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Rücktritt von Selenskyj-Vertrautem Jermak : Dieses Politbeben ist eine Gefahr für die ganze Ukraine
Der Korruptionsskandal in der Ukraine hat die obersten Ränge der Staatsführung erreicht. Nun wird sich zeigen, ob Präsident Selenskyj das übersteht. Es wäre eine Katastrophe, wenn nicht.

Stand:
Es gab diese eine Szene aus den ersten Kriegstagen, die wohl kein Ukrainer so schnell vergessen wird. Die russischen Truppen standen kurz vor Kiew, in Moskau verbreitete man eifrig die Propagandabehauptung, die ukrainische Regierung sei geflohen.
Da stellte sich Staatschef Wolodymyr Selenskyj, umringt von mehreren politischen Weggefährten, vor den ukrainischen Präsidentenpalast und sprach mit fester Stimme in die Kamera: „Wir sind hier. Wir sind alle hier.“
Spätestens dieses Video hat den heute 47-Jährigen in der öffentlichen Wahrnehmung zum Helden gemacht, zum Kriegspräsidenten, der seinem Land selbst in den allerdunkelsten Stunden treu dient. Seitdem sind fast vier Jahre vergangen.
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Selenskyj besucht Soldaten im Frontgebiet, trotzt dem russischen Dauerbeschuss auf Kiew. Er lässt sich von Donald Trumps Entourage im Weißen Haus beschimpfen und wahrt die Fassung, wenn die Ukraine bei den Friedensverhandlungen mal wieder übergangen wird.
Nach allem, was Selenskyj mit und für seine Heimat durchlitten hat, erscheint die Vorstellung, er könnte ausgerechnet über eine innenpolitische Affäre stolpern, regelrecht absurd. Doch genau das ist nicht mehr auszuschließen. Denn am Freitagabend hat der größte Korruptionsskandal seit seinem Amtsantritt endgültig die obersten Ränge der ukrainischen Staatsführung erreicht.
Die Frage ist: Was wusste Selenskyj?
Nur einige Stunden nach einer viel beachteten Hausdurchsuchung durch die nationalen Anti-Korruptionsbehörden reichte Präsidialamtschef Andrij Jermak seinen Rücktritt ein. Ausgerechnet Jermak: Selenskyjs rechte Hand, sein engster Vertrauter, der Chefverhandler bei Friedensgesprächen. Er, der so viel Einfluss hatte, dass viele in ihm den zweitmächtigsten Mann der Ukraine sahen.
Vorausgegangen waren monatelange Ermittlungen wegen Veruntreuung von Millionenbeträgen im Energiesektor, im Zuge derer bereits zwei Minister ihre Posten räumen mussten. Und gewaltige Proteste, weil Selenskyj zwischenzeitlich versucht hatte, die Unabhängigkeit eben jener Korruptionsbekämpfer zu beschneiden, die nun seinen Vertrauten Jermak im Visier haben.
Auch wenn er damals vor dem Willen des eigenen Volkes letztlich einknickte: Allein die Absicht, die Ermittlungen zu behindern, rückte den Präsidenten in ein schlechtes Licht. Dass jetzt neben mehreren Regierungsmitgliedern auch noch sein engster Vertrauter der Verwicklung in den Skandal verdächtigt wird, erst recht.
Vieles dürfte nun an der Frage hängen: Wusste Selenskyj, wie tief der Korruptionssumpf in sein eigenes Umfeld hineinreichte – oder nicht?
Denn der Kampf gegen Machtmissbrauch und Vetternwirtschaft ist – neben dem Kampf gegen die russische Invasion natürlich – sein politischer Markenkern, das große Versprechen ans eigene Volk. Er hatte ihn sich auf die Fahnen geschrieben, lange bevor er 2019 ins Kiewer Regierungsviertel einzog. Damals, als er noch nicht Präsident war, sondern ihn in der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ lediglich mimte.
Selenskyjs Sturz ist das Ziel des Kremls
Klar ist: Es ist existenziell für einen Rechtsstaat, dass Anti-Korruptions-Behörden ihren Job machen – und in der Ukraine tun sie das in diesen Tagen ganz offensichtlich mit großer Gewissenhaftigkeit. Dieser gewaltige Demokratie-Fortschritt gegenüber früheren ukrainischen Regierungen darf bei aller Aufregung über die aktuellen Ereignisse nicht übersehen werden.
Und doch ist das, was gerade passiert, sehr bitter. Zwar war der Rücktritt des unbeliebten Jermak aus Sicht vieler Ukrainerinnen und Ukrainer schon lange überfällig. Aber das Politbeben fällt ausgerechnet in eine Zeit, in der es für Kiews Truppen an der Front schlecht läuft und in der Russland versucht, das angegriffene Land mithilfe der Trump-Administration in eine als „Friedensplan“ getarnte Kapitulation zu pressen. Es ist wie ein Sturm, der gleichzeitig von außen und von innen über das Land hereinbricht.
Sollte am Ende tatsächlich auch Selenskyj stürzen, wäre das ein Desaster. Dann hätte sich eines von Wladimir Putins zentralen Kriegszielen – die Auswechselung der ukrainischen Staatsführung – erfüllt. Wenn auch auf ganz anderem Wege als im Kreml geplant.
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