100 Jahre Bauhaus : Visionen für die Stadt im Wandel

Walter Gropius sollte zeitgemäße Lösungen für den Wohnungsmangel finden. Er gründete das Bauhaus – eine Spurensuche.

Das Shell-Haus in Berlin-Tiergarten mit seiner charakteristischen Fassade von Architekt Emil Fahrenkamp.
Das Shell-Haus in Berlin-Tiergarten mit seiner charakteristischen Fassade von Architekt Emil Fahrenkamp.Foto: Getty Images/iStockphoto

Wie baut eine Stadt in kurzer Zeit möglichst viele bezahlbare Wohnungen? Auch im Bauhaus wurde nach Antworten auf diese Frage gesucht. Ob dies tatsächlich zum sozialen Wohnungsbau in Berlin beigetragen hat, liegt aber nicht auf der Hand. Denn das Bauhaus war keine abgeschiedene Insel, von der ständig innovative Impulse ausgingen. Die Schule saugte neue Ideen von überall her auf, verwandelte sie und drückte ihnen ein Label auf: Bauhaus.

Das Bauhaus war eingebunden in Netzwerke von Personen und Institutionen, die seinerzeit nach zeitgemäßen Lösungen – etwa für den Massenwohnungsbau – suchten. Deshalb entsprechen viele Berliner Siedlungen, die seither gebaut wurden, mit ihren Flachdächern und glatten Fassaden, der landläufigen Vorstellung von „Bauhausarchitektur“ – obwohl die beteiligten Architekten mit der Schule nichts zu tun hatten. In der Ringsiedlung in Siemensstadt, die zum Weltkulturerbe zählt, finden sich immerhin Wohnzeilen, die der Bauhausgründer Walter Gropius und sein langjähriger Zuarbeiter Fred Forbát entworfen haben; zu einem Zeitpunkt, wo beide nicht mehr am Bauhaus arbeiteten.

Das erste Projekt der Bauhäusler in Berlin sah überhaupt nicht nach Bauhaus aus. Walter Gropius entwarf 1920/21 für den jüdischen Berliner Bauunternehmer Adolf Sommerfeld ein Holzblockhaus im amerikanischen Präriestil mit weit auskragendem Satteldach. Die Innenausstattung der rustikalen Villa in Dahlem besorgten die Bauhauswerkstätten. Expressionistisches Zickzack belebte die Teakholzwände, die kühle Sachlichkeit des klassischen Bauhausdesigns etablierte sich erst später als moderner Repräsentationsstil.

Haus Sommerfeld als Versuchsort für zeitgemäßen Wohnungsbau

Haus Sommerfeld war auch Versuchshaus und Werbeträger für zeitgemäßen Wohnungsbau. „Holz ist ein wunderbar gestaltungsfähiges Material und entspricht in seiner Art so recht dem primitiven Anfangszustand unseres sich neu aufbauenden Lebens“, schwärmte Walter Gropius. Andere Baustoffe waren nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg knapp. Haus Sommerfeld diente als Prototyp für patentiertes Doppelwandsystem, das Heizkosten sparte. In der Nähe wollte Adolf Sommerfeld weitere Wohnhäuser dieser Bauart vermarkten. Leider ist seine Villa im Zweiten Weltkrieg verbrannt. Einen Eindruck von der Bauart vermittelt noch das Chauffeurshaus an der Limonenstraße 30A, das sein Bauleiter Fred Forbát entworfen hat .

Zwei Jahre später plante Forbát im Auftrag von Gropius eine Bauhaus-Mustersiedlung in Weimar; realisiert wurde nur das Haus Am Horn – ein minimalistischer weißer Flachbau auf quadratischem Grundriss nach einem Entwurf von Georg Muche. Mit diesem Kubus war in der Welt, was heute noch als „Bauhausstil“ von Fertighauslieferanten angepriesen wird. Adolf Sommerfeld finanzierte das Versuchshaus in Weimar, wieder wurden neue Bautechniken ausprobiert. Die karge Ästhetik des Gebäudes löste nicht nur Begeisterung aus.

in Fan des Bauhauses wie der Kritiker Adolf Behne empfand die vom holländischen und russischen Konstruktivismus inspirierte Geometrie als leblos: „Niemand würde es dem Bauhaus verargen, dass es sich alle brauchbaren Anregungen von allen Seiten her zu eigen macht, wenn es diese Anregungen von einer gemeinsamen Seite aus gesund weiterführte. Aber tatsächlich nimmt es die meisten Anregungen nur auf, um sie in ein innerlich totes System kunstgewerblicher Modernität einzuordnen, also unfruchtbar zu machen.“

Bauen für die Massen gewann an Bedeutung

Lehrer und Lernende am Bauhaus erkannten die Gefahr. Das Thema des Massenwohnungsbaus gewann an Bedeutung. 1924 waren in Berlin 220 000 Wohnungssuchende gemeldet. In Deutschland fehlten über eine Million Wohnungen. Für die Wohlhabenden kein Problem, aber für Arbeiterfamilien, kleine Angestellte, junge Ehepaare und Studierende. Darin lag sozialer und politischer Sprengstoff – wie heute.

Die Politiker im Reichstag reagierten: Sie belasteten die Profiteure der Hyperinflation, die Haus- und Grundeigentümer, mit einer Umverteilungssteuer zugunsten der Benachteiligten. Aus Erlösen der Hauszinssteuer wurde zwischen 1924 und 1928 allein in Berlin der Bau von 76000 Sozialwohnungen gefördert. Schwierigkeiten machten die hohen Baukosten, die sich negativ auf die Mieten auswirkten. Um dies zu ändern, bewilligte 1926 der Reichstag zehn Millionen Mark für Bauforschungen.

Marie-Elisabeth Lüders wollte menschenwürdige Wohnungen schaffen.
Marie-Elisabeth Lüders wollte menschenwürdige Wohnungen schaffen.Foto: Bundesarchiv, Bild 183-S81877 /

Walter Gropius war an der Vorbereitung des Beschlusses beteiligt. Die liberale Reichstagsabgeordnete Marie-Elisabeth Lüders hatte ihn um Beratung gebeten. Lüders war vor dem Ersten Weltkrieg als „Wohnungspflegerin“, sprich Sozialarbeiterin, in Charlottenburg unterwegs gewesen. Seither war das Schaffen menschenwürdiger Wohnungen für sie eine Herzensangelegenheit.

Als Sachverständige empfahl Gropius Otto Bartning, mit dem er schon das pädagogische Konzept des Bauhauses entwickelt hatte. Der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May sollte seine Erfahrungen mit industriellen Verfahren im Wohnungsbau einbringen. Die Oberaufsicht über einen Forschungsverbund zur Baukostensenkung sollte Paul Mebes übernehmen, der Doyen des Berliner Reformwohnungsbaus.

So kam es 1927 zur Gründung der „Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit in Bau- und Wohnungswesen“. Sie vergab Forschungsaufträge, finanzierte Experimente auf Baustellen und publizierte die Erkenntnisse. Auch das Bauhaus, das nach Dessau umgezogen war, profitierte davon: Die Reichsforschungsgesellschaft mit Sitz in Berlin unterstützte den Bau der Mustersiedlung in Dessau-Törten nach Plänen von Walter Gropius. Im Fließbandverfahren wurden dort Eigenheime mit Gärten für Selbstversorger gebaut, der Rekord lag bei 130 verputzten Reihenhäuschen in nur 88 Tagen.

Solche Fortschritte waren allerdings mit schweren Baumängeln erkauft. Auch lehnten die Mieter die von den Bauhauswerkstätten entworfenen Mustermöbel ab. Hannes Meyer, der pragmatische Nachfolger von Gropius als Bauhausdirektor, ging bei der Erweiterung der Siedlung Törten einen einfacheren Weg: Er stapelte 90 Kleinstwohnungen kostengünstig in fünf Laubenganghäusern.

"Erst die Küche – dann die Fassade!"

„Erst die Küche – dann die Fassade!“, forderte Marie-Elisabeth Lüders von den Architekten. Musterküchen wurden 1928 auf einer Ernährungsmesse unter dem Berliner Funkturm von Hausfrauen getestet. Das Bauhaus lieferte Möbelentwürfe für nur fünf Quadratmeter große „Nischenküchen“ und noch bescheidenere Kochnischen für Kleinstwohnungen. Eine der Gründungsideen, die Gropius in die Reichsforschungsgesellschaft einbrachte, war eine Forschungssiedlung in Berlin. Ende 1928 wurde der Wettbewerb für ein Stadtquartier mit rund 4000 Wohnungen in Spandau-Haselhorst ausgelobt.

Die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz.
Die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz.Foto: Tillmann Franzen

Zu diesem Zeitpunkt hatte Gropius das Bauhaus schon verlassen. Adolf Sommerfeld beauftragte ihn mit der Planung einer Fabrik für die Serienfertigung von Häusern und spendierte ihm eine Amerikareise. 221 Architekten beteiligten sich an dem Haselhorst-Wettbewerb. Der erste Preis ging an Walter Gropius und der Ingenieur Stephan Fischer. Mit Insiderwissen setzte sich Gropius gegen die düpierte Konkurrenz durch. Die Sieger reichten gleich vier verschiedene Entwürfe für Zeilenbauten ein. Das würdigte die Jury als zukunftsweisende Methode. Die schematisch in Nord-Süd-Richtung ausgerichteten Wohnzeilen stießen allerdings auf Kritik. So etwas ließ sich billig bauen, es sah aber auch danach aus.

Gropius wollte als erster Wohnhochhäuser in Deutschland bauen

Gropius wurde mit der weiteren Planung beauftragt, die erfahreneren Architekten Paul Mebes und Otto Bartning waren als Kontrolleure an seiner Seite. Unter dem Eindruck seiner Amerikareise wollte Gropius als erster Architekt Wohnhochhäuser in Deutschland bauen. Vergeblich versuchte er die Kollegen zu überzeugen, dass zwölf Stockwerke die billigste Variante beim Kleinwohnungsbau seien. Sein Auftreten und mangelnde Kompromissbereitschaft führten zum Zerwürfnis. Gropius schied aus und beschimpfte die vorsichtigeren Kollegen als Reaktionäre. Er schmiedete neue Hochhausprojekte für Berlin.

Das von ihm mitgeknüpfte Netzwerk um die Forschungssiedlung aber hielt zusammen, auch als 1931 die Reichsforschungsgesellschaft unter dem Druck der Rechtsparteien aufgelöst wurde. Bis 1934 baute die Gewobag 3500 billige Wohnungen in Haselhorst nach Plänen von Paul Mebes, Otto Bartning, Fred Forbát und anderen. Erfahrungen mit neuen Grundrissen, Baustoffen und Methoden wurden systematisch gesammelt und ausgewertet.

Den „Bauhausstil“ handhabten die Architekten so variationsreich, dass die Wohnzeilen ein unterscheidbares Gesicht bekamen und dazwischen Freiräume entstanden. Eine rekonstruierte Museumswohnung in Haselhorst zeigt, wie die Erstbezieher lebten: Mit einfachen Holzmöbeln und Plüschsesseln. Für Walter Gropius erfüllte sich der Traum vom Hochhaus nach dem Krieg. Zur Bauausstellung im Hansaviertel 1957 steuerte er eine zehngeschossige Hochhausscheibe bei.

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In den Sechzigern war sein Büro an der Planung der Hochhaussiedlung in Neukölln beteiligt, die nach seinem Tod den Namen Gropiusstadt bekam. Vergessen ist, dass der alte Gropius versuchte, die Entwicklung zu immer dichterer Bebauung zu bremsen. Ihm war klar geworden, dass aufgelockerte Wohnquartiere mit unterscheidbarer Architektur eher menschlichen Bedürfnissen entsprechen.

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