Jonas Hartmann : Kreuzkölln knallhart

Süchtig nach dem Echten: Der Schauspieler Jonas Hartmann erzählt in seinem Kriminalroman „Südstern“ von einem Polizistenmord. Eine Spurensuche.

Erik Wenk
Akribischer Ermittler. Jonas Hartmann am Südstern, dem Namenspatron seines ersten Buchs. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Akribischer Ermittler. Jonas Hartmann am Südstern, dem Namenspatron seines ersten Buchs. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Jonas Hartmann geht in einen vietnamesischen Imbiss in der Nähe des Hermannplatzes. Essen will er nichts, auch nicht zur Toilette. Er will zum Tatort. „Hier – das ist der Tisch. Da habe ich auch oft gesessen.“ Hier also ist der Mord passiert: Kopfschuss auf einen verdeckten Ermittler, am helllichten Tage, bei voll besetztem Laden – und keiner hat die Täter gesehen, die im Tumult einfach seelenruhig wieder rausspaziert sind.

Diese Szene, die den Auftakt von Hartmanns Kriminalroman „Südstern“ bildet, ist natürlich Fiktion. Doch bis auf den Mord und das mysteriöse Netzwerk, das dahintersteht, ist fast alles in Hartmanns Debüt „Südstern“ so real und so Neukölln, wie es nur geht. „Viele Leute, die ich im Buch beschrieben habe, könnten sich auf jeden Fall wiedererkennen“, ist sich der 37-jährige Schauspieler und Synchronsprecher sicher.

„Südstern“ spielt in der Hasenheide, in den Sarotti-Höfen, auf dem Tempelhofer Feld und natürlich rund um den Hermannplatz, „das übertourig pumpende Herz von Kreuzkölln, einem kranken, von Pilz und Ungeziefer zerfressenen Riesenkörper voll unbändigem Lebenshunger“, wie es im ersten Kapitel heißt. Im Mittelpunkt stehen der Neuköllner Zivilpolizist Paul und sein Partner Erkan, die seit frühester Jugend wie Brüder zusammenhalten. Mit Morden und organisierter Kriminalität hat ihre Arbeit wenig zu tun, vielmehr müssen sie sich mit all den Losern, Kleinkriminellen, Spinnern, Dealern und Querulanten herumschlagen, die ihr Bezirk täglich und nächtlich ausspuckt. Nur durch Zufall geraten sie in die Ermittlungen um den besagten Mord, der direkt in ihrer Nachbarschaft passiert ist.

Anders als seine Figuren ist Jonas Hartmann nicht in Neukölln sondern im gutsituierten Steglitz aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte er Musikwissenschaften, brach nach einem Semester ab und ging stattdessen auf die „Konrad Wolf“-Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. In dieser Zeit spielte er bereits in TV-Produktionen wie dem Mauer-Drama „Der Tunnel“ mit. „Nach dem Studium habe ich mich zusammen mit meiner Freundin um ein Festengagement am Staatstheater Cottbus beworben – ich wurde genommen, sie nicht. Damit war die Beziehung vorbei.“ Jonas Hartmann spielte in Stücken wie Taboris „Mein Kampf“ oder Tschechows „Drei Schwestern“ und schrieb nebenbei Drehbücher für Kurzfilme. Es folgten kleine Rollen bei Krimiserien wie „GSG9“ oder „Abschnitt 40“ – entscheidende Inspirationen für das, was später einmal „Südstern“ werden sollte.

Ursprünglich hatte Hartmann die Geschichte tatsächlich als Fernsehserie geplant: Einige Produktionsfirmen hätten den Stoff sogar optioniert, aber dann nie verfilmt. „Das wird auch so nie umgesetzt werden, jedenfalls nicht in Deutschland“, denkt der Autor. Mit der deutschen Fernsehkrimilandschaft kann er nichts anfangen, „Cobra 11“ sei ihm da sogar noch lieber als „Tatort“: „Das ist zwar Schrott, tut aber wenigstens nicht so, als wäre es was Besonderes.“ Als Kino-Stoff sei „Südstern“ schon eher vorstellbar, nur: „Es gibt keine deutschen Krimis im Kino!“, sagt Hartmann, der gern klassische Krimiautoren wie Raymond Chandler liest oder aktuelle Autoren wie David Simon oder Richard Price.

„Südstern“ ist nicht nur ein Krimi, sondern auch ein unglaublich detailverliebtes, pralles Berlin-Porträt. „Ich bin süchtig nach dem Echten“, sagt Hartmann. Die stärksten und plastischsten Momente des Buches sind die Szenen, in denen Hartmann seine Protagonisten einfach den Neuköllner Alltag mit all seinen Typen beobachten lässt: Relaxende Kiffer in der Hasenheide, Kinder, die bei Windstille versuchen Drachen steigen lassen, kurzhaarige Lesben, die ihre Stimme männlich tief verstellen und dicke Omas, die den Eingang einer Apotheke blockieren, weil ihr Hündchen jault, sobald sie sich einen Meter wegbewegen. Ihnen allen tritt Hartmann nicht wertend, sondern, wie er sagt, „dankbar“ entgegen, denn ohne diesen Stoff, „ohne Neukölln könnte ich nicht schreiben“. Alle Charaktere, seien sie schräg oder banal, lustig oder widerlich, sind einfach nur da und bilden ganz selbstverständlich den Sound und das Gesicht des Kiezes. Hartmann besitzt eine Zweitwohnung in Neukölln. Eigentlich wohnt er mit Frau und Kind in Cottbus.

Dass Hartmann – anders als seine Figuren – keinen Migrationshintergrund oder eine interessante Lebensgeschichte aufzuweisen hat, habe ihn manchmal regelrecht geärgert, denn: „Ich wollte immer schreiben, hatte aber nichts zu erzählen.“ Dieses Schreib-Bedürfnis lässt sich auch auf seine Familie zurückführen: Sein Vater ist Schriftsteller, der Theaterautor Gunther Beth ist sein Onkel und sein Großvater Heinz Hartmann war ein erfolgreicher Burlesken-Autor. Doch erst als er begonnen habe, von sich selbst wegzugehen und andere Menschen zu beobachten, habe er seine Themen gefunden, sagt Hartmann. Auch andere große Beobachter wie Dostojewski, Balzac oder Thomas Mann schätzt er sehr, nennt im gleichen Atemzug aber auch „The Wire“, die amerikanische Kultserie über Korruption und Drogenhandel. „,The Wire’ ist die große Erzählung unserer Zeit“, findet Hartmann.

Was in „Südstern“ hervorsticht, ist die Beschreibung der Arbeit in der Neuköllner Polizeidirektion 5, die kaum weniger authentisch geschildert wird als der Berliner Straßenalltag. Zeitweise hat man das Gefühl, der Autor habe bei zahlreichen Einsatzbesprechungen und Flurgesprächen regelrecht Mäuschen gespielt: Einen derart intimen Einblick in die Polizeiarbeit, die entfremdende Tätigkeit verdeckter Ermittler und die interne Hackordnung der Behörden hat man lange nicht mehr in einem deutschen Krimi erhalten.

„Einige Polizisten haben sehr reale Vorbilder“, bestätigt Hartmann. Diesen Einblick hat sich der Autor jahrelang hart erarbeiten müssen: Nachdem er an der Autorenvermittlung der Berliner Polizei fast gescheitert war, wandte er sich an deren Pressestelle – erst danach konnte er Gespräche mit den Polizeibeamten führen und bei Zivilstreifen mitfahren. Momentan steckt Hartmann bereits in noch umfangreicheren Recherchen für sein nächstes Buch, das sich um die arabische Welt, das Berliner Abgeordnetenhaus und natürlich um Neukölln drehen wird.

Aber warum heißt Jonas Hartmanns Debüt eigentlich „Südstern“, obwohl es vor allem in Neukölln spielt? Der eher beschauliche Platz rund um die Kirche taucht im ganzen Buch schließlich nur einmal auf. „Von hier führt die Straße nach Neukölln, zum Hermannplatz, und in der anderen Richtung liegt die Polizeidirektion 5“, erklärt Hartmann. „Und ‚Hermannplatz’ ist einfach ein blöder Buchtitel.“

Jonas Hartmann: Südstern. Heyne Verlag, München 2012. 384 Seiten, 12,99 €

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