Youtube als Nachhilfeplattform : Schüler brauchen Kompetenzen gegen Desinformation

Nachhilfeangebote auf Youtube sind für Schüler eine Alternative zu verstaubten Schulstrukturen. Macht sie aber anfällig für Desinformation. Ein Kommentar.

Schüler arbeiten mit einem Tablet.
Schüler arbeiten mit einem Tablet.Foto: Martin Schutt/ZB/dpa

Es war einer der zentralen Slogans der Bildungsproteste vergangener Jahre: „Bildung für alle und zwar umsonst“. Betrachtet man die Ergebnisse der neuen Studie des Rats für kulturelle Bildung, könnte man meinen, dass junge Menschen diesen Anspruch längst in den Alltag übersetzt haben. Beinahe jeder zweite Schüler nutzt Youtube mittlerweile, um für die Schule zu lernen.

Nie waren Mathematiknachhilfe und Philosophieexkurse für so viele so problemlos erreichbar. Rund um die Uhr und – sofern ein Internetanschluss und ein Gerät verfügbar sind – kostenlos. Ist das nun eine Chance für eine gerechtere, individuellere Bildung oder droht gar eine desinformierte Generation?

Die Studie unterstreicht, dass das Portal der Tochtergesellschaft von Google mittlerweile das zentrale Leitmedium junger Menschen ist, ein Kulturort für eine ganze Generation. Ausgerechnet Youtube. Jene Plattform der nahezu grenzenlosen Unterhaltung, Zerstreuung und Selbstdarstellung. Spätestens seit das Anti-CDU-Video des Youtubers Rezo vor der Europawahl millionenfach geklickt wurde, erkannte auch eine breite Öffentlichkeit die Macht des Mediums.

Alternativen zu den verstaubten Strukturen des Schulalltags

Zwei Milliarden Nutzer schauen monatlich zu, pro Tag über eine Milliarde Stunden. Mittlerweile werden jede Minute 400 Stunden Material auf der Plattform hochgeladen. Darunter auch weiterhin jede Menge Katzenvideos, aber eben auch Stoff, der Schülern hilft, offene Fragen aus dem Unterricht zu beantworten.

Offensichtlich sind soziale Netzwerke heute nicht mehr nur die Marktplätze des 21. Jahrhunderts – für junge Menschen sind es auch Akademien. Hier finden die User zahlreiche Alternativen zu den verstaubten Strukturen des Schulalltags. Statt über Jahre hinweg dem gleichen Lehrpersonal ausgeliefert zu sein, können sie sich nicht nur Dozenten aussuchen, sondern angesichts der Vielzahl an Angeboten auch zwischen Präsentationsformen und Länge der Unterrichtseinheiten wählen.

Eigenes Lerntempo und unbegrenzte Wiederholung des Stoffs sind ebenso gewährleistet wie ein Lernen ohne den sozialen Druck des Versagens. Diese individualisierte Form des Lernens kann auch eine Chance für das traditionelle Bildungssystem sein. Der Innovationsdruck auf den klassischen Schulunterricht wird weiter zunehmen. Jeder dritte befragte Schüler gab an, dass die Videos auf Youtube Bildungsinhalte verständlicher und einprägsamer erklären können. Jene Lehrer, die noch immer viel zu oft mit Arbeitsblättern und Frontalunterricht lehrten, werden mehr denn je herausgefordert, technisches Knowhow und moderne Vermittlung mit altersgerechter Ansprache zu verbinden.

Die Verführung zum Weiterklicken

Der Prozess des Lernens ist eine Interaktion, keine Einbahnstraße vom Bildschirm zum Konsumenten. Und doch muss die Realität anerkannt werden. Wenn 90 Prozent der Schüler die Videoplattform im Alltag nutzen, ist das ein Trend, der nicht umkehrbar ist. Lehrer müssen somit offen sein für neue Anreize und, ebenso wie die Eltern, wachsam, dass sie Kinder starkmachen gegenüber den Verführungen des Netzes. Denn darum geht es letztlich im Geschäftsmodell des Plattformanbieters: Verführung zum Weiterklicken.

Youtubes Gewinn hängt an Abspieldauer und Aufrufen. Darum erscheinen parallel zu allen Videos bereits neue Vorschläge für die Konsumenten, was sie als Nächstes anschauen können. Und darum beginnt das nächste Video automatisch. Das birgt das Risiko der Ablenkung und ebnet den Weg zu Quellen, die möglicherweise Desinformationen bereithalten.

Der Studie zufolge wünschten sich übrigens auch 60 Prozent der Schüler selbst, dass ihnen ein kritischer Umgang mit Youtube vermittelt wird. Zu Recht: Angesichts der erschlagenden Fülle an Möglichkeiten, ist die Kompetenz, die Verlässlichkeit einer Information einschätzen zu können, heute notwendiger denn je.