Die Ankunft der Wehrmacht wurde frenetisch gefeiert

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80 Jahre „Anschluss“ Österreichs : Wien, nicht nur du allein
Vor dem Morden. Hitler grüßt in Wien die begeisterte Menge, neben ihm sitzt der österreichische NS-Chef Seyß-Inquart.
Vor dem Morden. Hitler grüßt in Wien die begeisterte Menge, neben ihm sitzt der österreichische NS-Chef Seyß-Inquart.Foto: Votava/dpa

Die ab 12. März nach Österreich einrückende Wehrmacht wurde von der Bevölkerung allerdings nicht als Besatzer empfangen, sondern frenetisch gefeiert und mit Blumen beworfen. Als schließlich Adolf Hitler am Vormittag des 15. März auf dem Wiener Heldenplatz vom Balkon der Hofburg rief „Ich melde heute vor der deutschen Geschichte den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“, da nahmen der Jubel einer Viertelmillion Zuschauer und die „Sieg Heil“-Rufe kaum mehr ein Ende.

Mehr als 200 deutsche Flugzeuge warfen Millionen Blätter mit Propaganda für den (inoffiziell so genannten) „Anschluss“ Österreichs ab. Von 18 Kamerateams ließen die Nazis nicht nur in Wien für alle Welt den Triumph ihres Willens filmen. Und die Bürgerrechte für Juden und Oppositionelle wurden sofort aufgehoben, erste Transporte von Verhafteten gingen in das bei München gelegene KZ-Dachau. Schon in den beiden Tagen vor Hitlers Rede war es zu Ausschreitungen gegenüber Juden in dem nunmehr „Ostmark“ genannten neuen Teil des NS-Reichs gekommen. In Wien, wo fast 200 000 jüdische Bürger lebten, waren die ersten beim Versuch der Ausreise aus den Eisenbahnwaggons rausgeprügelt worden. Bald darauf begannen die beschriebenen „Reibpartien“ – als Bekräftigung der neuen Rechtlosigkeit. Wobei der österreichische Eifer bei der „Judenhatz“ wegen der auch im Ausland verbreiteten Bilder von Berlin alsbald etwas gebremst wurde. Noch sollte in den Resten einer zivilisierten Fassade der Zivilisationsbruch nicht ganz erkennbar sein.

Neues Buch von Manfred Flügge über Wien 1938

Viel über den düsteren Jubiläumsanlass kann man jetzt erfahren in Manfred Flügges „Stadt ohne Seele. Wien 1938“ (Aufbau Verlag, Berlin 2018, 479 Seiten, 25 €). Der 1946 geborene Berliner Romanist und Historiker ist ein Spezialist für die Geschichte der Emigration deutscher Autoren und Intellektueller; er hat einlässliche Studien über das Exil in Südfrankreich, über „Das Jahrhundert der Manns“ oder Biografien von Martha Feuchtwanger und Stéphane Hessel verfasst. Sein neues Buch macht die „Entseelung“ Wiens nicht nur generell am Verlust des jüdischen Kulturbürgertums ab 1938 fest. Es meint damit auch die Stadt der Psychoanalyse, deren Erfinder Sigmund Freud im Juni 1938, ein Jahr vor seinem Tod, hochbetagt über Paris nach London emigrieren musste.

Alexander Van der Bellen während seiner Rede anlässlich des Gedenkaktes zum 80. Jahrestag des "Anschlusses" Österreichs an Nazi-Deutschland in der Wiener Hofburg.
Alexander Van der Bellen während seiner Rede anlässlich des Gedenkaktes zum 80. Jahrestag des "Anschlusses" Österreichs an...Foto: Hans Punz/APA/APA/dpa

Freud, den die Nazis besonders hassten, war das nur möglich wegen seines internationalen Ruhms und der Freundschaft mit seiner Patientin Marie Bonaparte, einer Nachfahrin des (von Hitler verehrten) Franzosenkaisers. Auch Egon Friedell, Franz Werfel und vor allem Robert Musil, die der Barbarei weichen mussten, spielen in Manfred Flügges Reflexionen eine Rolle, wobei das Scheitern von Musils Fragment gebliebenem Riesenroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ hier als Symbol auch einer österreichischen Ausweglosigkeit bedacht wird.

Nachwirkungen des österreichischen Antisemitismus

Geistes- und Realgeschichte sind in „Wien 1938“ mitunter freilich etwas sprunghaft oder gar redundant vermischt, der Erzählfaden droht zwischen dem einen und dem anderen auch mal verloren zu gehen. Aber im Ganzen: ein Gewinn. Was dagegen fehlt, ist die nur kurz angerissene Frage, warum der österreichische Antisemitismus so über Nacht sofort derart evident und fanatisch gewalttätig wurde. Warum Österreicher quantitativ dann auch überproportional häufig am Holocaust beteiligt waren. Also: ein Blick in die Mentalitätsgeschichte und Sozialpathologie der glanzvoll morbiden Stadt Wien, die nach 1918 nur noch der Wasserkopf eines vom Weltreich zum Kleinstaat geschrumpften Körpers war.

Es hatte und hat dies ja auch Nachwirkungen. In den Verdrängungsstrategien ab 1945, die Österreich vom Mittäter zum „ersten Opfer“ und einen Präsidenten Waldheim sehr vergesslich machten. Wovon auch Literatur und Theater erzählen, von Qualtingers „Herrn Karl“ bis zu Thomas Bernhard. Und jetzt regiert in Wien ein Vizekanzler, der Chef ist einer rechtsextremen, in Teilen wieder braunen Partei.

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