Der Dichter selbst galt als Prometheus, als Schöpfer

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200 Jahre Frankenstein : Die Geister, die ich schuf
Tobias Schwartz
Boris Karloffs Maske in der Verfilmung von 1932 hat das Bild von Frankenstein geprägt.
Boris Karloffs Maske in der Verfilmung von 1932 hat das Bild von Frankenstein geprägt.Foto: WorldPhotos / Alamy Stock Photo

In seinem Streben ist Frankenstein mit Faust verwandt. Zwar kommt der Naturwissenschaftler ohne Alchemie, Magie und Hexenküche aus, gerät aber nicht weniger in Teufels Küche. Die Geister, die er rief, wird er nicht los. Goethe, ein Vitalist, der an einen allem Lebendigen zugrunde liegenden Lebenssaft glaubte, lässt im „Faust II“ chemisch einen Homunkulus entstehen. Im kulturgeschichtlichen Kontext ist auch der Golem der jüdischen Mystik von Bedeutung, eine aus Lehm oder Ton erschaffene Gestalt, ausgestattet mit übermenschlichen und mörderischen Fähigkeiten wie bei Mary Shelley. Der Golem, eine Art organischer Roboter, folgt Befehlen – wie in Achim von Arnims „Isabella von Ägypten“ (1812) oder in Gustav Meyrinks populärem Roman von 1915. Einer Mythos-Variante zufolge fertigte bereits Prometheus Menschen aus Lehm. In der Literatur ist der Titan eine widersprüchliche Figur, seit der Antike Betrüger (Hesiod) oder tragischer Held (Aischylos), Symbolfigur für den Sieg über die Natur, aber auch für menschliche Hybris. Spätestens seit dem Geniekult des Sturm und Drang wird das Dichten selbst als prometheische, also schöpferische, nahezu göttliche Fähigkeit aufgefasst. Es galt, mit niemand Geringerem als Gott zu wetteifern.

Was für die Literatur gilt, gilt auch für Philosophie und Naturwissenschaften. Mitte des 18. Jahrhunderts, in Zeiten radikaler Aufklärung, verfasste der Arzt und Denker La Mettrie die Abhandlung „Der Mensch eine Maschine“ (1748), beschrieb die Seele als Resultat körperlicher Funktionen und behauptete, es gebe nur eine rein materielle Substanz. Der Erfinder de Vaucanson konstruierte zeitgleich technisch hochkomplexe Automaten. Seine Mechanische Ente schlug mit den Flügeln und besaß einen halbwegs funktionierenden Verdauungsapparat. Gott hatte sich in so einem Umfeld erübrigt – Grund für Staat und Kirche, materialistische Werke zu indizieren.

Für angenehmen Grusel gehen wir heute ins Kino

Reiz und Resonanz aber blieben gewaltig, wie Jean Pauls „Maschinenmann“, E.T.A. Hoffmanns „Automate“ und „Sandmann“ zeigen. Wenn sich auch der Schachtürke genannte Roboter Wolfgang von Kempelens als Betrug herausstellte – darin steckte ein menschlicher Spieler –, seine Wirkung aufs Publikum verfehlte er so wenig wie die Experimente des italienischen Arztes Galvani, der mit Strom Froschschenkelmuskeln zur Kontraktion brachte. Der Galvanismus galt lange als biologische Disziplin – für Frankenstein wird er zur Basis. In Hörsälen erzeugten galvanistische Experimente unter Studenten sogenannten delightful horror (Edmund Burke), also angenehme Gruselgefühle. Heute gehen wir dafür ins Kino, in Ridley Scotts Alien-Film „Prometheus“ (2012) etwa, in dem Wissenschaftler, darunter ein den Menschen überlegener Android, nach Hinweisen auf extraterrestrische Ursprünge menschlichen Lebens forschen. Die Fortsetzung Alien Covenant (2017) zeigt die Hybris des Androiden, der sich als Schöpfer des Bösen und potenzierter Frankenstein-Verschnitt geriert.

Frankensteins Produkt ist nicht „von Natur aus“ bösartig. Mary Shelley knüpft an die anthropologischen Konzepte des Zivilisationskritikers Rousseau an, der für Prometheus, als Erfinder der Wissenschaft, wenig übrig hatte. Nein, der künstliche Mensch entwickelt sich erst zur Bestie, als ihn Gesellschaft und sein Schöpfer brutal zurückweisen. Die Frage, wieweit Forschung gehen darf, wurde und wird angesichts von DNA-Entschlüsselung und künstlicher Intelligenz breit diskutiert. Shelley thematisiert sie nicht nur explizit, ihr Roman nimmt beinahe Überlegungen späterer Ethik-Kommissionen vorweg: da, wo Frankenstein seinem Geschöpf eine Partnerin kreieren soll, sein Vorhaben aber „aus moralischen Gründen“ verwirft: Es könnte die Menschheit bedrohen. Die Frage, wer das wahre Monster ist – der Wissenschaftler oder seine Kreatur –, stellt sich nach wie vor.

Mary Shelley: Frankenstein oder der moderne Prometheus. Aus dem Englischen von Alexander Pechmann. Manesse Verlag, München 2017. 464 Seiten, 22 Euro. Premiere von „Frankenstein“, Tischlerei der Deutschen Oper Berlin, 30. Januar, 20 Uhr

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