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50 Jahre Philharmonie Berlin : Mehr Demokratie hören
Oase in der Wüste. Die Philharmonie im Bau. Ihre goldene Aluumhüllung erhält sie erst später.
Oase in der Wüste. Die Philharmonie im Bau. Ihre goldene Aluumhüllung erhält sie erst später.Foto: Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker

Im Jahr darauf fand endlich ein Architekturwettbewerb statt, bei dem nach 16-stündiger Jurysitzung mit neun gegen vier Stimmen Scharouns exzeptioneller Entwurf als Sieger gekürt wurde. 63 Jahre alt war der Baumeister damals bereits, emeritierter Ordinarius für Städtebau an der Berliner TU und Präsident der neu gegründeten Akademie der Künste. Ein prominenter Kopf, der bis dato allerdings keine größeren Projekte hatte verwirklichen können. Die Nazis verfemten ihn als „Kulturbolschewisten“, doch auch die meisten vor 1933 und nach 1945 entwickelten Pläne wurden als unrealisierbar abgelehnt, zuletzt der siegreiche Entwurf für den Wiederaufbau des Kasseler Stadttheaters. Darum sollte es diesmal nun unbedingt gelingen: Neun lange Jahre würde Scharoun für sein visionäres Meisterwerk kämpfen müssen, gegen wütende Kritiker und chronisch klamme Kämmerer.

Immerhin hatte er in Herbert von Karajan einen wirkmächtigen Fürsprecher. Der Maestro war von einem mittig platzierten Podium sofort überzeugt – auch wenn er selber den klassischen antidemokratischen Pultdiktatorentyp verkörperte. Warum Karajan die Vorstellung faszinierte, vom Publikum umgeben zu sein? War es wirklich die Hoffnung darauf, dass sich die kollektive Aufmerksamkeit in so einem Saal maximieren lässt? Oder verlockte ihn die Vorstellung, künftig in jeder Hinsicht den absoluten Mittelpunkt des Geschehens bilden zu können? Scharoun jedenfalls, der „bullige, wortkarge Nachtarbeiter und Nichturlauber“ („Der Spiegel“) konnte sich daran machen, eine kühne Idee in Beton zu gießen.

Architekt Hans Scharoun und sein Akustiker Lothar Cremer auf der Baustelle.
Architekt Hans Scharoun und sein Akustiker Lothar Cremer auf der Baustelle.Foto: Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker

Zum Glück steht die Philharmonie nicht an der Bundesallee

Zunächst freilich unter der Prämisse, die Philharmonie als Anbau am Joachimsthalschen Gymnasium in Wilmersdorf zu realisieren. In einer gerade vom Wasmuth Verlag herausgebrachten Monografie lässt sich anhand von umfangreichem Skizzenmaterial erkennen, wie der neuartige organische Bau aus der klassizistischen Schulhaus-Architektur herauswächst. Im Inneren wiederum ragen luftige Treppenbänder wie Fühler in das historische Gehäuse hinein, das auch als Windfang vor den eigentlichen Foyers gedient hätte. Im Altbau sollten Orchesterverwaltung und Probenräume Platz finden, dort, wo heute die Bar jeder Vernunft auf der tristen Parkpalette thront, hätte der Saal gestanden.

Versteckt wäre die Philharmonie an der Bundesallee gewesen, verschenkt die spektakuläre Wirkung. Die konnte der wegen seiner Zeltdachform schnell „Zirkus Karajani“ getaufte Bau erst als Solitär auf dem Kulturforum entfalten. Unglaublich, welche handwerkliche Präzision und geistig-mathematische Feinarbeit in Zeiten vor dem Computer für die Pläne notwendig waren! 890 Tage dauerten die Bauarbeiten, als im August 1961 plötzlich die Hälfte der Handwerker nicht mehr zur Arbeit erscheinen konnte. So schufteten die übrigen statt fünf nun sechs Tage die Woche, um den Eröffnungstermin halten zu können. Dennoch war nicht alles fertig, als am 15. Oktober die ersten Töne von Beethovens Neunter erklangen.

Jetzt musste sich zeigen, ob die Gegner recht behalten würden: Die Verfechter der traditionellen Schuhkarton-Form konnten sich einfach nicht vorstellen, dass sich der Klang in einem aus drei ineinanderverschachtelten Fünfecken gebildeten Raum so kanalisieren lässt, dass auf allen 18 Weinberg-Terrassen gleich gute akustische Bedingungen herrschen – und sich die Musiker in der Mitte auf dem Podium auch noch selber hören können. Lange hatte Scharoun mit dem TU-Professor Lothar Cremer an den Details gefeilt, den Neigungswinkel einiger Wände verändert, 136 pyramidenförmige Helmholtz- Reflektoren unter der Decke angebracht – und schließlich das ursprünglich in einem Stück geplante Schallsegel in ein Mobile aus mehreren Einzelteilen zerlegt.

Herbert von Karajan verfeinerte den Konzertsaal

Das Wagnis gelang, der Saal klang. Herbert von Karajan musste im Live-Test nur noch die Höhenstaffelung der Musikerpodeste dazu erfinden – seitdem gehört die Philharmonie zu den besten Konzertsälen der Welt.

Nur Werner Oelmann, der angry old man des Tagesspiegels, gab bis zuletzt nicht nach. In seiner Rezension des Eröffnungskonzerts ist zu lesen: „Die moderne Gesellschaft will ihr Kunstwerk ganz und ohne Geheimnis besitzen, sie umschließt es im Kreis und sieht sich als Komparserie ihres eigenen Festes. Konzert ist nicht mehr Verkündigung einer anderswoher klingenden Botschaft. Musik ist säkularisiert, in die Mitte der realen Welt gestellt.“ Was den Kritiker so verbitterte, wissen die Besucher der Philharmonie heute besonders zu schätzen

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