"Wir trainieren ja sonst nur den Finger auf der Enter-Taste"

Seite 3 von 3
Zum Berlin-Marathon : „Schmerz ist der engste Vertraute jedes Läufers“
Günter Herburger und Matthias Politycki, Autoren und Marathonläufer.
Günter Herburger und Matthias Politycki, Autoren und Marathonläufer.Foto: Mike Wolff


HERBURGER: Das kann nur ein Japaner machen, typisch. Bei mir geht es immer andersherum. Spätestens um sieben Uhr bin ich auf der Strecke, eineinhalb Stunden, 20 Kilometer …

POLITYCKI: Na, na!

HERBURGER: … ich habe gelogen, Entschuldigung! Zwei Stunden, 20 Kilometer, dann duschen und Frühstück.

POLITYCKI: Danach ist man wunderbar eingestimmt für den Tag, freier im Kopf für die Arbeit.

Murakami sagt, er denke beim Laufen an nichts, sein Ziel sei die Leere des Geistes.

HERBURGER: Er möchte leerlaufen, nach Zen nur noch ein Rahmen sein, in dem nichts ist. Ich habe es nie erreicht.

POLITYCKI: Man wird leerer, indem man die Alltagsreste Schritt für Schritt aus sich rausläuft, oh ja. Es gibt auch das Wieder-Voll-Werden, da ruckeln sich kreative Partikel neu zusammen, es fallen einem Sachen ein, auf die man am Schreibtisch nie gekommen wäre – beides tolle Lauferfahrungen.

Laufen ist das Phänomen einer Wohlstandsgesellschaft, richtig?

POLITYCKI: Wir trainieren ja sonst nur den Mittelfinger auf der Enter-Taste. In Ländern wie Kuba oder Ägypten wird ein Läufer fassungslos angestarrt, dort ist körperliche Anstrengung verbunden mit Lebenserwerb, Flucht oder Angriff.

HERBURGER: In Venedig haben Seeleute eines polnischen Tankers Bananen nach mir geschmissen, die fanden es blöd, dass da welche rennen.

Am Ende aller Qualen werden Sie mit einer hässlichen Medaille belohnt. Deprimierend.

POLITYCKI: Hässlich? Es gibt hässliche Medaillen, aber selbst die sind für den, der sie erlaufen hat, wunderschön. Ich muss sie nur ansehen, schon ist nicht bloß das dazugehörige Rennen gegenwärtig, sondern die Trainingsperiode davor.

HERBURGER: Medaillen, seid willkommen. Meine hängen wie Trauben an einer Uhr, mehr Glitzer als an der Brust von drei Sowjet-Generälen.

Und dafür lohnt die ganze Askese?

HERBURGER: Askese? Ich bin ein Suchtmensch, es macht mich ganz unruhig, dass ich hier im Tagesspiegel nicht rauchen darf. Ich habe auch schon vor einem Rennen geraucht, aus Angabe und um die anderen zu ärgern. In Florenz rauchte ich im Ziel provokativ eine Zigarre, mir wurde schwindelig – bumm, lag ich am Boden. Und schlecht war’s mir.

Das wäre Ihnen am Kilimandscharo nicht eingefallen.

POLITYCKI: Kaum. Ich bin zwei Tage vor dem Marathon am Kilimandscharo Airport angekommen und ...

HERBURGER: Ich muss das Wort ausstoßen: Neid, Neid, Neid.

POLITYCKI: … auf der 40-minütigen Fahrt zum Hotel habe ich ungelogen drei 1,5-Liter-Flaschen Wasser getrunken. Die Veranstalter hatten nur einen lausigen Streckenplan und gar kein Streckenprofil ins Netz gestellt, es gab jede Menge Herausforderungen, mit denen ich nie gerechnet hätte: elf Kilometer Anstieg am Stück, gut 700 Meter Höhendifferenz, dann aber erst recht elf Kilometer Abstieg, und zwar auf extrem hartem Teer, dazu die Hitze, viel zu wenig Verpflegungsstände mit Wasser. Als ich ankam, war das Zielportal abgebaut, man hatte es nur für die Fernsehaufnahmen der Elite gebraucht. Den Kilimandscharo-Marathon laufen ja viele Spitzenläufer aus Kenia, sie kommen kurz über die Grenze, um sämtliche Preisgelder zu kassieren.

HERBURGER: Diese ostafrikanischen Läufer aus Kenia, Somalia und Äthiopien sind geborene Ausdauersportler mit langen Fibrillen. Gerippe, die nichts tun als zwei Mal am Tag in irrwitzigem Tempo über Feldwege zu laufen. Die Arme immer parallel, Königshände, diese langen Beine, Schönheitsschädel – die Frauen finde ich anbetungswürdig.

Nun wird in Berlin Marathon gelaufen, es ist die schnellste Strecke der Welt. Haben Sie gute Erinnerungen daran?

POLITYCKI: Der Zieleinlauf durchs Brandenburger Tor ist nicht zu toppen, aber davor liegen Teilstücke, die …

HERBURGER: … eng, eng, eng! Früher hatten die besetzten Häuser noch gute Bands, und es ging bei Springer vorbei, meinem Feind. Man hat ja heutzutage kaum noch Feinde.

POLITYCKI: Leider sind die Zuschauer in Berlin wenig diszipliniert, sie treten nach vorn in die Laufwege und machen manches Nadelöhr noch enger.

Dann wird’s ruppig.

HERBURGER: Man wird angerempelt, von hinten haut mir wieder so ein Brite in den Fuß hinein, warte nur, dich erwische ich, du kriegst auch eins ab von mir! Ich habe Japaner, Portugiesen oder Italiener als höflich und geschmeidig erfahren, während die Engländer, ich weiß nicht, eine besondere Pöbelsorte sind. Sie haben die Holländer auf dem Kieker, ja?

POLITYCKI: Sie rannten in Berlin kurz nach dem Start zickzack durch den Pulk, und einer ließ mich dabei auflaufen. Mit dem habe ich mich auf den nächsten hundert Metern richtig angelegt.

Die Strecke wird wie immer voll sein mit Kostümierten, die rennen als Hasen und Litfaßsäulen, mit Marienkäferkappen und Zylindern. Müssen Sie da auch lachen?

POLITYCKI: Ich verstehe nicht, dass jemand glauben kann, 42 Kilometer lang lustig zu sein, ich verstehe auch den Drang nicht, es sein zu wollen. Marathon ist kein Karneval, er ist etwas Ernstes. Ein kostbarer weißer Fleck in unserer infantilisierten Eventgesellschaft, der noch nicht von Spaßmachern besetzt ist.

HERBURGER: Herr Politycki, wenn ich wieder in Form bin, werde ich Sie mal überholen und anlächeln.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben