75 Jahre Republik Libanon : „Der Pluralismus braucht Schutz“

Die Schriftstellerin Iman Humaydan über den Jahrestag der Unabhängigkeit und verschlossene Türen.

Iman Humaydan
Im Gebet vereint. Vertreter der 18 christlichen und muslimischen Religionsgemeinschaften gedenken 2016 an den Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs.
Im Gebet vereint. Vertreter der 18 christlichen und muslimischen Religionsgemeinschaften gedenken 2016 an den Ausbruch des...Foto: Wael Hamzeh, picture alliance/dpa

Anlässlich des 75. Jahrestages der Unabhängigkeit wollte ich diesen Artikel mit einem Gruß an den Libanon beginnen. Mit einem Gruß an ein Land, das auf eine lange Geschichte des friedlichen Zusammenlebens von 18 verschiedenen Religionsgemeinschaften zurückblicken kann. Diese beachtenswerte Erfahrung hätte ein Vorbild für den Weltfrieden sein können, doch kann der Libanon diese Rolle heute angesichts der nicht endenden Konflikte, der Plünderung des Überreste des Staates, des Zerfalls der Politik und des Dienstleistungssektors und der sich bedrohlich ausbreitenden Korruption unter Politikern, Abgeordneten und Ministern, die nichts sind als Repräsentanten ihrer Religionsgemeinschaft, noch spielen?

In der Vergangenheit war der Libanon – und ist es noch immer – Zufluchtsort für bedrohte religiöse oder ethnische Gruppierungen: Die Armenier suchten dort Schutz vor den Massakern, die Palästinenser flohen nach der Besetzung ihres Landes, die Syrer vor Gewalt und Tod. Aber auch arabische Journalisten suchten Zuflucht im Libanon vor den Regimes ihrer Länder und fanden in Beirut eine freie Presse und ein freies Verlagswesen.

Heute hat sich einiges verändert. Das Land ist zum Schauplatz für die Konflikte der mächtigen Nachbarstaaten geworden, und die Repräsentanten der Religionsgemeinschaften haben begonnen, sich in die große Politik zu mischen. Obwohl seit dem Ende des Krieges im Libanon etwa drei Jahrzehnte vergangen sind, haben die Kriegsfürsten noch immer große Macht und wurden in die Lage versetzt, dank eines schwachen Staatsapparates auch in Zeiten des (fragilen) Friedens zu regieren.

Die Libanesen befinden sich in einem Zustand irrationaler Naivität

Die Milizen, die den Staat zerstört hatten, wurden nach Kriegsende Teil der Regierung und setzen alles daran, diesen Staat zwischen Leben und Tod zu halten. Sie verwandelten den religiösen Pluralismus in politische Konflikte, und jeder von ihnen ernannte sich selbst zum Beschützer seiner eigenen Gemeinschaft.

Ist es da verwunderlich, wenn sich die Libanesen heute in einem Zustand der Lethargie befinden, in einem Zustand irrationaler Naivität? Sie überlassen ihr Schicksal und das ihrer Kinder jenen, die den Staat einst zerstörten. Genau diese sitzen nämlich heute in Parlament und Kabinett, und wenn einer von ihnen plötzlich nicht mehr da ist, heißt das, er wurde entweder getötet, starb eines natürlichen Todes oder vererbte seinen Posten seinem Sohn.

Ist es Ausdruck von Verzweiflung, sich seinem Schicksal zu überlassen? Die Dialektik der Verzweiflung ist genauso schwer zu begreifen wie ihre Ausbreitung in den Herzen der Menschen, ja sogar auf den Straßen, den Mauern, in den Medien, den Zeitungen, den Cafés und den Worten der Passanten. Von außen besehen scheint alles in bester Ordnung, insbesondere in den Beiruter Partynächten und Kaffeehäusern. Doch die Gesichter der Menschen können den Verlust der Hoffnung nicht verhehlen.

Die Jugend träumt von nichts anderem als vom Auswandern

Der Jahrestag der Unabhängigkeit geht in aller Stille vorüber. Welche Unabhängigkeit?, frage ich mich, während ich durch das Zentrum der Hauptstadt laufe, das mittlerweile „Downtown“ genannt wird.

Aus der Nähe sind Schüsse zu hören. Ursache ist der Streit zweier Autofahrer über die Vorfahrt. Jeder glaubt, die Straße gehöre ihm. „Der gesellschaftliche Frieden ist in keiner guten Verfassung“, sagte mir eine Frau, die zufällig dort vorbeiging. „Das ist eine sehr nette Beschreibung für die Ereignisse“, antworte ich. Ich laufe weiter durch Downtown, wo Boutiquen internationaler Marken wie Pilze aus dem Boden schießen. Es gibt hier keinen Widerspruch zwischen Gewalt und Konsum. Im Gegenteil, es ist eine vorbildliche dialektische Beziehung, eine neue Lektion der Globalisierung, die wir lernen.

Der bürgerliche Staat, der 18 Religionsgemeinschaften mit gleichen Rechten und Pflichten beherbergte, ist abwesend. Er ist eine abhandengekommene Idee, deren Absenz wir bei jedem Jahrestag der Unabhängigkeit und mit jedem Herbstregen spüren. Das Versagen des Staates, die Gewalt der Repräsentanten der Religionsgemeinschaften und der Verlust der Hoffnung sind Ausdruck der Tatsache, dass unsere Generation, die vom Aufbau eines unabhängigen Staates träumte und deren Traum sich nicht verwirklichte, nun in ihre letzte Lebensphase eintritt. Die Gewalt hat verschiedene Ausprägungen, und die schmerzlichste ist die, dass die Jugend von nichts anderem träumt als vom Auswandern. Doch wohin, während der Libanon anderthalb Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat?

Für mich als Kind hatte die Unabhängigkeit eine andere Bedeutung, insbesondere weil ich in einer Gegend geboren wurde, aus der auch der einzige Märtyrer von Libanons Unabhängigkeit stammte. Ich kehre jetzt in die fünfziger und sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, zu meiner Familie, in der sich viele verschiedene politische Zugehörigkeiten versammelten. Meine Brüder und Schwestern hängen drei verschiedenen politischen Strömungen an: der Syrisch-Nationalistischen Partei, dem arabischen Nationalismus und der aktiven Linken. Trotzdem waren wir eine sich liebende und harmonische Familie.

Die Entstehung Israels hatte einen Schneeballeffekt

Trotz unserer unterschiedlichen politischen Ansichten einte uns die Vorstellung, dass alles, was in Ägypten geschah, negative oder positive Auswirkungen auf unser Land haben würde. Heute glaube ich, dass diese Annahme richtig war, denn rückblickend sehen wir, dass die ersten Krisen und Probleme nach der Unabhängigkeit des Libanon mit dem israelisch-britisch-französischen Angriff auf Ägypten im Jahr 1956 begannen. Danach erfolgte die Proklamation der Einheit Syriens und Ägyptens im Jahr 1958 und die baldige Trennung nach drei Jahren. 1958 kam auch es zu Zusammenstößen von Anhängern Gamal Abdel Nassers mit denen des Staatspräsidenten Camille Chamoun, der den Bagdad-Pakt unterstützte.

1960/61 folgte der Putschversuch der Syrisch-Nationalistischen Partei. 1967 erlitt Ägypten eine Niederlage gegen Israel, und es folgte die bewaffnete Präsenz der Palästinenser auf libanesischem Territorium infolge des Abkommens von Kairo von 1969. Hinzu kam die Entstehung des Staates Israel 1948, die einen Schneeballeffekt auf die libanesische Gesellschaft hatte. Es war eine unendliche Geschichte, in der der Libanon zu einer doppelten politischen Geisel wurde: einer Geisel der regionalen Konflikte und einer des Staates und des sich ausweitenden Machtzuwachses der Religionsgemeinschaften.

Wir hatten gemeinsame Erinnerungen in meiner pluralistischen Familie, doch jeder Einzelne ging mit diesen Erinnerungen anders um. Solange diese Unterschiedlichkeit innerhalb der Logik des Zusammenlebens Ausdruck fand, war das völlig in Ordnung. Auch in den Bergen, wo ich geboren wurde, machten wir die Erfahrung des Zusammenlebens, denn Drusen und Christen begingen ihre religiösen Feste gemeinsam und feierten in Freude und Kummer zusammen. Es gab eine Harmonie zwischen der Natur meiner Familie und der Natur der Region, in der ich aufwuchs, und zwischen Familie und Gesellschaft.

Der Bürgerkrieg spaltete die Gesellschaft

Dieses Gefühl der Harmonie zwischen dem Innen und dem Außen, der Familie und dem Ort, dem Privaten und dem Öffentlichen wurde im Jahr 1975 stark erschüttert. Wir verloren das Vertrauen in diese Harmonie und begannen uns zu fürchten. In meinem ersten Roman „B wie Bleiben wie Beirut“ (2007 auf Deutsch bei Lenos erschienen) habe ich den Verlust dieses Vertrauens und die Angst beschrieben.

Die Erinnerung an die Unabhängigkeit hatte die Libanesen vereint, doch der Bürgerkrieg spaltete die Gesellschaft, und jede Religionsgemeinschaft pflegt nun ihre eigene Erinnerung und hat ihre eigene Statue. Auf diese Weise verlor die Unabhängigkeit ihre nationale Bedeutung. Es ist kein Problem, unterschiedliche Erinnerungen zu haben, doch es ist ein Problem, wenn die Gewalt das einzige Mittel wird, um diesen Unterschieden Ausdruck zu verleihen.

Die Erinnerung ist für uns, die Schriftsteller, eine starke Waffe. Die Literatur, die wir heute produzieren, hat jedoch nicht mehr viel mit der libanesischen realitätsfernen Literatur von vor 1975 zu tun, die den Libanon größer machte, als er in seinen geografischen Grenzen wirklich war.

Ich halte noch immer an einem pluralistischen Libanon fest

Der Krieg hat uns ängstlich werden lassen, und wir begannen zu schreiben, um überhaupt eine Erinnerung zu bewahren. So veränderte sich die libanesische Literatur – insbesondere der Roman – in dem Versuch, die libanesische Gesellschaft, Kultur und Geschichte zu archivieren, Stück für Stück, Ort für Ort, Teil für Teil. Als hätte die Literatur die Aufgabe bekommen, die Menschen zu erlösen.

Trotz allem aber halte ich noch immer an einem pluralistischen Libanon fest. Der Pluralismus hat jedoch Schutz nötig und eine Politik, die an den gesellschaftlichen Frieden glaubt. Und es braucht Verantwortliche, die die Politik als Arbeit für die Allgemeinheit verstehen und nicht als ihr Privatinteresse.

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Die Autorin ist Vorsitzende von PEN Libanon und Mitglied im Vorstand von PEN International. Aus dem Arabischen von Larissa Bender.

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