70. Jahrestag der Staatsgründung : Israel - ein Einwanderungsland par excellence

In Deutschland wird oft der Islam für Integrationsprobleme von Einwanderern verantwortlich gemacht. Warum das falsch ist, lehrt auch das Beispiel Israel.

Schmelztiegel Israel. Hier leben Juden aus Europa, dem arabischen Raum oder aus Äthiopien. Proteste gab es jüngst gegen Pläne, afrikanische Flüchtlinge abzuschieben.
Schmelztiegel Israel. Hier leben Juden aus Europa, dem arabischen Raum oder aus Äthiopien. Proteste gab es jüngst gegen Pläne,...Foto: Reuters/Ammar Awad

Migranten schleppen eine fremde Kultur ein, lassen sich nicht integrieren, neigen zur Bandenbildung, verüben mehr Verbrechen als der Durchschnitt, wandern in die Sozialsysteme ein, sind frauenfeindlich und homophob, belasten das Bildungssystem. So schallt es in Deutschland aus vielen Ecken, besonders laut seit dem Herbst 2015, dem Flüchtlingsherbst. Verantwortlich gemacht für die Malaise wird oft die Religion der meisten Migranten, der Islam. Der gehöre nicht zu Deutschland, heißt es trotzig. Ein Heimatministerium wird gegründet, das Thema Identität hat Konjunktur.

Von heiß bis hitzig schlägt der Erregungspegel aus. „Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen“, schrieb Kurt Tucholsky. Das Phänomen indes ist älter. „Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage ,Was ist deutsch?' niemals ausstirbt“, wusste bereits Friedrich Nietzsche.

Vielleicht hilft ein Blick über den Tellerrand, um die Dimension und vermeintliche Exklusivität der Probleme besser einordnen zu können. Der Staat Israel feiert in diesen Tagen oder Wochen, je nach Kalender, seinen 70. Geburtstag. Er hat allen Grund, stolz auf sich zu sein. Denn in den vergangenen sieben Jahrzehnten reihte sich Wunder an Wunder.

Aus der agrarischen Wüstenenklave wurde ein Hightechland, aus 650.000 Bewohnern wurden 8,5 Millionen, in mehreren Kriegen wurde die Sicherheit des Landes verteidigt, heute verfügt Israel über eine der modernsten Armeen der Welt. Das kulturelle Leben zwischen Haifa, Jerusalem, Beer Sheva und Tel Aviv ist bunt, vielfältig, überwiegend liberal, die Gesellschaft freiheitsliebend und diskussionsfreudig. Etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung sind muslimische Araber, Debatten über den Islam, das Kopftuch oder Minarettbauten gibt es nicht.

Vor der zionistischen Einwanderung waren orientalische Juden die Mehrheit

Israel ist ein Einwanderungsland par excellence. Juden aus mehr als 120 Ländern bilden eine lebendige Mosaiknation. Wer nach Eretz Israel einwandert, steigt buchstäblich auf. Das hebräische Wort „Alija“ für Einwanderung heißt übersetzt „Aufsteigen, Hinaufziehen“, womit ursprünglich die Stadt Jerusalem und der Tempelberg gemeint waren. Die frühen Alijot begannen vor knapp tausend Jahren, die neuzeitlichen setzten Ende des 19. Jahrhunderts ein. Die Hauptherkunftsländer waren bis zur Staatsgründung Russland, Polen, Galizien, Rumänien, Deutschland, Jemen. Vor der ersten zionistischen Einwanderungswelle waren orientalische Juden – später auch Misrachim oder etwas abfällig Sfaradim genannt – in der Mehrheit, bei der Staatsgründung stammten dann 77 Prozent der Bevölkerung aus Europa und Amerika. Die mehrheitlich säkular geprägten Aschkenasim drückten der Gesellschaft ihren Stempel auf.

Doch das änderte sich. In den folgenden zehn Jahren wanderten überwiegend Juden aus Ägypten, Irak, Jemen, Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen ein. Sie wurden zunächst in Transitlager untergebracht, die oft am Rande von Ortschaften errichtet worden waren. Viele Einwanderer mussten in Zelten hausen, für die Landwirtschaft taugten sie meistens nicht. „Habituell waren die Neuankömmlinge der arabischen Bevölkerung ähnlicher als den aus Europa stammenden Juden“, schreibt der israelische Soziologe Natan Sznaider in seinem jüngst erschienenen Buch „Gesellschaften in Israel“.

Die Jungen begeben sich auf die Spuren ihrer arabischen Wurzeln

Auch ideologisch prallten zwei Welten aufeinander. Die Aschkenasim verstanden Israel als Ort der Rettung für in Europa verfolgte Juden, oft in Verbindung mit sozialistischen Aufbauidealen. Die Misrachim konnten damit wenig anfangen. Ihre Herkunftsländer kamen in der Geschichtsschreibung kaum vor, die arabische Sprache war verpönt. Heute ist Israel „orientalischer und auch weiter von Europa entfernt als je in seiner Geschichte“, schreibt Sznaider. Viele Vertreter der jungen Generation begeben sich auf die Spuren ihrer Großeltern, die aus dem Jemen, Irak, Marokko oder Tunesien eingewandert waren. In ihre sehr populäre „Musika Misrachit“ fließen orientalische Elemente ein, auch traditionelle arabische Lieder werden gesungen.

Die jüdischen Neueinwanderer aus arabisch geprägten Ländern waren religiöser als der Durchschnitt, weniger gebildet, kulturell traditioneller, und sie wiesen eine höhere Kriminalitätsrate auf. In einer kriminologischen Studie aus dem Jahr 1975 („Homicide Victims and Offenders: An Israeli Study“) heißt es, orientalische Juden begingen doppelt so viele Morde wie westliche Juden. Interessant ist vor allem, dass die Mordrate an Ehefrauen unter Juden insgesamt höher war als unter muslimischen Arabern. Als Grund dafür wird der Kulturschock vieler orientalischer Juden genannt, die aus einer stark maskulin geprägten Region, in der Frauen als Besitz galten, nach Israel einwanderten – wo die westliche Norm der Gleichberechtigung galt. Muslimische Araber verharrten dagegen in ihrem eigenen kulturellen Referenzsystem.

Äthiopische Juden können israelische Staatsbürger werden

Die 1984 gegründete orthodoxe Schaspartei, die seitdem in fast allen Regierungen vertreten ist, gilt als Repräsentanz vieler Misrachi, vor allem aus Marokko und dem Irak. Frauen stehen nicht auf ihrer Liste, sie kämpft für eine strikte Einhaltung religiöser Gebote, ist stark homophob. Wer immer heute in Deutschland exklusiv den Islam für solche Tendenzen unter Einwanderern verantwortlich macht, muss sich den Vorwurf der Voreingenommenheit gefallen lassen.

Zusätzlich zur großen Einwanderungswelle aus ehemals sowjetischen Staaten Anfang der neunziger Jahre wurden zwischen 1984 und 2013 in drei spektakulären Rettungsaktionen – „Moses“, „Salomon“ und „Taubenflügel“ genannt – auch Zehntausende äthiopische Juden nach Israel gebracht. Die „Beta Israel“, wie sie sich nennen, werden vom Rabbinat offiziell als Abkömmlinge des Stammes Dan anerkannt, einem der zehn verlorenen Stämme Israels. Deshalb haben sie im Rahmen des Rückkehrgesetzes das Recht, israelische Staatsbürger zu werden. Heute stellen die „Falaschen“ rund zwei Prozent der Bevölkerung des Landes. Zwei Prozent, das entspricht ungefähr dem Anteil der hierzulande seit 2015 eingewanderten Schutzsuchenden an der deutschen Bevölkerung.

Integration ist in Israel genauso schwierig wie anderswo

Die Parallelen stechen ins Auge, hier wie dort ein ähnliches Bild: Äthiopische Juden kommen in der Schule nicht mit, brechen ihre Ausbildung früh ab, haben eine höhere Kriminalitätsrate, kosten den Steuerzahler rund 100 000 Dollar pro Kopf, mehr als die Hälfte von ihnen bezieht kein regelmäßiges Einkommen, dreiviertel der Kinder leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Integration macht nur langsam Fortschritte. Schuld daran sind auch rassistische Vorurteile innerhalb der Mehrheitsgesellschaft.

Was lehrt der Exkurs? Vor allem das: Viele Probleme, die Einwanderung mit sich bringt, sind „ganz normal“, haben wenig mit Religion zu tun, verändern eine Gesellschaft, gefährden aber nicht ihre Substanz.

Israel hat eine sehr ausgeklügelte Einwanderungspolitik, ein mehrmonatiger Sprachkurs etwa ist Pflicht. Dennoch unterscheiden sich die dortigen Herausforderungen durch jüdische Einwanderer kaum von denen, die Deutschland wegen seiner muslimischen Migranten oder christlichen Flüchtlinge aus Eritrea bewältigen muss. 70 Jahre Israel, das heißt eben auch: Glückwunsch zum Projekt einer Mosaiknation!

Autor

37 Kommentare

Neuester Kommentar