierten frage, was sie gerade bewegt, was sie treibt, dann heißt es: Der fette Arsch muss endlich weg, die Glasdecke wird dieses Jahr auf jeden Fall gesprengt, vor dem Frühstück sollen ab sofort jeden Morgen acht Kilometer gejoggt werden und nach einer 60-Stunden-Woche steht für das Wochenende ein ambitioniertes soziales Projekt auf dem Programm.

Ich verstehe das gut. Bei diesen Selbstoptimierungsversuchen geht es nämlich nicht, wie man fälschlicherweise meinen könnte, um Eitelkeit – sondern ums blanke Überleben.

Schließlich steht heutzutage nicht nur die Tätigkeit des Einzelnen, sondern der Mensch an sich immer und andauernd zur Disposition. Wer zu viele Speckrollen hat oder sich nicht genügend weiterbildet, läuft Gefahr, früher oder später ausgemustert zu werden. Alle rennen, weil keiner am Ende leer ausgehen will.

An dem Schaffensdrang an sich ist nichts verkehrt. Jeder Mensch möchte wirksam sein. Das verleiht dem Leben doch den tieferen Sinn. Als Yogalehrer sollte man sich deshalb davor hüten, den neujährlichen Aktivismus generell zu verurteilen. Das schläfert nur ein.

Aber wir können Fragen stellen. Wenn wir verdammt viel wollen und uns deshalb übermäßig viel Stress machen, sollten wir unsere eigenen Beweggründe abklopfen. Wollen wir wirklich etwas gestalten oder treibt uns nur die Angst?

Yoga ist Weltflucht

Viele glauben, sie seien aktiv, aber im Grunde sind sie reaktiv. Diejenigen, die den Blick verstärkt nach außen richten und so gut wie nie nach innen, die brauchen die Bestätigung anderer gewöhnlich mehr als die Luft zum Atmen.

Yoga kann man auf ganz unterschiedliche Art deuten. Wer der Spirale dieses blinden Getriebenseins entkommen möchte und sein Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen will, der braucht einen starken Gegenpol zum Alltag.

Manchmal ist das eine Zumutung, denn es bedeutet auch nicht immer sofort auf alles zu reagieren, sondern bei sich zu bleiben und sich mit all seinen Sorgen und Sehnsüchten auszuhalten.

Neulich sprach ich mit einem älteren Herrn, der mir im ICE nach Hamburg gegenüber saß. „ Aha! Yoga!“, sagte er zu mir über seine Brillengläser hinweg. „Das ist doch nichts als Weltflucht.“ Danach biss er in sein Wurstbrot und widmete sich wieder seiner Zeitung.

Recht hat er, dachte ich. Yoga ist wirklich Weltflucht – und das ist gut so.

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Patricia Thielemann ist Chefin von spirityoga.de