"Die Mehrheit der Chinesen beruft sich gern auf einen starken Staat"

Seite 2 von 2
Zwischen Kommunismus und Kapitalismus : Wohin geht China?
Der argrarische Feudalstaat Anfang des 20. Jahrhunderts.
Der argrarische Feudalstaat Anfang des 20. Jahrhunderts.Foto: imago/United Archives

1973 waren Sie auf Taiwan, damals eine antikommunistische Diktatur von Maos Gegenspieler Chiang Kai-shek. Später wandelte sich der Inselstaat zur Demokratie. Ein Vorbild für den großen Nachbarn?

Schon der wirtschaftliche Aufschwung auf Taiwan war eine Herausforderung für Peking. Denn im China der 80er begannen die Leute zu glauben, viele kleine Taiwans würden dem Land besser bekommen als dieser große Einheitsstaat. Tatsächlich hat die Reform- und Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping mehr Konkurrenz zwischen den Regionen zugelassen und sogar angestoßen. Was die Politik angeht: Da denken viele in China, auch innerhalb der Kommunistischen Partei, eine stärkere Beteiligung der Bevölkerung wäre sinnvoll. Manche wollen die Rolle der Zentrale massiv reduzieren. Andere vermuten, das würde das Land schwächen. Ich glaube, die Entwicklung braucht Zeit. In der gegenwärtigen internationalen Lage ist es sinnvoll, einen gewissen Zentralismus beizubehalten.

Um Staatschef Xi Jinping hat sich ein Kult entwickelt, wie es ihn seit Mao nicht mehr gab. Anhänger besuchen die Kneipen, in denen er eingekehrt ist, und posten Fan-Videos im Internet.

Ja, erstaunlich. Xi ist durch seinen Kampf gegen Privilegien und Korruption populär geworden. Sie können diesen Personenkult jeden Tag in den chinesischen Medien beobachten. Xi macht dort Aussagen zu Militär, internationalen Beziehungen, Weltraumfahrt … Dahinter stecken wichtige Akteure in der Partei, die durch ihn Modernisierung erreichen wollen. Aber wird die Parteielite diesen Kurs auf Dauer mittragen? Dann muss man sehen, ob Xi wie geplant nach zehn Jahren abtritt und Platz für einen Nachfolger macht. Ich vermute: ja. Es sei denn, es kommt zu einer Palastrevolte oder anderen unglücklichen Entwicklungen.

Vor 16 Jahren erschien ein viel beachtetes Buch des Amerikaners Gordon Chang: „The Coming Collapse of China“. Warum ist die Volksrepublik noch nicht zusammengebrochen?

Die Idee, dass China unter kommunistischer Herrschaft auseinanderfliegen muss, ist eine Wunschvorstellung vieler chinesischer Intellektueller im Ausland. Dahinter steckt eine Sehnsucht nach Freiheit und Unbeschwertheit, die ich gut verstehe. Ich merke aber, dass sich die überwiegende Zahl der Chinesen – auch die im Ausland – gerne auf einen zuverlässigen, starken Staat beruft.

Die Reichen schaffen doch ihr Kapital außer Landes und kaufen Immobilien in Nordamerika.

Es spricht für Weltoffenheit und geistige Beweglichkeit, dass Leute, die es können, ihre Risiken diversifizieren. Zumal es weltweite Netzwerke von Chinesen mit ihren „Chinatowns“ seit mehr als 100 Jahren gibt. Für sich genommen ist das kein Ausweis von Distanz zu irgendeinem Regime. Wenn ich könnte, hätte ich auch eine Wohnung in New York.

Alter Personenkult. Mao brachte seine Botschaft durch die rote Bibel unters Volk, hier Bauern bei deren Lektüre.
Alter Personenkult. Mao brachte seine Botschaft durch die rote Bibel unters Volk, hier Bauern bei deren Lektüre.Foto: AFP

Der Historiker Timothy Garton Ash sagt mit Blick auf China und die USA, dass es in der Geschichte immer zu gewalttätigen Konflikten komme, wenn eine absinkende und eine aufstrebende Großmacht aufeinandertreffen. Steuern wir darauf zu?

Die Kräfteverhältnisse verschieben sich wirtschaftlich seit Jahren, ein Prozess, der nicht von Krieg begleitet sein muss. China wird in Institutionen wie der Weltbank immer mehr Mitspracherechte einfordern und bekommen. Allerdings gehen die USA heute mit dem Slogan „Make America great again“ nach außen, begreifen sich als Nummer eins. China ist eher auf eine multilaterale Welt eingestellt.

Das sehen die Nachbarn anders. Mit Vietnam streitet Peking über Besitzansprüche im Südchinesischen Meer, mit Südkorea über ein Raketenabwehrsystem, den Taiwanern will man ihre Unabhängigkeit nehmen.

Es ist Common Sense unter Historikern, dass China nie expansionistisch war. Auch eine Weltbeglückungshaltung, wie sie die Amerikaner haben, ist weniger ausgeprägt. Das Land versucht natürlich, seine Peripherie zu kontrollieren. Die Anerkennung der Sicherheitsinteressen Chinas muss die Voraussetzung für Friedenspolitik sein. Der Konflikt um Nordkorea ist zum Beispiel ungelöst, weil es sich um einen vitalen Korridor direkt an Chinas Flanke handelt – und die Amerikaner in Südkorea ihre Truppen stationiert haben.

Sie sind ein China-Versteher!

Wir sollten ganz sicher nicht zu Parteigängern Pekings werden, aber wir versuchen zu wenig, die Interessen der anderen Seite besser zu verstehen. Viele sind sich noch nicht im Klaren darüber, dass die Lebensmodelle, die wir im Westen in den vergangenen 50 Jahren verfolgt haben, in den nächsten 50 wahrscheinlich nicht mehr funktionieren. In China wird mancher Umweg da vielleicht nicht gegangen. Die forcierte Einführung der Elektromobilität ist hier nur ein Beispiel – und Diesel-Pkws spielen in China überhaupt keine Rolle.

Gegenwärtig ist China ein Staat, in dem Oppositionelle unterdrückt, die Medien kontrolliert und Menschen hingerichtet werden.

Alles richtig. Aber wenn wir wollen, dass China mehr von Europa übernimmt – föderale Strukturen, Gewaltenteilung –, wäre es plausibler, bei uns Reformen anzustoßen, um die besseren Blaupausen zu liefern. Es gibt Dinge, die müssten wir ändern und tun es trotzdem nicht: von der Fleischproduktion bis zu Gerichtsprozessen, die ewig dauern.

  • Wohin geht China?
  • "Die Mehrheit der Chinesen beruft sich gern auf einen starken Staat"
Artikel auf einer Seite lesen