50 Jahre „Deutschstunde“ : Die Bücher von 1968

Vor 50 Jahren erschien Siegfried Lenz' bekanntester Roman. In der Bestsellerliste stand die „Deutschstunde“ neben Büchern von Malpass, Wilder und Bulgakow.

Siegfried Lenz, Autor der "Deutschstunde".
Siegfried Lenz, Autor der "Deutschstunde".Foto: Fabian Bimmer/dpa

Bei all der Hektik auf dem Buchmarkt kümmern sich die Verlage in Deutschland trotzden weiterhin rührend um ihre Klassiker. So wie Kiepenheuer & Witsch gerade mit der Veröffentlichung von Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“, das vor zwanzig Jahren erschien. Oder parallel dazu Hoffmann & Campe um Siegfried Lenz, dessen erfolgreichster und wohl bedeutendster Roman „Deutschstunde“ vor fünfzig Jahren veröffentlicht wurde, in dem politisch so bewegten, zu einer historisch-gesellschaftlichen Chiffre gewordenen Jahr 1968.

Der besonnene Lenz und dieses Jahr, sie wollen auf den ersten Blick nicht so zusammenpassen: der Schriftsteller mit dem langen erzählerischen Atem und „seinem Versuch, die Welt zu entblößen, dass niemand sich unschuldig oder unbetroffen fühlen kann“, wie er das einmal gesagt hat, und die radikalen Studenten, die nicht hart und schnell genug mit ihren Nazi-Eltern ins Gericht gehen konnten.

Trotzdem wurde Lenz’ Roman 1968 sofort ein Bestseller, gelangte auf Platz fünf der Jahrescharts der „Spiegel“-Liste und entwickelte sich 1969 zum meistverkauften und gelesenen Buch in der Bundesrepublik. Bis heute soll es knapp zweieinhalb Millionen mal verkauft worden sein.

Ob die Neuauflage noch einmal Bestseller wird?

Überhaupt ist es erstaunlich, was für Bücher seinerzeit die Bestseller waren, wie wenig sich die bewegten Zeiten gerade in der Belletristik-Liste wiederspiegeln, wie trashfrei-gediegen diese ist. Zweimal der englische Schriftsteller Eric Malpass mit „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ und „Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“, dann Thornton Wilder mit „Der achte Schöpfungstag“ und überdies auf Platz sechs Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“. Der wurde erst 25 Jahre nach Bulgakows Tod in dessen Nachlass gefunden und nach der Veröffentlichung in der Moskauer Zeitschrift „Moskwa“ auch zügig ins Deutsche übertragen.

Höchstens im Erfolg von Henry Millers „Stille Tage in Clichy“ zeigen sich die sexplodierenden sechziger Jahre, und politisch in den Sachbuchcharts mit Alexander Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“ und dem einen Monat nach dem Attentat auf Rudi Dutschke veröffentlichten Sammelband „Rebellion der Studenten oder die Neue Opposition“ mit Beiträgen von Dutschke, Wolfgang Lefèvre, Uwe Bergmann und Bernd Rabehl.

Wie Bulgakow ist Lenz ein Klassiker geworden. Ob sich die „Deutschstunde“- Neuauflage vielleicht noch einmal zu einem Bestseller aufschwingt? Mal sehen, was im Oktober 2020 ist. Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ feiert dann seinen zehnten Geburtstag, und der wird ja inzwischen selbst in der Schule mehr gelesen als die „Deutschstunde“.

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