Gegenwehr blieb die Ausnahme

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80 Jahre Novemberterror : Und ein Bischof frohlockte über die Brände
Julius H. Schoeps
Die Zerstörungen jüdischer Geschäfte in der Friedrichstraße in Berlin.
Die Zerstörungen jüdischer Geschäfte in der Friedrichstraße in Berlin.Foto: akg-images

Es gab nur wenige Mutige, die sich nicht einschüchtern und von dem allgemeinen „Volkszorn“ mitreißen ließen. Wilhelm Krützfeld beispielsweise, Vorsteher des Polizeireviers 16 Berlin-Mitte, stellte sich mit Beamten seines Reviers einer Gruppe von SA-Leuten entgegen, die dabei waren, an der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße Feuer zu legen. Er verjagte die Brandstifter und holte die Feuerwehr, die den Brandherd schließlich löschte. Zwar erhielt er dafür von seinen Vorgesetzten eine Rüge, aber sonst gab es für Krützfeld keine weitergehenden Konsequenzen. Der Schriftsteller Heinz Knobloch hat diesem mutigen Mann mit seinem 1990 erschienenen Buch „Der beherzte Reviervorsteher“ ein Denkmal gesetzt.

Offene oder auch verdeckte Gegenwehr blieben gleichwohl die Ausnahme, und so fielen der Zerstörungsorgie in der Pogromnacht nicht nur die 14 Berliner Gemeindesynagogen der Stadt zum Opfer – elf wurden vollständig niedergebrannt –, sondern auch zahlreiche der rund siebzig Privat- und Vereinssynagogen. Auch etwa 1000 jüdische Ladengeschäfte wurden aufgebrochen und geplündert.

Noch heute irritiert, dass sich unter den plündernden Horden auch zahlreiche Jugendliche befanden. Angeblich waren sie von ihren HJ-Führern, teilweise auch von ihren Lehrern, dazu aufgefordert worden, sich an den Ausschreitungen aktiv zu beteiligen. Auffallend hoch, so berichtet der Historiker Raphael Gross in seinen lesenswerten Büchern zu den Novemberpogromen, war auch der Anteil der Frauen, „die zum Teil systematisch raubend durch die Straßen zogen“.

Warum hat die Bevölkerung einfach dabeigestanden?

Noch in der Nacht vom 9. auf den 10. November und dem darauffolgenden Morgen setzten überall im Land Massenverhaftungen ein. Im ganzen Reich wurden mehr als 30 000 Juden inhaftiert, was ungefähr 20 Prozent der damals noch in Deutschland lebenden jüdischen Bevölkerung ausmachte. Allein in Berlin wurden etwa 12 000 Juden verhaftet und in das KZ Sachsenhausen deportiert. Einige der Festgenommenen sind dort in den darauffolgenden Tagen gestorben.

Wer sich der Verhaftungswelle entziehen konnte, versuchte sich entweder zu verstecken oder bei Freunden oder Bekannten unterzutauchen. Hans-Joachim Schoeps etwa fand Unterschlupf bei einer Verwandten, deren Wohnung die Gestapo bereits „besucht“ hatte und deshalb einigermaßen sicher zu sein schien. Es war Werner Otto von Hentig, der damalige Leiter der Orientabteilung im Auswärtigem Amt und Vater des Pädagogen Hartmut von Hentig, der sich seiner annahm und Schoeps mit gefälschten Papieren am Weihnachtsabend 1938 über den Flughafen Tempelhof die Flucht nach Schweden ermöglichte. Warum, so fragt man sich, hat die Bevölkerung einfach dabeigestanden, zugesehen und sich nicht schützend vor die jüdischen Mitmenschen gestellt? Die Historiker sind sich hier noch immer uneins. Möglich, dass der eine oder andere moralisch über das empört war, was sich vor aller Augen abspielte. Sich gegen das Regime zu stellen, wagte zu dieser Zeit fast niemand mehr. Und nicht wenige waren sogar davon angetan, dass die Juden den „Volkszorn“ zu spüren bekamen.

Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

Wohl ein entscheidender Grund, warum sich die Bevölkerung so verhielt, war unter anderem das defensive Verhalten der Kirchen, die sich zu den Vorgängen nicht äußerten – oder sie gar begrüßten. So bejubelte etwa der thüringische Landesbischof Martin Sasse die in der Nacht vom 9. auf den 10. November in Deutschland brennenden Synagogen. Am 23. November verschickte er an seine Amtskollegen eine Zusammenstellung aus Luthers Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“, versehen mit der Überschrift „Martin Luther und die Juden: Weg mit Ihnen!“ Im Vorwort zu dieser Zitatensammlung frohlockte Sasse unverhohlen über die „Erfüllung“ wohl lang gehegter Wünsche und Fantasien: „Am 10. November 1938, zu Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen …“

Der verabschiedete Beschluss, die Juden auf diese Weise endgültig auszugrenzen, sie zu enteignen, ihr Eigentum zu „arisieren“ und Deutschland „judenfrei“ zu machen, war der nun für alle sichtbare Anfang vom Ende des deutschen Judentums.

Von Julius H. Schoeps, Gründungsdirektor des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien, ist das Buch erschienen: „Düstere Vorahnungen. Deutschlands Juden am Vorabend der Katastrophe (1933–1935), Hentrich & Hentrich, Berlin 2018, 612 Seiten. 35 Euro.

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