"Grenzerfahrungen bringen uns weiter"

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Zum Berlin-Marathon : „Schmerz ist der engste Vertraute jedes Läufers“
Günter Herburger und Matthias Politycki, Autoren und Marathonläufer.
Günter Herburger und Matthias Politycki, Autoren und Marathonläufer.Foto: Mike Wolff


POLITYCKI: Oh doch! Aber man muss ja abwägen, was man mit welchem Aufwand in diesem Leben machen kann. Ich für mein Teil suche meine Ultra-Erfahrungen immer mal wieder beim Gehen, ob in Wüsten oder Bergen: im Pamirgebirge auf 5000 Meter Höhe über einen Gletscher zu gehen, kein Seil, keine Eispickel – damit ist mein Bedarf an Extremerfahrung erst mal lange gedeckt.

Was soll das alles?

POLITYCKI: Grenzerfahrungen bringen uns weiter, vor allem mental. Nicht zuletzt bringen sie uns dazu, ganz andere Bücher zu schreiben als nur am Schreibtisch! Aber schon in der Abfolge normaler Trainingseinheiten werde ich ein anderer Mensch, irgendwann fühle ich mich auf unspektakuläre Weise wohl in meinem Körper. Die Energie ist gleichmäßiger darin verteilt.

HERBURGER: Laufen war die Rettung aus manischen Depressionen, die mich sogar in Kliniken brachten, seit meiner Jugend litt ich an Melancholia. Die Ärzte wussten nichts darüber, ich fing an zu laufen und siehe, es balancierte sich ein, es war wie ein Wunder. Sie rennen auch bei großer Angst weg, Sie entfernen sich von der Gefahr, Sie fühlen sich dabei leichter, hosianna!

Langstreckler berichten oft von Trance, von Ekstase.

HERBURGER: Ich geh mal aufs Klo, erzählen Sie ruhig.

POLITYCKI: Eigentlich trainiert man, damit man auch die letzten Kilometer eines langen Laufs bei wachem Verstand erlebt. Einmal allerdings lief ich rund um Bad Ems. Als ich mit letzter Kraft den deftigsten Berg meiner Strecke gepackt hatte und es abwärts ging ins verregnet neblige Tal der Lahn, wunderbar tropfender Wald, da hörte ich plötzlich jemand von ferne singen – und viel später stellte ich fest, oh, das war ich selber. Es war keine wirkliche Melodie, eher Töne der Freude. Ich war ganz außer mir gewesen, nun kam ich Serpentine um Serpentine wieder auf dem Boden an.

HERBURGER: Hier bin ich wieder. Zur Entrücktheit gehören bekannte Trainingsstrecken, da sehe ich mit meinen Ellenbogen, denn auf fremden Pfaden habe ich zu gucken und zu entdecken. Wenn ich in mir versunken bin, singe ich, Bach, Sonetten und Fugen, auch Händel geht, Barock-Rhythmus passt immer, ich dichte dazu meine Texte. Ich hatte einmal ein Filmteam dabei, das hatte Apparate um mich geschnallt. Es hörte sich merkwürdig an. Ich dachte, ich singe hoch, doch es war ein tiefes Singen, Mmmmmmmwuiijuu, wie von Buckelwalen.

Viele rennen mit Kopfhörern, Musik im Ohr.

HERBURGER: Das ist dumm.

POLITYCKI: Denn man muss sich ja auch laufen hören! Meine Schritte sind nicht immer gleich, mal patsche ich nur so dahin, dann weiß ich, so darf ich nicht weiterlaufen, sonst schaffe ich es nie. Außerdem werden durch die Beschallung auch alle anderen Sinneswahrnehmungen reduziert. Ich habe es ausprobiert, man sieht viel weniger.

HERBURGER: Lange Läufe sind für mich ein Spiel, wenn nichts los ist, mache ich Tanzschritte dazwischen. Ich bin ein idealer Läufer, ich laufe keine Sohlen ab, ich laufe so dahin, als schwebte ich über Wasser. Ich bin also ein Wunderläufer.

Musik hören geht nicht. Was verachten Sie richtig?

POLITYCKI: Es gibt in der Szene den Begriff POL, publikumsorientierter Läufer. Sie zeigen sich auf den städtischen Vorzeige-Parcours, gern mit entblößtem Oberkörper, verspiegelte Sportbrille in die Stirn hochgeschoben, offensiver Blick. Ein echter Läufer läuft bescheiden, er weicht Spaziergängern aus und bedankt sich bei Hundehaltern, die in die Hocke gehen und ihr Tier festhalten. Bei Hunden sind Sie die Speerspitze der Laufbewegung, Herr Herburger, ich habe Sie zitiert.

HERBURGER: Hunde! Meine schönste Fantasie war, dass ich auf dem Schuttberg in München, wo Herrchen und Frauchen ihre Pudel ausführen, 50 Koreaner dabeihabe, und sie sagen mit leuchtenden Augen: „Hier läuft feinste Speise, mmmmh.“ Ich tät’ auch gern mal so ein Fleisch essen.

Das Laufen ist wie die Städtemarathons zu einem weltumspannenden Geschäft geworden, GPS-Uhren, digitale Trainingspläne, Mikrofaserkleidung, um Schuhe gibt es einen richtigen Kult.

POLITYCKI: Viel davon macht aber auch Spaß! Man muss ja nicht jede Mode mitmachen. Ich brauche keine Kompressionskleidung für bessere Regeneration, und FiveFingers für Barfußläufer finde ich eine Zumutung. Fast alles andere in der Entwicklung von Laufschuhen ist segensreich, mit meinen Adidas Rom und ihrer Hartplastiksohle, die ich als Jugendlicher trug, würde ich die langen Wochenend-Einheiten gar nicht packen, und gerade die liebe ich ja am meisten. So lässt sich die Welt in weiten Kreisen erkunden.

HERBURGER: Ich habe Senk-, Spreiz-, Knick- und Plattfüße, ich kann nur in Nike laufen.

POLITYCKI: Was?! Die sind doch als Streetwear diskreditiert.

HERBURGER: Alle anderen sind zu eng für mich.

Herr Politycki schreibt von einem Inder, der mit 89 Jahren seinen ersten Marathon lief. Ein Vorbild?

HERBURGER: Ich hatte ja kürzlich einen fürchterlichen Sturz mit dem Fahrrad, Knochen gebrochen, mein Gerüst verschoben. Aber zum Jahresende möchte ich wieder anfangen, ich konzentriere mich auf einen Marathon im Jahr.

Ihr weltberühmter Schriftstellerkollege Haruki Murakami ist ein besessener Läufer, er macht auch beim Triathlon mit. Sein Tag sieht so aus: Von vier Uhr in der Früh bis neun Uhr sitzt er am Schreibtisch, dann beginnt das Vergnügen, das Training.

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