Zeit schenken : Schöner zündeln

Eine Uhr für ein paar Tausend Euro oder eine Streichholzschachtel - was ist das bessere Geschenk?

Susanne Kippenberger
Die Autorin hat's gern hyggelig.
Die Autorin hat's gern hyggelig.Foto: mashiki - stock.adobe.com

Zu den schönsten Weihnachtsgeschenken, die für mich diesmal unterm Tannenbaum lagen, gehörten Streichhölzer. Meine Nichte hatte die Schachteln beklebt, mit Fotos von besonderen Familienmomenten, in einigen taucht mein verstorbener Bruder auf (keine Sorge, nicht als Geist, als Bild im Bild). Die liegen nun, statt der hässlichen Supermarktschachteln, auf meinen Tischen rum und erfreuen mich jedes Mal, allein, wenn ich darauf gucke. Das nenne ich eine gelungene Verschönerung des banalen Alltags.

Was ich dagegen noch nie bekommen und nur ein einziges Mal, auf besonderen Wunsch, verschenkt habe, ist eine Uhr. Staunend blättere ich mich jedes Mal durch die Magazine, wenn sie wieder aufwendig inszenierte Fotostrecken mit Luxuszeitmessern präsentieren, man weiß nie, ist das jetzt schon Werbung oder soll das noch Journalismus sein. Und jedes Mal frage ich mich, wer kauft eigentlich solche scheußlichen, überfrachteten, hundsschweren Dinger für Tausende, manchmal Zehntausende von Euro?

Ich trage überhaupt keine Uhr. Wenn ich wissen will, wie spät es ist, gucke ich auf den Computer oder aufs Handy. Nicht nur, dass es mich stört, was am Handgelenk zu haben. Warum sollte ich der Zeit beim Vergehen zugucken? Ist doch gemein genug, dass sie das tut, und in fortgeschrittenem Alter immer schneller.

Zeit dagegen, gemeinsame, habe ich schon häufiger verschenkt und bekommen. Scheint im Trend zu liegen. Im Radio hörte ich, dass Kinder sich in ihren Briefen an den Weihnachtsmann diesmal offenbar besonders oft, nein, kein Smartphone und kein Playmobil gewünscht haben, sondern: mehr Zeit mit Papa. Oder dass die Mama am Wochenende nicht immer hinter den Akten sitzt. Im verzweifelten Versuch, die Geschenkeflut etwas einzudämmen, beschworen Eltern wiederum Großeltern, die Kleinen nicht zu erschlagen mit Dingen, sondern eher was mit den Enkeln zu unternehmen.

Meiner Streichholzschachtelnichte Elena hatte ich zum Abitur eine gemeinsame Reise nach Nordspanien geschenkt. Es hat zehn Jahre gedauert, bis wir endlich aufgebrochen sind, es kam immer was dazwischen, das Leben halt, aber dann war’s wunderschön. Wir haben es uns gut gehen lassen, unter anderem in einem besonderen Restaurant in Rioja, wo wir uns, wie echte Touris, schick gemacht und mit erhobenen Gläsern, von der Kellnerin haben fotografieren lassen. Dieses Bild klebt nun auf einer meiner Streichholzschachteln, und jedes Mal, wenn ich mir eine Kerze anzünde – was ich häufig tue, ich hab’s gern hyggelig – denke ich an unsere Reise und den genüsslichen Abend zurück.

„Weihnachten war herrlich und nahm überhaupt keine Ende“, las ich gerade im Brief eines britischen Schriftstellers. Komisch, ich finde, es ist immer ganz schön schnell vorbei, gemessen an den Wochen der Vorbereitungen. Mit denen ich natürlich wieder nicht fertig geworden war, weshalb ich am 28. noch ein Weihnachtsgeschenk kaufen musste. Im Buchladen traf ich einen früheren Kollegen, der mir von seinem Fest vorschwärmte. Sein kleiner Sohn sei mit eineinviertel alt genug, sich von Weihnachten verzaubern zu lassen, aber noch nicht so alt, dass er von Geschenkeerwartungen verdorben wäre. Ihm genügte tatsächlich das Strahlen der Lichter am Tannenbaum.

Gut, die Zeit lässt sich nicht zurückschrauben, und Krabbelkind muss ich auch nicht noch mal sein. Aber ein bisschen haben meine Streichhölzer was von Zauberstäbchen, die immer wieder ein Strahlen entzünden. Und da die Vergesslichkeit mit den Jahren ja bekanntlich zunimmt, sind solche kleinen Erinnerungsstützen auch noch außerordentlich praktisch.