25 Jahre „Schindlers Liste“ : Für Bilder empfänglich bleiben

Vor 25 Jahren erschien Steven Spielbergs „Schindlers Liste“. Man kann die gesellschaftliche Bedeutung des Films kaum überschätzen.

Der schriftliche Nachlass des deutschen Fabrikanten Oskar Schindler befindet sich in den Redaktionsräumen der Stuttgarter Zeitung.
Der schriftliche Nachlass des deutschen Fabrikanten Oskar Schindler befindet sich in den Redaktionsräumen der Stuttgarter Zeitung.Foto: Bernd Weissbrod/dpa

Das Urteil des Meisterregisseurs fiel unversöhnlich aus. „Schindlers Liste“ sei „die Geschichte eines Triumphs“, sagte Stanley Kubrick wenige Jahre vor seinem Tod. „Im Holocaust aber starben sechs Millionen Menschen.“ Kubrick hatte selbst Pläne für einen Holocaust-Film, Steven Spielberg kam ihm zuvor.

Nach dem Erfolg von „Schindlers Liste“ sah Kubrick für einen weiteren Film keine Notwendigkeit mehr. Er irrte: Spielbergs Film war der Grundstein eines eigenständigen „Holocaust-Genres“, wie Kritiker die zunehmenden Kino-Dramatisierungen der europäischen Judenvernichtung abfällig nannten. „Schindlers Liste“ hat den Bilderdiskurs über den Holocaust wesentlich beeinflusst.

Die moralischen Positionen muten 25 Jahre nach dem deutschen Kinostart historisch an. Was ein neuerliches Nachdenken über sie nicht weniger wichtig macht. Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, ein Überlebender der Schoah, bezeichnete Spielbergs Film als „Kitsch“. In seinem Essay „Wem gehört Auschwitz?“ stellte er 2001 fest, dass die bloße Abbildung das Verbrechen an den Juden als „etwas der menschlichen Natur Fremdes etabliert“. Sie versuche den Holocaust „aus dem Reich der menschlichen Erfahrung zu verbannen“. Einen ähnlichen Tenor stimmte Claude Lanzmann an, der zehn Jahre zuvor sein Lebenswerk „Shoah“ vollendet hatte: „Die Fiktion ist eine Überschreitung.“ Es gebe Dinge, die der Darstellung untersagt seien.

Gescholten für dramatische Gimmicks

Das Kino ist heute weniger sensibel im Umgang mit Holocaust-Bildern, was nicht zuletzt am Wandel unserer visuellen Kultur liegt. Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ versuchte es 1999 tragikomisch, Polanski mit „Der Pianist“ (2002) biografisch, László Nemes mit „Son of Saul“ (2015) radikal subjektiv. Und immer gab es Anlass zur Skepsis.

„Schindlers Liste“ hat maßgeblich dazu beigetragen, dass unser Blick auf das Nicht-Darstellbare abgestumpft ist. Die berüchtigte Duschszene irritiert auch 25 Jahre später noch in ihrer dramaturgischen Perfidie: Eine Gruppe nackter Frauen wird in die Duschen des KZ Auschwitz geführt, die Kamera blickt erst verstohlen in die vermeintliche Gaskammer, ist dann ganz nah bei ihnen. Doch als sich die Duschköpfe öffnen, strömt aus ihnen nur – Wasser.

Für solche dramatischen Gimmicks ist Spielberg zu Recht gescholten worden, sicher würde er diese Szene heute so nicht mehr drehen. Aber sie ist nun mal in die Filmgeschichte eingegangen. Wie auch der oft bemühte Gegensatz von dem guten und dem bösen Deutschen: Liam Neeson als Oskar Schindler, erst NS-Profiteur, dann Judenretter, und Ralph Fiennes als sadistischer SS-Kommandant Amon Göth (eine wahre Figur), der zum Spaß vom Balkon auf Gefangene schießt.

Vor allem ein Film über die Deutschen

Es gibt viele Szenen in „Schindlers Liste“, die den Vorwürfen gegen Spielberg bis heute Gültigkeit verleihen. Die jüdischen Protagonisten, selbst Schindlers Buchhalter Itzhak Stern (Ben Kingsley), sind Schlachtvieh, ohne Handlungsmacht. Eine anonyme Masse. Ein kleines Mädchen hebt sich nur durch ihren roten Mantel von den Leichenbergen im geschmackvollen Schwarz-Weiß ab. „Schindlers Liste“ ist vor allem ein Film über die Deutschen, nicht die Opfer.

So viel zur ethischen Kritik. Gleichzeitig kann man die gesellschaftliche Bedeutung von „Schindlers Liste“ kaum überschätzen. 15 Jahre nach der Serie „Holocaust“ erzählte Spielberg einer neuen Generation vom ultimativen Menschheitsverbrechen. Seine Videointerviews mit den letzten jüdischen Zeitzeugen befinden sich heute im Archiv der Shoah Foundation. 51 000 Zeugnisse, eine Oral History des Holocaust. Spielberg mag ein naiver Filmemacher sein, aber er bewies Weitsicht: „’Schindlers Liste’,“ sagte er 2013, „ hat mich in dem Glauben bestärkt, dass Filme etwas bewirken können. Die Menschen müssen für die Bilder nur empfänglich bleiben.“

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