Der Tagesspiegel : Kraftprotz mit Gefühl

Arena für Götter: Übermalungen von Julian Schnabel bei Contemporary Fine Arts.

Gott aus
Gott aus

Wer ist eigentlich Julian Schnabel? Manchmal glaubt man, es mit verschiedenen Künstlern zu tun zu haben. Mit dem intuitiven Maler, der locker Vielschichtigkeit und Transparenz erreicht. Oder mit dem schlamperten Schnabel, der sein Talent nachlässig verausgabt, weil er sich mit der ersten Idee zufrieden gibt. Dazu kommt der Regisseur, der mit „Basquiat“, „Schmetterling und Taucherglocke“ oder „Miral“ Filme von hoher emotionaler Intensität gedreht hat. Und allen dreien im Wege steht die öffentliche Figur Julian Schnabel, die manchmal sogar abgebrühte Klatschblätter schockiert.

Bei Contemporary Fine Arts trifft man sie wieder, die verschiedenen Schnabels, deren Werk auseinanderfällt statt sich zu einem Ganzen zu fügen. Die Ausstellung „Deus ex Machina“ zieht sich über beide Stockwerke. Fast überflüssig zu sagen, dass es sich um Riesenformate handelt (200 000 bis 650 000 USD). Im Erdgeschoss fangen Bilder von Röntgenaufnahmen den Blick. Schnabel hat die durchleuchteten Knochen fotografiert, auf Polyester vergrößert und mit Tusche übermalt. Eine Schulter spitzt sich zum Bildrand, darüber segelt eine getuschte Feder. Das Wunder der Röntgenstrahlen, die durch Fleisch und Blut dringen, beflügelt Julian Schnabel zu einer hauchzarten Begegnung zwischen Malerei und Schöpfung. Auch wenn der Künstler sich weigert, unter einer einzigen Handschrift zu firmieren – diese Röntgenbilder vereinen viele seiner Motive: die Transparenz, die Körperlichkeit, die Spiritualität.

Seine Kindheit verbringt Julian Schnabel, Jahrgang 1951, in der jüdischen Community von Brooklyn. Als er fünfzehn ist, zieht er mit seiner Familie nach Texas. Hier lernt er die Gewalt im alltäglichen Leben kennen. Aber er findet auch seinen künstlerischen Leitstern, als in Houston die Kapelle von Mark Rothko eröffnet wird. Doch während Rothko sich quälte, um einen Zipfel Erhabenheit zu erhaschen, will Schnabel Seligkeit satt und zwar sofort.

In New York wird er in den 70ern und 80ern erst bejubelt, dann geprügelt. In seinen broken plate paintings zerbricht er die Oberfläche zu scharfen Kanten. Die Splitter entsprechen seiner Neigung zum dramatischen Auftritt und seiner Liebe zum Fragment. Er will wissen, was sich hinter den Dingen verbirgt. Er benutzt das Material als historischen Untergrund, verwendet den Fußboden einer Box-Arena oder Celotex-Platten, die er von Richard Artschwager kennt.

In der Berliner Ausstellung hängen zwei scheinbar ausgesägte Bretter wie Betthäupter einander gegenüber. Julian Schnabel hat Holzfurnier fotografiert und mit weißen Linien übermalt. Mal scheint der Untergrund durch, mal dominiert die Farbe. Vergangenheit und Gegenwart verweben sich. Doch zwischen diese vorsichtige Suche platzen schnelle Reize. Julian Schnabel hat einmal von der synästhetischen Wirkung von Literatur, Musik und Film auf seine Kunst gesprochen. Für das größte Bild in der Ausstellung, etwa sechs Meter breit, hat er sich von einer Tapete anregen lassen, die ihm seine Tochter geschenkt hat. Sie zeigt das Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, die Kapitulation der englischen Truppen. Schnabel hat die Tapete fotografiert und das Bild eines weißen Ziegenbocks hineinmontiert, der nun wie ein schmunzelnder Faun über dem Gründungsmythos der Vereinigten Staaten thront. „The Sky of Illimitableness“ – der Himmel der Grenzenlosigkeit, auch der pompöse Titel karikiert das Pathos. „Deus ex machina“, der Gott aus der Maschine, tritt hier aus dem Fotoapparat. Goat – greatest of all times –, so wurde einst das amerikanische Boxidol Muhammad Ali genannt. Das Kuscheltier soll an Mike Kelley erinnern, von dessen Tod Schnabel während der Arbeit an dem Bild erfahren hat. Aber die Erklärungen plustern die Tapete künstlich auf, bis die Bedeutung platzt wie eine Seifenblase. Der Maler gibt sich zufrieden mit dem simplen Montagegag und dem Dekor, statt hinter die Fassade zu schauen.

So lässt sich dieser sensible Megalomane nicht fassen. In einem Moment tritt er auf wie der Elefant im Porzellanladen, im nächsten Augenblick erreicht seine Malerei die Dünnhäutigkeit seiner Filme. Julian Schnabel bleibt vielgesichtig.

Contemporary Fine Arts, Am Kupfergraben 10, 10117 Berlin Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr, Gallery Weekend Sa. und So. 11–19 Uhr

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