Gunilla Daublebsky (Geb. 1955) : Die Zeit war kostbar

Ihre bunten Kleider hatte sie enger machen lassen, immer im Wettrennen mit dem Tod. Der Nachruf auf eine Welthungrige.

privat
Gunilla Daublebsky (1955-2018)

Dünn war sie geworden, so dünn, dass ihre Freundinnen erschraken, wenn sie sie sahen. Es war der Krebs, doch eine Chemotherapie wollte sie nicht. Zwei ihrer drei Geschwister waren am Krebs gestorben, trotz Chemotherapie. Also, das musste sie sich nicht antun. Lieber jagte sie durchs Leben, das ihr blieb, morgens, mittags und abends, mindestens drei Termine standen jeden Tag in ihrem Planer. Theater, Essen, Musik, Tanzen, Chor, Kino. Ihre bunten Kleider hatte sie noch einmal enger machen lassen, immer im Wettrennen mit dem Tod. Kamen ihre Freundinnen zu spät oder sagten kurzfristig ab, konnte sie richtig grantig werden. Die Zeit war kostbar.

Die Ärzte sagten: Schonen Sie sich, Sie haben nur noch ein paar Tage. Sie dachte nicht daran. Sie machte aus den Tagen Wochen und aus den Wochen Monate. Sie war noch nie gut darin gewesen, Autoritäten zu akzeptieren. Warum also die Ärzte, warum den Tod?

„Schülerin ließ sich aus Protest kahl scheren“, stand am 28. September 1970 in der „Passauer Presse“. Das war Gunilla. Eine Glatze gegen die Uniformität der langen Hippie-Haare, die selbst die Männer neuerdings trugen. Sie hatte nichts gegen lange Haare, überhaupt nicht. Sie hatte nur etwas gegen das Diktat der Mode. Wenn die Form den Inhalt verdrängte, musste sie gegen die Form protestieren.

Sie lernten sich auf einem Festival kennen

Ihr Vater war ein ehemaliger U- Boot-Kommandant, ihre Mutter eine strenge Frau aus Finnland. Doch die Strenge verlebte sich mit den Jahren, die älteren Geschwister hatten das meiste abbekommen. Wenn Gunilla mit ihrem Vater spazieren ging, dachte er sich Geschichten aus mit den Pflanzen, Tieren und Insekten, die sie entdeckten.

Sie war 17, Werner 21. Sie lernten sich auf einem Festival kennen. Ein Guru aus Indien sprach über die Kreisläufe des Lebens, während sie sich im Zelt liebten. Neun Monate später kam ihr Sohn zur Welt. Doch zu Hause bleiben, Hausfrau werden, sich der Autorität eines Rollenmodells beugen? Ach nein, wirklich nicht. Ihr Mann windelte, wiegte, fütterte, sie ging studieren. Freie Kunst, was sonst.

Für eine lebenslange Partnerschaft waren sie zu jung, sie mochten sich aber und besuchten sich auch, nachdem sie sich getrennt hatten. Jetzt musste Gunilla Geld verdienen. Nur womit? Mit freier Kunst? Sie machte eine Gymnastiklehrerausbildung und zog nach Berlin.

Bevor ihr Sohn in die Schule kam, musste er die Welt gesehen haben. Mit dem Zug ging es durch Indien, Pakistan, Malaysia, Thailand, eineinhalb Jahre lang. Für den Jungen war es ein Abenteuer wie Tausendundeine Nacht, nur besser. Für Gunilla auch. Sie entdeckte das Fernbleiben als die größte Freiheit überhaupt.

Sie war hungrig, weltenhungrig

Das Leben anderswo war intensiver, die Kulturen faszinierender, sie sog alles auf, die Menschen, die Gerüche, das Fremde. Sie war hungrig, weltenhungrig.

Von jeder Reise brachte sie so viele Schätze mit, die sie in Truhen und Kästchen verstaute: Statuen, Schmuck, Vulkansteine, Kleider. Zu jedem hatte sie eine Geschichte: Wo gefunden, wo gekauft, aus welchem Gewässer gefischt. Steine im Wasser zum Beispiel können so schön sein, glitzern, als ob sie der größte Schatz auf Erden wären. Trocken sind sie grau und unscheinbar. Der da aus dem Mittelmeer, von der Küste Andalusiens oder der da aus dem Pazifischen Ozean, von der Küste Mexikos. Oder der da aus dem Senegal. Auch trocken und grau brachte sie sie mit nach Hause und erzählte von ihrem Glanz im Wasser.

Überhaupt, der Senegal. Drei Sabbatjahre verbrachte sie dort, 1993, 2002 und 2012. Nicht als Touristin, das war ihr Anspruch, sondern als Gleiche unter Gleichen, das war ihr Traum. Sie aß, was die Senegalesen aßen. Weigerte sich, im Taxi den Europäer-Zuschlag zu zahlen, auch wenn es nur um ein paar Cent ging. Sie baute sich eine traditionelle Lehmhütte und lebte dann da drin. Sie lernte ihre Nachbarn kennen und verliebte sich in Männer. Wenn es ihr sinnvoll erschien, half sie mit Geld. Der einen Familie kaufte sie einen Motor fürs Fischerboot. Der anderen finanzierte sie das Fischerboot komplett. Doch die Realität holte sie ein. Irgendwann verstand sie, dass es immer einen Unterschied geben wird, dass sie trotz aller Nähe immer die reiche, privilegierte Frau aus Europa bleiben würde.

Dann geschah das Unvorstellbare

In Berlin war sie Gymnastiklehrerin an einer anthroposophischen Schule für Menschen mit Behinderungen. 33 Jahre lang turnte, spielte, dehnte sie sich mit den Kindern. Sie freute sich mit ihnen über jeden neuen Schritt und war traurig mit ihnen, wenn sie ihre Grenzen erreicht hatten oder sich sogar zurückentwickelten. Mit ihren Kollegen hatte sie es nicht immer leicht. Sie litt darunter, dass Konflikte nicht offen ausgetragen wurden. Allerdings hatte sie selbst eine Art, so langsam und ausführlich zu reden, nicht zum Punkt zu kommen, die die anderen manchmal wahnsinnig machen konnte.

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Im Januar, da war der Tod schon ganz nah, zog sie als allererste Mieterin in den Möckernkiez, jenes Neubau-Genossenschaftsprojekt, um das es so viel Ärger gegeben hatte. Die letzten Monate ihres Lebens badete sie abends auf der Terrasse in der untergehenden Sonne, freute sich über das Enkelkind und über die Familie ihres Sohnes, die auch mit eingezogen war. Kurz vor Schluss rief sie noch einmal alle Freunde an und verabschiedete sich mit ihrem Gruß: „Und genieß das Leben!“ Dann geschah das Unvorstellbare, sie beugte sich der letzten, unüberwindbaren Autorität. Schlief ein und wachte nicht mehr auf.

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