Ziel der Universität ist die Bildung des Staatsbürgers

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250-jähriges Humboldt-Jubiläum : Wilhelm von Humboldt: ein Berliner Klassiker
Marie Nevermann
Überlebensgroß. Wilhelm von Humboldt, wie ihn der Bildhauer Martin Paul Otto 1883 sah.
Überlebensgroß. Wilhelm von Humboldt, wie ihn der Bildhauer Martin Paul Otto 1883 sah.Foto: picture-alliance/ dpa

Neben den klassischen Disziplinen Rechtswissenschaft, Theologie und Medizin soll der Philosophie eine zentrale Bedeutung zukommen. Zeitgemäße Vorbilder sind das 1724 in Berlin gegründete Collegium Medico-Chirurgicum, das sich schon im 18. Jahrhundert zu einer fast alle naturwissenschaftlichen Disziplinen umfassenden Institution entwickelte, die 1790 gegründete Berliner Tierarzneischule, die Pepinière für Militärärzte aus dem Jahr 1795, die 1799 gegründete Bauakademie und die in mehreren deutschen Städten entstehenden Bergakademien.

In mehreren bedeutenden Denkschriften werden die Voraussetzungen für eine radikale Erneuerung der Universität geschaffen, vorrangig 1807 von den Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Johann Gottlieb Fichte. Zeitgleich entsteht 1808 ein Konzept des Theologen, Philosophen und Staatstheoretikers Friedrich Schleiermacher.

Als Wilhelm von Humboldt auf den Plan tritt, findet er diese Konzepte zur Erneuerung der Universität vor. Ihm obliegt es, für die preußische Hauptstadt ein tragfähiges Modell zu entwickeln. Dazu bedarf es der Zustimmung des Königs. Friedrich Wilhelm III. lässt für die kurze historische Phase der Reformära den Einfluss großer Gelehrter und kühnes Denken zu, dem sich die neue Universität verdankt.

Der Staat sollte sich inhaltlich nicht einmischen

Geschult an Schillers Konzept einer ästhetischen Erziehung des Menschen, eingearbeitet in das Denkgebäude von Kant, ermöglicht und fordert Humboldt zweckfreies philosophisches Denken, das die Grundlage liefert für ein neues Wissenschaftsethos.

Mit seinem Universitätskonzept über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten zu Berlin will Humboldt den König gewinnen für die Idee einer modernen Forschungsuniversität, die das neue Preußen glanzvoll repräsentiert kann. Er muss einen Zusammenhang herstellen zwischen Politikern und den Gelehrten, deren Widerstände Neuem gegenüber überwinden und einen grundlegenden Neuentwurf von der Planung zur Realisierung bringen. Vor allem muss er die Finanzierung regeln und für die gesamte Infrastruktur einer Universität sorgen – dies vor dem Hintergrund des Widerstandes der alten preußischen Universitäten in Breslau, Frankfurt und Halle.

Programmatisch steht für Humboldt vor allem die Freiheit der Wissenschaften im Zentrum. In keinem Bereich dürfe sich der Staat inhaltlich in den Wissenschaftsbetrieb einmischen. Die Universität solle sich in Selbststeuerung verwalten. Weiter will er eine Verbindung von Lehre und Forschung festgelegt wissen und eine enge Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Unmittelbares Interesse des Staates sei der gebildete, mündige und selbstbewusste Bürger, nicht der „devote Diener des Staates“.

So soll das Humboldt-Forum aussehen
Ansicht von der Nord-West-Seite des Humboldt-Forums.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: © Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum / Franco Stella
10.06.2015 14:06So soll die Nord-West-Seite des neuen Berliner Stadtschlosses einmal aussehen.

Auch die Rolle des Hochschullehrers erfährt eine Neubestimmung. Humboldt stellt dem Lernenden sein Wissen zur Verfügung, Kernaufgabe ist das wissenschaftliche Gespräch. Allgemeines Ziel universitärer Bildung ist die Entwicklung des Studierenden zum tüchtigen, verantwortungsvollen Staatsbürger. Frauen allerdings hat Humboldt noch nicht im Blick.

Die Finanzierung sowohl schulischer als auch universitärer Einrichtungen sieht er als eine staatliche Pflicht Am 16. August 1809 entspricht der König nach mehreren Änderungen seinem Antrag. Als Gebäude für die Universität wird das 1776 erbaute Palais des Prinzen Heinrich von Preußen vorgesehen.

Bevor die Universität am 15. Oktober 1810 eröffnet wird, ist Humboldt mit der Berufung der Professoren beschäftigt. Gemäß seinen Maßstäben müssen sie allerhöchsten Anforderungen genügen. Seine Berufungsliste gehört zu den glanzvollsten, die jemals für eine Universität vorgelegt worden sind. Zu den neuen Lehrstuhlinhabern (bis 1923 nur Männer) zählen neben Schleiermacher und Fichte auch der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel als bedeutendster Vertreter des deutschen Idealismus, der Rechtsgelehrte und Historiker Friedrich Carl von Savigny, der Althistoriker Barthold Georg Niebuhr, der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland, Carl Ritter, der die Geografie wissenschaftlich begründete, und der Theologe August Wilhelm Neander, für den ein Lehrstuhl für Kirchengeschichte eingerichtet wird.

Humboldt schied früh und verbittert aus dem Amt des Rektors

Hegel folgt erst 1818 dem Ruf auf einen Lehrstuhl an der Berliner Universität. Sein hohes Ansehen führt ihm viele Hörer auch außerhalb des universitären Rahmens zu. Unter seiner Ägide entwickelt sich die Philosophische Fakultät als das Zentrum der Universität, deren Rektor er 1829 wird.

Die Eröffnung der Reformuniversität mit Fichte als erstem Rektor findet ohne Wilhelm von Humboldt statt. Schon am 23. Juni 1810 scheidet er verbittert aus seinem Amt aus. Er erkennt, dass sich die Reformära dem Ende zuneigt, dass er in Konkurrenz zu dem konservativen Staatskanzler Hardenberg nichts ausrichten kann. Mit enormem Arbeitseinsatz und diplomatischem Geschick hat er in knapp eineinhalb Jahren die Reorganisation des preußischen Bildungswesens geleistet und sein umfangreiches Bildungskonzept auf den Weg gebracht. Seine Reflexionen eines auf freier Entfaltung beruhenden Lebensentwurfes, einer von Autonomie gekennzeichneten Gesellschaftsordnung behalten ihre große Strahlkraft.

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