300 Jahre Verlag Breitkopf & Härtel : Gute Noten aus Leipzig

Mozart, Bach, Beethoven, Wagner: Der Verlag Breitkopf & Härtel hat sie alle gedruckt und schreibt seit 300 Jahren Musikgeschichte.

Historische Aufnahme der Buchbinderei von Breitkopf & Härtel.
Historische Aufnahme der Buchbinderei von Breitkopf & Härtel.Foto: Breitkopf & Härtel

Verglichen mit dem einstmals riesigen Gelände im südöstlichen Leipziger Zentrum, das dem der Musikverlag Breitkopf & Härtel vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte, nimmt sich die Villa im gediegenen Wiesbadener Norden, in der der Verlag heute residiert, eher bescheiden aus.

Als Breitkopf & Härtel 1719 gegründet wurde, hatte sich die sächsische Messestadt längst zum pulsierenden bürgerlichen Handelszentrum entwickelt. Das reiche Leipzig wurde von einer stolzen Bürgertumskultur belebt. In diesem Jahr heiratete Bernhard Christoph Breitkopf in die Leipziger Druckerfamilie Müller ein und gründete wenig später keine 50 Schritte von der Nikolaikirche entfernt auf dem Grundstück des ehemaligen Gasthofs „Zum goldenen Bären“ sein neues Gewerbe. Es war der Grundstein für die längste und wohl auch mächtigste Musikverlagsgeschichte der Welt.

Mit Breitkopf & Härtel sind nicht nur zahlreiche berühmte Komponisten wie Haydn, Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Schumann, Liszt oder Wagner verbunden, hier erschienen auch die ersten Vertonungen der frühen Goethe-Gedichte – damals ohne Namensnennung des Dichters –, Schemellis „Musicalisches Gesangbuch“ unter Beteiligung von Johann Sebastian Bach, der 1723 nach Leipzig gekommen war, und wichtige Gesamtausgaben aller Komponisten von Weltgeltung. Breitkopf & Härtel schrieb auch Kulturgeschichte durch die Revolutionierung des Notendrucks. Die Bedeutung des Verlages für Leipzig als Musikstadt und die musikalische Weltgeschichte kann man kaum hoch genug bewerten.

Nachdem das Verlagsgebäude 1943 zerbombt worden war, floh der damalige Eigner Hellmuth von Hase, dessen Verstrickungen erst jetzt vom Verlag aufgearbeitet werden sollen, nach Wiesbaden. Der Leipziger Verlag wurde zum Volkseigenen Betrieb verstaatlicht und 1991 dem Alteigentümer nach zähen Verhandlungen wieder einverleibt. Aufgrund einer Erbenstreitigkeit zog sich Breitkopf & Härtel 2014 aus Leipzig zurück. Erst sein neuer, aus Leipzig stammender Chef Nick Pfefferkorn eröffnete 2017 wieder eine Dependance am Gründungsstandort.

Einst arbeiteten 1000 Menschen im Verlag

Damit revidierte der 43-Jährige, der als Erster in drei Jahrhunderten Verlagsgeschichte nicht aus der Familiendynastie kommt, eine aus der Finanznot geborene Standortentscheidung wenigstens teilweise. In Leipzig waren bis zum Kriegsende neben Breitkopf & Härtel so große Häuser wie Brockhaus, Kiepenheuer, Reclam, Baedeker oder Seemann zu Hause, auch die große eigene Konkurrenz war nicht weit – die Edition Peters kehrte 2014 komplett an ihren Gründungsstandort zurück, der deutlich kleinere Hofmeister-Verlag ebenfalls.

In den Hochzeiten der Jahrhundertwende, als es zum guten Ton gehörte, jeder höheren Bürgertochter Klavierunterricht zu erteilen, verzeichnete der Verlagskatalog von Breitkopf & Härtel eine Liste von 100.000 vorrätigen Titeln – viermal so viel wie heute. Bis zu 1000 Mitarbeiter waren hier beschäftig.

Diese fetten Jahre sind schon lange vorbei. Heutzutage wird das Musikaliengeschäft noch stärker als die Literaturverlage von einer beispiellosen Marktkonzentration geprägt. Auch Breitkopf & Härtel selbst übernahm schon um die Jahrtausendwende große Häuser, andere Verlagslegenden wurden ihrerseits längst von großen Konzernen übernommen – der Rechte wegen, nicht um verlegerisches Handeln zu fördern.

Der komplette Katalog ist digital verfügbar

Notendatenbanken im Internet machen ihnen das Leben ebenso schwer wie große Reprints alter Ausgaben, die nicht mehr geschützt sind. Dabei stützt sich ein Musikverlag auf drei Säulen des Broterwerbs: Geld verdient er durch den Verkauf von gedruckten Noten, das Verleihen von vorgehaltenen Ausbildungsmaterialien selten gespielter Werke und einen Teil der Nutzungsgebühren, die über Gema und Verwertungsgesellschaften abgeführt werden. Damit ist Breitkopf & Härtel noch vergleichsweise solide aufgestellt, „aber was in 20 Jahren sein wird, kann niemand vorhersagen“, gibt sich Pfefferkorn zurückhaltend.

Fragezeichen sieht der Verlagschef vor allem hinter den geradezu hektisch vorangetriebenen Verlagsprojekten der Digitalisierung. Viele Modelle seien, so Pfefferkorn, genauso schnell wieder verschwunden, wie sie entwickelt worden waren. Mit spezifischen Anwendungen zwinge man ja die Musiker, sich für jeden Verlag auf eine neue App mit eigenen Bedienelementen zum Beispiel bei individuellen Eintragungen einzustellen.

Breitkopf & Härtel entschied sich deshalb dafür, seinen kompletten Katalog – bis auf das Leihmaterial – digital über den britischen Anbieter Nkoda zugänglich zu machen. Das Streamingmodell möchte möglichst alle großen Verlage in ein Boot holen, der Kunde bezahlt eine monatliche Flatrate und hat damit das komplette Angebot der Verlage zur Verfügung. Ob das Projekt ein Erfolg wird, muss sich erst noch beweisen, und das konventionelle Geschäft ist Pfefferkorn weiterhin heilig. Dafür setzt er ganz auf Qualität und lässt etwa eigenes Papier herstellen, das in Bezug auf Färbung, Opazität, Grammatur und Geräuscharmut für Musizierzwecke optimiert ist.

Bachs sämtliche Orgelwerke werden neu aufgelegt

Zudem hat sich der Verlag seit Langem auf wissenschaftliche Neueditionen von älteren Werken spezialisiert, bei denen sich die Quellenlage geändert hat oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse eine Überarbeitung erfordern. Soeben hat Nick Pfefferkorn den Urdruck seiner neuen Gesamtausgabe der Sinfonien von Gustav Mahler per Kurier erhalten und legt sie vor sich auf den großen Holztisch. „Das ist eines unser ehrgeizigsten Projekte. Ein Jammer, dass wir Mahler damals nicht genommen haben, als er sich bei Breitkopf & Härtel beworben hat.“

Wichtige aktuelle Neuausgaben sind Bachs sämtliche Orgelwerke, Beethovens Streichquartette in historischen Ausgaben, hochwertige Digitalisierungen sämtlicher Klavierwerke von Robert Schumann, die Ehefrau Clara in sieben Bänden herausgab, oder die erste wissenschaftliche Neuausgabe der Sinfonien von Peter Tschaikowsky. Es ist eine helle Freude, Nick Pfefferkorns glückliche Gesichtszüge zu beobachten, wenn er beschreibt, dass im letzten Satz der fünften Sinfonie ein Beckenschlag dazugekommen sei, der vorher nicht in den Noten stand.

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Zwar engagiert sich Breitkopf & Härtel auch weiterhin für zeitgenössische Musik, so wie es der Verlag seit dem 18. Jahrhundert pflegt, aber das Marktumfeld für derlei Aufführungen ist naturgemäß klein, weil das Publikum vor allem die Klassiker bevorzugt, auch wenn Pfefferkorn für moderne Musik einen „immensen Markt“ sieht. Die Akquise geht weiter, denn „ein Verleger, der nur wirtschaftlich denkt, ist kein guter Verleger“, sagt Pfefferkorn weltmännisch. „Er hat auch immer einen kultur- und bildungspolitischen Auftrag.“ Damit leiste er, was ein Urheber nicht allein könne: sein Werk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und dadurch überhaupt eine Reaktion zu ermöglichen. „Wir haben zu unseren Autoren zu stehen.“

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