6. Kreuzberger Dokumentarfilmwoche : Lass uns reden

Sprechen, Lesen, Streiten: Die 6. Kreuzberger Dokumentarfilmwoche setzt auf das Thema Kommunikation.

Esther Buss
Austausch als utopischer Moment. Zwei Schülerinnen aus der französischen Doku „Premières Solitudes“.
Austausch als utopischer Moment. Zwei Schülerinnen aus der französischen Doku „Premières Solitudes“.Foto: Kreuzberger Dokumentarfestival/Premières Solitudes

„Alors on danse“ ist der größte Hit des belgischen Sängers Stromae und der Titelsong von „Premières Solitudes“. In Claire Simons Film wird dann aber nicht getanzt, sondern geredet. Tessa, Anaïs, Catia, Manon, Elia, Hugo, Judith, Mélodie, Lisa und Clément besuchen die elfte Klasse eines Gymnasiums in Ivry, einem Vorort von Paris, der auf eine lange Arbeiter- und Einwanderervergangenheit zurückblickt. In wechselnden Zweier- und Dreierkonstellationen sprechen die Heranwachsenden im Klassenzimmer, auf Parkbänken und im Schulflur über ihre zerrissenen Familien, über Einsamkeit, Verliebtheit und die Ungewissheiten der Zukunft. Dieses Sprechen – reflektiert, einfühlsam, mit stets leiser Stimme – hat bei aller Wirklichkeitsnähe etwas Entrücktes, fast Utopisches. Denn in den Elternhäusern sind gemeinsame Essen nur noch ferne Kindheitserinnerungen – die Wortlosigkeit gehört dort zum Alltag.

Nach der Uraufführung im diesjährigen Forum der Berlinale ist „Premières Solitudes“ nun im Rahmen der 6. Kreuzberger Dokumentarfilmwoche zu sehen. Kommunikation in den verschiedensten Ausdrucksformen ist eines der Themen des wie immer sorgfältig kuratierten Programms mit insgesamt 14 Beiträgen, zu sehen im fsk-Kino und im Sputnik am Südstern. Das Spektrum reicht vom Sprechen, Lesen und Vorlesen übers Schreiben bis hin zum Diskutieren, Streiten und Berichten. Neben Claude Lanzmanns letzter Arbeit „Vier Schwestern“, der aus bisher unveröffentlichtem Interviewmaterial für „Shoah“ entstanden ist, wird unter anderem Frederick Wisemans großartiges Institutionenporträt „Ex Libris – The New York Public Library“ und „Atelier d’Conversation – Sprechstunde“ von Bernhard Braunstein zu sehen sein, ein Film, der sich einer wöchentlichen Gesprächsrunde in der Bibliothek des Pariser Centre Pompidou widmet.

Sprechen als Bewahren von Geschichte

Das Sprechen als Bewahren von Geschichte und Zeitzeugenschaft bei Lanzmann und das nach Art des Direct Cinema „mitgeschnittene“ Gesprächsmaterial erhält in Claire Simons Film zudem eine eigenwillige Form. Die „neuartigen Unterhaltungen“ (conversations inédites), wie es im Vorspann heißt, sind aus einem Schulprojekt im Rahmen eines Filmkurses entstanden. Die französische Filmemacherin war eingeladen, gemeinsam mit der Klasse einen Kurzspielfilm zu realisieren. Schließlich wurden die Interviews, die sie zur Entwicklung des Drehbuchs mit den Schülerinnen und Schülern führte, zur Grundlage von „kontrollierten“ Dialogen. Auf ihre Weise errichtet auch Simon ein Atelier d’Conversation, einen geschützten Raum, in dem Unsicherheiten, Verletztheiten und Ängste zur Sprache kommen können.

Wie sich dieses Sprechen in die offenen, zwischen Ernst, Unbekümmertheit und Sehnsucht wechselnden Gesichter einzeichnet, ist ein so berührendes wie schönes Ereignis.

6. Kreuzberger Dokumentarfilmwoche im fsk am Oranienplatz und Sputnik Südstern. Bis 5. September. Weitere Infos: www.dokfilmwoche.peripherfilm.de

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