• 100 Jahre "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit": Marcel Proust: Ekstasen der Erinnerung

Vom berühmten Eröffnungssatz sind 16 Varianten bekannt

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100 Jahre "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" : Marcel Proust: Ekstasen der Erinnerung
Marcel Proust (1871-1922)
Marcel Proust (1871-1922)Foto: IMAGO

Beim Schreiben von „Gegen Saint- Beuve“ 1908 und 1909 wird Proust gewahr, dass ihm das Autobiografische stets auch in einem klassischen Essay in die Quere kommen wird, das Diskursive und die Fiktion sich aber nicht ausschließen müssen. In dem erst 1954 lange nach seinem Tod erschienenen Essay setzt sich Proust zunächst mit dem 1869 verstorbenen Literaturkritiker Charles-Augustin Saint-Beuve auseinander, fügt aber zunehmend mehr narrative Teile ein, beginnend mit der Erinnerung an ein vom Lärm und vom Licht gut abgeschirmtes Zimmer: „Bis zum Alter von zwanzig Jahren schlief ich die ganze Nacht mit kurzen Unterbrechungen“, kann man da als ersten Satz in „Entwürfe zu einer Ouvertüre“ lesen. Oder: „Manchmal schlief ich ganz plötzlich ein, ohne den Gedanken zu fassen, das ich einschlief.“ Daraus wurde schließlich der berühmte „Recherche“-Beginn, „Longtemps je me suis couché de bonne heure“, „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“, auf den als zweiter Satz folgt: „Manchmal, wenn ich noch kaum die Kerze ausgelöscht hatte, schlossen sich meine Augen so schnell, dass ich nicht mehr die Zeit hatte, mir zu sagen: ,Jetzt schlafe ich ein‘“.

Manches wirkt in der neuen Übersetzung frischer, anderes nur anders umständlich

Von der „16. Variante“ des Eröffnungssatzes spricht der Berliner Philologe Bernd-Jürgen Fischer in seiner gerade erschienenen Neuübersetzung von Prousts Romanwerk, „die endgültige Form findet sich 1911 in der dritten Überarbeitung von ,Combray‘“, so Fischer weiter. Wie Eva Rechel-Mertens in ihrer ersten vollständigen deutschen Übersetzung aus den fünfziger Jahren und zuletzt Luzius Keller in seiner revidierten Frankfurter Ausgabe befindet sich natürlich auch Fischer in einem ständigen Kampf mit der für Proust typischen syntaktischen Uferlosigkeit und Komplexität. Mancher Satz scheint jetzt frischer, klarer zu wirken, mancher einfach nur anders umständlich. Als deutschsprachiger Leser darf man sich aussuchen, was man schöner und richtiger findet. Wenn etwa die Madeleine nach dem zehnten Versuch endlich ihre Wirkung zeitigt: „Und dann mit einem Male war die Erinnerung da.“ (Rechel- Mertens) „Und dann ganz plötzlich ist mir die Erinnerung erschienen.“ (Fischer) Letzteres ist wortwörtlich übersetzt, im Original lautet es „Et tout d’un coup le souvenir m’est apparu“ – aber man stutzt im Vergleich schon: eine Erinnerung, die „erscheint“?

An dem schönen, ein Leseleben durchaus verändernden Zauber des Originals ändern solche Nuancen wenig. Wieder einmal ist man bei der Lektüre verblüfft, gerade in Kenntnis des Gesamtwerks, wie hier zu Beginn alle an das Ende führenden Fäden ausgelegt werden. Viel ist die Rede von den Schauplätzen Combray und Paris, aber auch die später erst wichtig werdenden Stationen des Erzählers werden schon genannt, Balbec, Doncières und Venedig. Der Name von Charlus fällt, der des Schneiders Jupien, der von Gilberte, die der kleine Marcel auch flüchtig sieht (und in die er sich allein deshalb verliebt, weil sie mit dem Schriftsteller Bergotte bekannt ist); ahnungsvoll werden die beiden Wege der Spaziergänge nach Méséglise und Guermantes beschrieben, die sich eines Tages als ein Weg herausstellen. Es sind Täuschungen, Träume und Illusionen, die den jungen Marcel bedrängen und beseelen, die „Recherche“ erzählt von Beginn an ihre eigene Entstehungsgeschichte. Das Glück, das der erwachsene Erzähler am Ende während seiner Erinnerungsekstasen empfindet, ist auch das Glück des Proust-Lesers.

Marcel Proust: Auf dem Weg zu Swann. Übersetzung und Anmerkungen von Bernd-Jürgen Fischer. Reclam Verlag, Stuttgart 2013. 695 Seiten, 29,95 €

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