200 Jahre „West-östlicher Divan“ : Goethe inspiriert klassische Musik

„A New Divan“ im Pierre Boulez Saal: Goethes Gedichte vertont von großen Komponisten, interpretiert von Daniel Barenboim und dem West-Eastern Divan Orchestra.

Anreger. Pianist Daniel Barenboims im Pierre Boulez Saal.
Anreger. Pianist Daniel Barenboims im Pierre Boulez Saal.Foto: Pierre Boulez Saal/Peter Adamik

„Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident!“ In einer wunderbaren Interpretation von Waltraud Meier klingt Goethes Wort traumverloren durch die Vertonung Robert Schumanns. Die stimmliche Präsenz der Sängerin, die einmal Heiner Müllers Isolde war, hat die Kraft und Klarheit des Ausdrucks bewahrt. Von Daniel Barenboim am Klavier begleitet, eröffnet sie ein Konzert, das „200 Jahre West-östlicher Divan“ thematisiert. 1819 ist die Gedichtsammlung erschienen, ein Bekenntnis der Geistesverwandtschaft Goethes mit dem persischen Dichter Hafis.

Barenboim brennt das Thema gegenseitigen Respekts unter den Kulturen des Orients und des Okzidents seit jeher auf der Seele. Zusammen mit dem Palästinenser Edward Said gründete er 1999 das West-Eastern Divan Orchestra, in dem israelische und arabische Mitglieder zusammen musizieren.

Dass der Name von dem Liebesbuch Goethes abgeleitet ist, betont, dass es dessen „tief verwurzelte Philosophie“ (Barenboim) zu verteidigen gilt. Im Suhrkamp Verlag ist dazu „Ein neuer Divan“ erschienen, in dem 24 Dichter und Dichterinnen in ihrer Muttersprache mit Übersetzungen lyrische Dialoge führen.

Publikumsbeifall in den höchsten Tönen

In Anbetracht des sich zuspitzenden Nahostkonflikts erscheint der Abend im Pierre Boulez Saal wie der notwendige Rettungsanker einer Utopie. „A New Divan“ ist sein Motto. Mitglieder des Divan-Orchesters pflegen leidenschaftliche Unterhaltung der Instrumente in dem B-Dur-Streichsextett von Brahms. Die Cellistin Astrig Siranossian und Michael Barenboim an der ersten Violine treten als Gleiche unter Gleichen hervor.

Goethe-Gedichte aus dem „Divan“ beherrschen den ersten Teil. Suleika nimmt durch die eigene Lyrik Marianne von Willemers singende Gestalt an in Waltraud Meier und der Sopranistin Dorothea Röschmann. Schumann führt zu Mendelssohn Bartholdy und Hugo Wolf. Mit Fortissimo-Humor singt Michael Volle „Erschaffen und Beleben“, um sich dann auf eine Uraufführung zu konzentrieren.

Sie stammt von Guillem Palomar, einem Studenten der Barenboim-Said Akademie, und wird vom Publikum mit Beifall in den höchsten Tönen honoriert. Die Komposition orientiert sich an dem Gedicht „Wo hast du das genommen?“ und erhebt eine Zeile daraus zum Titel. „Im Ocean der Sterne“. Das Stück für Bariton, Horn, Cello und Klavier ist keine Vertonung im herkömmlichen Sinn. Es beginnt mit dem Gesang allein und geht über in das Gespinst der Melodieinstrumente. Das Wort wird Laut, Material, Vokalise, um wieder Wort zu werden. Es ist eine mystische Reise, eine Musik, die verheißungsvoll klingt.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

5 Kommentare

Neuester Kommentar