25 Jahre Literaturagentur Graf & Graf : „Warum nicht etwas mit Wumms?“

Karin Graf gründete 1995 in Berlin eine der ersten deutschen Literaturagenturen. Ein Gespräch über den Hunger auf Bücher, den Boom des Autofiktionalen und Wege aus der Krise.

Karin Graf, Gründerin der Agentur Graf & Graf, in ihren Büroräumen in Charlottenburg.
Karin Graf, Gründerin der Agentur Graf & Graf, in ihren Büroräumen in Charlottenburg.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

25 Jahre Graf & Graf: Eigentlich war für diesen Freitag das Jubiläumsfest geplant, wegen der Corona-Pandemie muss es nun ausfallen. Als Karin Graf im Mai 1995 ihre Literaturagentur in Berlin gründete, war dies eine Pioniertat. In Deutschland gab es nichts Vergleichbares, heute existieren hier Dutzende Agenturen. Graf & Graf besteht mittlerweile aus einem siebenköpfigen Team.

Karin Graf, 1952 bei Köln geboren, studierte Anglistik und Germanistik und arbeitete vor dem Agenturstart als Journalistin, Synchronsprecherin, Pressechefin und Übersetzerin englischsprachiger Autoren.

2012 trat sie die Geschäftsführung an Heinke Hager ab; Graf betreut weiterhin die Belletristik und ist Mitgesellschafterin. 2013 rief sie außerdem die Lit:Potsdam ins Leben. Eigentlich steht das Literaturfestival wieder für Anfang Juni im Kalender, wird aber wegen Corona nicht wie gewohnt stattfinden können.

Frau Graf, wenn Sie heute zurückblicken: Wer war diese Frau, die 1995 die erste deutsche Literaturagentur gründete?

Mit ein wenig Selbstironie möchte ich Michael Naumann zitieren, der damals noch Verleger war. Er sagte mal zu mir, ich hätte eine große Karriere machen können, wenn ich nicht so verspielt wäre.

Sie haben keine Karriere gemacht, und Spielen bringt nichts: Das kann nur ein Mann zu einer Frau sagen.

Was heißt schon Karriere? Meine Laufbahn ist bewusst verästelt. Ich verstehe, was Naumann meint, auch wenn es old school ist. Vielleicht hätte ein Mann einen Kredit aufgenommen und gleich einen großen Laden aufgemacht. Ich habe erst nach fünf Jahren Agenturarbeit eine richtige Firma, eine GmbH gegründet. Ich wollte einfach immer Dinge tun, für die ich brenne, schon in der Schulzeit. Alles, was ich gemacht habe, hat mit Sprache, Wort, Schreiben zu tun. Die Agentur war einfach eine für mich neue Form, sich mit Texten zu befassen.

Sie wussten schon früh, dass Sie mit Lesen Ihren Lebensunterhalt verdienen wollen?

Es ist eine Neigung, fragen Sie mal Schriftsteller, Lektoren oder Buchhändler. Das Schreiben selbst war und ist mir nicht gegeben, aber sobald ich lesen konnte, wollte ich nichts als lesen. Immer, alles.

Wurde das in Ihrem Elternhaus im rheinischen Kerpen bei Köln befördert?

Es gab Bücher, im Schrank mit den Glastüren und später im Regal, aber beileibe keine Bibliothek. Meine Mutter hat mich zum Lesen angehalten, Thomas Mann, Adalbert Stifter, Gott, fand ich den langweilig. Theodor Storm, dagegen liebte ich, alleine wie das Unerwartete einbricht, die überraschende Wendung in den Novellen! In unserer Kleinstadt gab es eine evangelische und eine katholische Pfarrbücherei, die eine hatte sonntags auf, die andere mittwochs.

Ich denke, ich habe täglich ein Buch gelesen, von Mädchenliteratur bis Karl May, 35 Bände habe ich geschafft. Von Simmel (Johannes Mario), natürlich heimlich, bis zu einem Buch über sämtliche Literatur-Nobelpreisträger mit Auszügen aus ihren Werken, jede Menge amerikanischer Unterhaltungsliteratur, aber auch die frühen Feministinnen. Im Gymnasium gab es einen Lesekreis mit Frisch, Camus, Sartre. Das Studium war eine einzige Excuse, Romane zu verschlingen. Und erst der studentische Job als „Lektorin“ beim WDR, wo man jede Woche einen Roman auf seine Verfilmbarkeit hin zu begutachten hatte, herrlich!

Sie zogen 1986 mit Ihrem Mann Joachim Sartorius und Ihren beiden Töchtern nach Berlin, arbeiteten als Journalistin, bei Rowohlt, am Berliner Ensemble und als Übersetzerin. Warum dann die Agentur?

Die englischsprachigen Autoren, die ich übersetzte, V.S. Naipaul, Salman Rushdie oder Susan Sontag, fragten mich: Warum haben deutsche Schriftsteller keine Agenten? Nach dem Fall der Mauer tat sich ja viel in der Verlagslandschaft, bei den Autoren und im Schreiben, in den Texten. Es war eine Umbruchszeit.

Was änderte sich in der Verlagswelt? Eine Männerwelt, oder?

Eine der wenigen Verlegerinnen damals war und ist übrigens Antje Kunstmann, die bis heute unabhängig ist. Klaus Piper, Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Reinhold Neven-Dumont, Kindler und Knaus – sie alle verkauften nach und nach ihre Verlage, diese wurden in Konzerne integriert, und die enge Bindung zwischen Verleger und Autor ging verloren. Deshalb wandten  sich zu meinem Erstaunen, meinem Glück und auch meiner Ehre einige sehr bekannte Autoren an mich, die das Wagnis eingehen wollten, sich auf diese neuartige Unternehmung einzulassen und die das hoffentlich genauso wenig bereut haben wie ich. Ihnen gilt mein größter Dank. Gleichzeitig tauchte eine neue, junge Autorengeneration auf. Schreibschulen machten von sich reden, das Leipziger Literatur Institut oder das Institut für literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft in Hildesheim. Der Schreibprozess wurde professionalisiert.

Und die Schriftsteller sagten, wir brauchen Sie?

Kreative müssen um ihre Rechte kämpfen – schauen Sie sich die Situation der sogenannten Solo-Selbstständigen in der Coronakrise an – , wenn es um die Verwertung, die Veröffentlichung ihrer Werke in jedem Sinne geht. Warum sollen sie sich nicht professionelle Hilfe holen, die ihre Interessen versteht, vertritt und durchsetzt? Für die Schriftsteller gilt es nicht nur, gute Buchverträge auszuhandeln, sondern ihnen auch zu einer angemessenen Wahrnehmung zu verhelfen, angefangen von der Einreichung des Manuskripts in einem Verlag bis zur Präsentation des Buches. Da stehen wir an ihrer Seite.
Wie sind Sie als Verhandlerin?

Nicht maßlos mit blinden Forderungen, aber furchtlos. Wer verdient wie viel an einem Buch, wie sind die Erwartungen? Wie viel Potential steckt in einem Buch? Welche Wege muss ich gehen, um letztendlich die Leser zu erreichen, wann muss ich einen Schlenker nehmen? Oder gar einen Kompromiss schließen? Das gilt auch für unseren Lizenzbereich Film, in dem Heinke Hager die Filmrechte unserer Autoren vertritt.

Was hat Sie am Film interessiert?   

Zwischen Spielfilm und Roman gibt es viele Synergien, die ungenutzt blieben, obwohl sie für SchriftstellerInnen sehr interessant sind. Die erfolgreiche Vermittlung zwischen beiden ist nur möglich, wenn man wie Heinke Hager durch ihre mehrjährige Tätigkeit bei einer großen Filmproduktionsfirma beide Branchen gut kennt und zugleich detaillierte Kenntnisse hat von der Sprache des Films und des Textes, wie ich durch meine vormalige Tätigkeit als Synchronübersetzerin und -regisseurin. So konnten wir geeignete Buchstoffe zur Verfilmung anbieten und Heinke Hager diesen Geschäftsbereich fortwährend ausbauen.

Was war bei der Agenturarbeit anders, als Sie bei der Gründung dachten?

Mir war zunächst nicht klar, wie klein der deutschsprachige Markt im Vergleich zum angelsächsischen ist. Aber dafür sind die Bücher hier langlebiger, sie haben ein langes shelf life, wie Susan Sontag bewundernd sagte. Womit sie meinte, dass die Bücher lange lieferbar sind. Gut, die meisten Titel sind heute nicht mehr über die Dauer des Urheberrechts in gedruckter Form lieferbar, aber unsere Bücher leben lange.

Was genau tut eine Agentin? Sie nimmt es den Schriftstellern ab, über Geld zu reden?

Das auch, ja. Manche Autoren interessieren sich nicht für das Kleingedruckte in den Verträgen, andere schon. Abrechnungen, Honorare, Lizenzen – wir haben eine eigene Rechtsabteilung in unserem siebenköpfigen Team. Der andere Teil ist die Autorenbetreuung, die übernehmen Franziska Günther für das Sachbuch, Meike Herrmann und ich für die Belletristik und Heinke Hager, neben ihren anderen Aufgaben, für das Kinder- und Jugendbuch. Wir haben ein Auge auf Lesereisen, die Presse, Social Media. Wir sind im beständigen Austausch mit allen Beteiligten.

Warum haben Sie Heinke Hager schon 2012 die alleinige Geschäftsführung und Anteile an der GmbH übertragen?

Ich wollte nicht wie einer dieser alten Verleger sein, die nicht abgeben können, sondern früh eine gute Nachfolgeregelung, bei der die Jüngeren in die Verantwortung gehen. Heinke Hager, die seit Beendigung ihres Studiums die Agentur mit aufgebaut hat, wird meine Anteile übernehmen und die Firma führen, mit Franziska Günther als derzeit dritter Gesellschafterin.

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