68. Berlinale : Japanische Jugend im Forum und Panorama

Sinnsuche und Fatalismus: Der Panorama-Eröffnungsfilm „River’s Edge“ und „Amiko“ im Forum porträtieren japanische Jugendliche.

Jonas Lages
Fumi Nikaidou und Ryo Yoshizawa in "River's Edge".
Fumi Nikaidou und Ryo Yoshizawa in "River's Edge".Foto: River’s Edge Film Partners, TAKARAJIMASHA / Kyoko Okazaki

Der Kampf der Jugend hat seinen festen Platz im japanischen Kino. Ausgefochten wird er auch in „River’s Edge“ von Isao Yukisada, dem Panorama-Eröffnungsfilm, und in Yoko Yamanakas „Amiko“ (Forum). Wobei Yukisada an Nagisa Oshima anknüpft und in satten Farben das Unsittengemälde einer japanischen High School malt. Haruna ist nicht zu beneiden: Ihr Freund Konnozaki misshandelt den schwulen Ichiro und betrügt Haruna zugekokst mit ihrer gefesselten Freundin Rumi, die wiederum gegen Geld mit älteren Männern schläft. Ichiro übersteht seine Pein durch die Flucht in den Zynismus. Er prostituiert sich, führt eine Scheinbeziehung mit der unschuldigen Kanna, sagt, dass er nicht weiß, ob er tot oder lebendig sei. Haruna steht ihm in Mom-Jeans bei. Und lernt Kozue kennen, ein lesbisches Model mit Bulimie, dessen lebloses Gesicht beim Anblick toter Katzenbabys strahlt.

„River’s Edge“ ist weniger ein kollektives Psychogramm als eine Chronik der Symptome, die womöglich der rigiden Gesellschaft geschuldet sind. In grobkörnigen 4:3-Bildern und mit einem Faible für Schmatzgeräusche versucht Yukisada in seiner Manga-Adaption eine blutige Symbiose von Lebenshunger und Todessehnsucht einer glück- und hoffnungslosen Jugend. Genüsslich registriert die Kamera Fressorgie, Fellatio, das Saugen an Kippen. Den Erzählfluss unterbrechen Interviewfragmente, die an die soziologischen Studien in Godards „Masculin Féminin“ erinnern. Wenn Haruna und die anderen gefragt werden, was die Liebe sei oder das Leben, sind sie sprachlos.

Aira Sunohara und Maiko Mineo im Forum-Film "Amiko".
Aira Sunohara und Maiko Mineo im Forum-Film "Amiko".Foto: 2017 Yoko Yamanaka

Eine Liebe in Gedanken

Um Sprachlosigkeit geht es auch in Yamanakas charmantem, weniger von sich selbst eingenommenen Debütfilm „Amiko“. Eine Liebe in Gedanken: Die 16-jährige Amiko erklimmt eines trüben Schulnachmittags mit dem älteren Aomi einen schneebedeckten Berg, dann herrscht Funkstille. Die Zeit vergeht, Amikos Sehnsucht bleibt. Dann verschwindet Aomi aus der Provinzschule, um mit der älteren Miyako in Tokio zu leben. Amiko ballt die Fäuste und fährt in die Hauptstadt. Leichtfüßig fängt die erst 20-jährige Regisseurin die Leiden des Teenager-Daseins ein und macht die existentielle Dimension der Frage spürbar, ob man seiner Rivalin auf Instagram folgen sollte. Ihre Experimentierfreude führt zu zahlreichen amüsanten Einlagen.

Trotz der spielerischen Unbeschwertheit geht es vor allem um die Spannung zwischen Rebellion und Konformismus. Aomi scheint zunächst einer dieser Bilderbuch-Japaner zu sein, der macht, was man von ihm erwartet; dann bricht er aus. Amiko verachtet alle Massenkultur, die Miyako für ihn verkörpert. Als im Neonmeer von Shinjuku ein Mann die Menschen als Lügner beschimpft, stimmt sie in die Anklage ein. „Amiko“ schickt seine Figuren auf die Suche nach sich selbst. „River’s Edge“ versinkt im Fatalismus. Während dort der männliche Blick der Kamera junge weibliche Körper ausstellt, begegnen sich in „Amiko“ sehnsüchtige Augen. Dem wahren Blick wohnt der Wunsch nach Erwiderung inne.

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