80 Jahre Novemberterror : Und ein Bischof frohlockte über die Brände

In der Pogromnacht im November 1938 eskaliert in Deutschland die Gewalt gegen Juden. Nur wenige Mutige stellen sich dem „Volkszorn“ entgegen.

Julius H. Schoeps
Und die Menschen schauen zu. Am 10. November brennt die Synagoge von Siegen, ein klarer Fall von Brandstiftung.
Und die Menschen schauen zu. Am 10. November brennt die Synagoge von Siegen, ein klarer Fall von Brandstiftung.Foto: Erich Koch, Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein e.V.

Während der Novemberpogrome 1938, die sich im Zeitraum vom 7. bis 13. November überall in Deutschland – in ländlichen Gegenden ebenso wie in den Großstädten – ereigneten, wurden über 1400 Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume zerstört. Tausende von Wohnungen und Geschäften wurden demoliert und vielfach geplündert. Weit weniger bekannt ist, dass in diesen Tagen auch etwa 400 Menschen ermordet beziehungsweise in den Suizid getrieben wurden. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November eskalierten die Ausschreitungen. Überall lag zersplittertes Glas auf den Straßen. Das war wohl auch der Grund, warum die Nacht in euphemistischer Weise bis heute als „Kristallnacht“ oder „Reichskristallnacht“ bezeichnet wird. Von wem diese Wortschöpfungen stammen, ist nicht bekannt. Vermutlich war es der Berliner Volksmund, der sie kreiert hat.

Vorausgegangen war dem Pogrom das Attentat des siebzehnjährigen polnisch-jüdischen Herschel Grynszpan auf den Legationsrat Ernst Eduard vom Rath am 7. November in der deutschen Botschaft in Paris. Das Attentat, eine Vergeltung für die sogenannte Polenaktion, bei der Tausende von polnischen Juden ausgewiesen und über die Grenze nach Polen abgeschoben worden waren, nahmen die Nazis als willkommenen Anlass, um auf brutale Weise gegen die Juden im gesamten Reich vorzugehen.

Schreckliches lag schon Wochen zuvor in der Luft

Schon am späten Nachmittag des 7. November kam es zu ersten Übergriffen in Kurhessen und Magdeburg-Anhalt. Die Initiatoren vor Ort, oft Angehörige von SA und SS, die zumeist in Zivilkleidung auftraten, waren bemüht, den „Volkszorn“ anzustacheln. Noch am selben Tag wurden erste Synagogen in Brand gesteckt, und es kam zu ersten tätlichen Attacken gegen Juden mit tödlichem Ausgang. Dass etwas Schreckliches in der Luft lag, hatte sich schon in den Wochen und Monaten zuvor abgezeichnet. Ein Indiz für die Vorbereitung gezielter Aktionen in größerem Ausmaß war, dass die bereits bestehenden Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen ausgebaut wurden, offenbar zu dem Zweck, Zehntausende von jüdischen Häftlingen internieren zu können.

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Yorai Feinberg und Juna Grossmann
Jüdisches Leben in Berlin: Der tägliche Antisemitismus

Schnell breiteten sich Angst und Panik unter den noch in Deutschland lebenden Juden aus. Konnte man noch bleiben oder sollte man nun unverzüglich das Land verlassen? Felix Busch, einst Staatssekretär der Finanzen im Preußischen Finanzministerium und Großvater des Autors dieser Zeilen, wurde im August, als er seinen einstigen Kollegen in Berlin, den mit ihm befreundeten späteren von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfer Johannes Popitz aufsuchte, von diesem über die Pläne des Regimes in Kenntnis gesetzt. Busch, ein Nachkomme des Moses-Mendelssohn-Freundes David Friedländer, war von Popitz’ Informationen so erschüttert, dass er sich unmittelbar nach dem Gespräch das Leben nahm.

„Raus mit den Juden“

Über die Vorgänge in Berlin sind wir mittlerweile gut informiert. Es gibt zwar nur wenige Fotos von den damaligen Geschehnissen, dafür aber zahlreiche Augenzeugenberichte. Ernst Guenter Fontheim etwa, damals noch Schüler in der religiösen Adass-Jisroel-Schule, der später im Untergrund überlebte, sah die brennende Synagoge in der Fasanenstraße, als er mit der S-Bahn auf dem Heimweg an ihr vorbeifuhr. Es sei ein Schock gewesen, wie er später bekannte. Als Fontheim am Savignyplatz, der nächsten S-Bahn-Station, ausstieg und zurücklief, um sich vor Ort ein Bild von den Vorgängen zu machen, erblickte er vor der Synagoge auf dem Bürgersteig eine pöbelnde Menschenmenge, aus der Hetz-Rufe laut wurden wie „Raus mit den Juden“.

Nicht alle Berliner waren mit den Ereignissen einverstanden. Der Historiker Hans-Joachim Schoeps, Vater des Textautors, radelte, wie er in seinen „Erinnerungen“ berichtet, am Morgen des 10. November stundenlang durch Groß-Berlin und besah sich die Zerstörungen. „Von einer brennenden Synagoge fuhr ich zur anderen, und überall sah ich nur schweigende Menschen stehen, die in die Flammen starrten. Manche hatten Tränen in den Augen, manche die Fäuste in der Tasche geballt. Das war das wirkliche Volk von Berlin. Ein alter Mann murmelte: ,Gotteshäuser anzünden, das wird sich rächen, das wird ein schlimmes Ende nehmen.‘ “

Die Zerstörungen jüdischer Geschäfte in der Friedrichstraße in Berlin.
Die Zerstörungen jüdischer Geschäfte in der Friedrichstraße in Berlin.Foto: akg-images

Es gab nur wenige Mutige, die sich nicht einschüchtern und von dem allgemeinen „Volkszorn“ mitreißen ließen. Wilhelm Krützfeld beispielsweise, Vorsteher des Polizeireviers 16 Berlin-Mitte, stellte sich mit Beamten seines Reviers einer Gruppe von SA-Leuten entgegen, die dabei waren, an der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße Feuer zu legen. Er verjagte die Brandstifter und holte die Feuerwehr, die den Brandherd schließlich löschte. Zwar erhielt er dafür von seinen Vorgesetzten eine Rüge, aber sonst gab es für Krützfeld keine weitergehenden Konsequenzen. Der Schriftsteller Heinz Knobloch hat diesem mutigen Mann mit seinem 1990 erschienenen Buch „Der beherzte Reviervorsteher“ ein Denkmal gesetzt.

Offene oder auch verdeckte Gegenwehr blieben gleichwohl die Ausnahme, und so fielen der Zerstörungsorgie in der Pogromnacht nicht nur die 14 Berliner Gemeindesynagogen der Stadt zum Opfer – elf wurden vollständig niedergebrannt –, sondern auch zahlreiche der rund siebzig Privat- und Vereinssynagogen. Auch etwa 1000 jüdische Ladengeschäfte wurden aufgebrochen und geplündert.

Noch heute irritiert, dass sich unter den plündernden Horden auch zahlreiche Jugendliche befanden. Angeblich waren sie von ihren HJ-Führern, teilweise auch von ihren Lehrern, dazu aufgefordert worden, sich an den Ausschreitungen aktiv zu beteiligen. Auffallend hoch, so berichtet der Historiker Raphael Gross in seinen lesenswerten Büchern zu den Novemberpogromen, war auch der Anteil der Frauen, „die zum Teil systematisch raubend durch die Straßen zogen“.

Warum hat die Bevölkerung einfach dabeigestanden?

Noch in der Nacht vom 9. auf den 10. November und dem darauffolgenden Morgen setzten überall im Land Massenverhaftungen ein. Im ganzen Reich wurden mehr als 30 000 Juden inhaftiert, was ungefähr 20 Prozent der damals noch in Deutschland lebenden jüdischen Bevölkerung ausmachte. Allein in Berlin wurden etwa 12 000 Juden verhaftet und in das KZ Sachsenhausen deportiert. Einige der Festgenommenen sind dort in den darauffolgenden Tagen gestorben.

Wer sich der Verhaftungswelle entziehen konnte, versuchte sich entweder zu verstecken oder bei Freunden oder Bekannten unterzutauchen. Hans-Joachim Schoeps etwa fand Unterschlupf bei einer Verwandten, deren Wohnung die Gestapo bereits „besucht“ hatte und deshalb einigermaßen sicher zu sein schien. Es war Werner Otto von Hentig, der damalige Leiter der Orientabteilung im Auswärtigem Amt und Vater des Pädagogen Hartmut von Hentig, der sich seiner annahm und Schoeps mit gefälschten Papieren am Weihnachtsabend 1938 über den Flughafen Tempelhof die Flucht nach Schweden ermöglichte. Warum, so fragt man sich, hat die Bevölkerung einfach dabeigestanden, zugesehen und sich nicht schützend vor die jüdischen Mitmenschen gestellt? Die Historiker sind sich hier noch immer uneins. Möglich, dass der eine oder andere moralisch über das empört war, was sich vor aller Augen abspielte. Sich gegen das Regime zu stellen, wagte zu dieser Zeit fast niemand mehr. Und nicht wenige waren sogar davon angetan, dass die Juden den „Volkszorn“ zu spüren bekamen.

Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

Wohl ein entscheidender Grund, warum sich die Bevölkerung so verhielt, war unter anderem das defensive Verhalten der Kirchen, die sich zu den Vorgängen nicht äußerten – oder sie gar begrüßten. So bejubelte etwa der thüringische Landesbischof Martin Sasse die in der Nacht vom 9. auf den 10. November in Deutschland brennenden Synagogen. Am 23. November verschickte er an seine Amtskollegen eine Zusammenstellung aus Luthers Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“, versehen mit der Überschrift „Martin Luther und die Juden: Weg mit Ihnen!“ Im Vorwort zu dieser Zitatensammlung frohlockte Sasse unverhohlen über die „Erfüllung“ wohl lang gehegter Wünsche und Fantasien: „Am 10. November 1938, zu Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen …“

Der verabschiedete Beschluss, die Juden auf diese Weise endgültig auszugrenzen, sie zu enteignen, ihr Eigentum zu „arisieren“ und Deutschland „judenfrei“ zu machen, war der nun für alle sichtbare Anfang vom Ende des deutschen Judentums.

Von Julius H. Schoeps, Gründungsdirektor des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien, ist das Buch erschienen: „Düstere Vorahnungen. Deutschlands Juden am Vorabend der Katastrophe (1933–1935), Hentrich & Hentrich, Berlin 2018, 612 Seiten. 35 Euro.

AUSSTELLUNGEN

„Kristallnacht – Antijüdischer Terror 1938“: Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zeigt in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum Topographie des Terrors sechs Fotoserien, die das Ausmaß der Gewalt am 9. und 10. November 1938 zeigen, die von einheimischen Tätern ausging. Zugleich wird erstmals die wechselhafte Erinnerung daran bis heute dargestellt.

Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg, 7. November bis 3. März 2019. Täglich 10–20 Uhr

„Pogrom 1938. Das Gesicht in der Menge“: Die Ausstellung im Max-Liebermann-Saal zeigt Bilddokumente vom 9. November 1938. Auf den Fotografien sind Täter, Mitläufer und Beobachter zu sehen.

Akademie der Künste, Pariser Platz 7, 7. bis 11. November, täglich 11–19 Uhr (am 9.11. nur eingeschränkt zugänglich), Eintritt frei

AUSGEWIESEN! Berlin. 28.10.1938. Die Geschichte der „Polenaktion“: Ende Oktober 1938 verhafteten die Nazis im Rahmen der „Polenaktion“ rund 17 000 jüdische Menschen und schoben sie nach Polen ab.

Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30. Bis 30. Dezember 2018

„Im Reich der Nummern, wo Männer keine Namen haben“: Über 6000 jüdische Männer wurden nach dem Novemberpogrom 1938 in das KZ Sachsenhausen gebracht. Die große Mehrzahl von ihnen wurde bis zum Frühjahr 1939 unter der Auflage wieder entlassen, sofort aus Deutschland zu emigrieren. Daher überlebten viele von ihnen. In einer Ausstellung erzählen Enkel und Kinder von ihrem Schicksal.

Abgeordnetenhaus von Berlin, 1. Stock, Niederkirchnerstraße, bis 30. November, Montag bis Freitag 8–18 Uhr

VORTRÄGE

Gewalt im November 1938. Die „Reichskristallnacht“ – Initial zum Holocaust Buchpräsentation: Prof. Dr. Wolfgang Benz, Berlin Moderation: Uwe Neumärker, Berlin. Topographie des Terrors. 27. November, 19 Uhr

Die Masseninternierungen nach dem Novemberpogrom 1938: Antisemitischer Terror und jüdische Selbstbehauptungen im Konzentrationslager Vortrag: Dr. Kim Wünschmann, München. Moderation: Dr. Astrid Ley, Oranienburg. Topographie des Terrors, 4. Dezember, 19 Uhr.

Unterbelichtet? Die unbekannten Dimensionen des Novemberterrors 1938 Vortrag: Sven Felix Kellerhoff, Berlin. Moderation: Dr. Ulrich Baumann, Berlin. Topographie des Terrors. 29. Januar, 19 Uhr.

Weitere Informationen: www.stiftung-denkmal.de

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