Der Tagesspiegel : Hasenblumen

Art Cru: Berlins Outsider-Galerie hat Geburtstag.

Michael Nungesser

Ein wenig wie Spukgestalten wirken die kleinen und großen Figuren: großkopfig, hohläugig und flach, aus MDF-Platten gesägt, ausgestattet mit dünnen Gliedmaßen. Gestaltet hat sie Christo Lufundiso Luanza aus Angola, der seine vom Papier in die Dreidimensionalität überführten, geschlechts- und alterslosen weißen Strichfiguren (Preise: 10 und 125 Euro) nun vielerorts in der Galerie ihr Unwesen treiben lässt. Hauptschauplatz ist die Regalinstallation (1500 Euro) von Michael Genandt. Eine ganze Wand nehmen die ebenfalls weiß gestrichenen, rohen Holzleisten ein, deren über- und nebeneinander gestapelte, unterschiedlich große viereckige Rahmen den Figuren ein ideales Turngerüst bieten.

Dass die ansonsten leere Regalwand nicht geradlinig und aufgeräumt, sondern lebendig und improvisiert, veränderbar und eben unperfekt wirkt, verdankt sie den beiden Künstlern. Gehören doch Luanza und Genandt genau wie drei weitere Aussteller der Gruppe „imPerfekt“ an, die seit 2008 als Ateliergemeinschaft Teil der Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung ist. Im Dezember desselben Jahres wurde auch die Berliner Galerie Art Cru gegründet, die nun mit einer Ausstellung von „imPerfekt“ ihr fünfjähriges Bestehen feiert.

Getragen vom gemeinnützigen Verein PS-Art, versteht sich die Galerie im Untergeschoss als „Plattform für autodidaktische Künstler“. Art Cru, wo in der Vergangenheit herausragende Ausstellungen etwa von Michael Goltz oder Josef Hofer zu sehen waren, ist damit eine treibende Kraft in der international zu beobachtenden wachsenden Anerkennung und Gleichberechtigung von Außenseiterkunst. In Berlin ist die geplante Eröffnung eines Hauses als Schaufenster für die Sammlung Prinzhorn ein weiteres Indiz dafür. In Art cru – der rohen Kunst – entwickelt sich Kreativität weitgehend unabhängig von Normen und Regeln aus dem ursprünglichen Dialog zwischen Wahrnehmung und Materialgestaltung, wobei die subjektive Befindlichkeit als Katalysator wirkt. Mit dieser Kunst wird „das Auge in Atem gehalten“, wie es der Leiter der Werkstatt „imPerfekt“, Matthias Rinne, auf den Punkt bringt.

Auch die Eröffnungsausstellung von Art Cru galt der erst kurze Zeit tätigen Gruppe. Das Gemälde „Unter Wasser“ (800 Euro), in dem Christo Lufundiso Luanza erstmals seine Figuren auf Leinwand bringt, war als einziges Werk auch damals dabei. Es ist übrigens ein für die Werkstatt typisches Gemeinschaftswerk, in dem Ahmad Hajjaj der Figurenschar seine Welt filigraner Zeichen gegenüberstellt. Alexandra Rothausen lässt als passionierte Zeichnerin mit Ölkreide auf Vorsatzpapier einen eigenen Kosmos aus Figuren und Zeichen erstehen, meist Hasen und Blumen oder andere biomorphe Formen. Kante an Kante gehängt, ergibt sich ein Bilderzyklus, in dem dichte Schraffuren und flimmernde Farbigkeit eine fast filmische Wahrnehmung ermöglichen.

Admira Vilic aus Bosnien füllt, ebenfalls mit Ölkreide auf Vorsatzpapier, in rhythmisch fließenden, freien Formen das Blatt völlig aus. Auf ein größeres Blatt collagiert, dessen quasi rahmende Funktion sich unter vielen kurvigen Strichbündeln nur noch ahnen lässt, wird es zum pulsierenden Zentrum einer neuen dynamischen, farbwirbelnden Komposition (je 550 Euro). Verhaltener in der Farbigkeit, bisweilen nur in Schwarz-Weiß, zeichnet Omar Moussa mit Kohle und Ölkreide auf Vorsatzpapier körperhafte Formen (je 650 Euro). Doch nichts festigt sich zur konkreten Gestalt, es bleibt bei der prekären Balance, einem Aufscheinen von Möglichem und damit dem Abenteuer des assoziativen Schauens. Michael Nungesser

Galerie Art Cru, Im Kunsthof, Oranienburger Str. 27; bis 15. 2., Di–Sa 12–18 Uhr