80 Jahre Novemberterror : Wider die Mär vom „Volkszorn“

Wie der Tagesspiegel über die Terrornacht im Laufe der Jahrzehnte berichtete.

„Vor aller Augen“ war 1988 der Titel einer Veranstaltungsreihe und einer Beilage der Pressestiftung Tagesspiegel.
„Vor aller Augen“ war 1988 der Titel einer Veranstaltungsreihe und einer Beilage der Pressestiftung Tagesspiegel.Foto: TSP-Archiv

42 Tage nach seiner Gründung berichtete der Tagesspiegel auf Seite 2 (von vier Seiten) unter der Überschrift „Der Tag der Scherben und seine Hintergründe“ über die Terrornacht des 9. November 1938. Ganz im Sinne der Reeducation, der sich die Zeitung von der ersten Ausgabe an verschrieben hatte, klärte der Tagesspiegel auf und räumte mit gängigen Klischees über die „Kristallnacht“ auf. Zitiert wird aus einem Bericht der „St. Louis Post-Dispatch“, dass nicht „die kochende Volksseele“ die Gewalttaten begangen habe, sondern dass dies eiskalt von der NSDAP bereits im Juni 1938 geplant wurde. Das hätten Aktenfunde ergeben. „Das Verbrechen sollte als ,spontane‘ Kundgebung gegen die Juden getarnt werden ... Die Ermordung des Legationssekretärs an der Deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, durch einen jüdischen Emigranten am 7. November bot den willkommenen Anlass zum Beginn der judenfeindlichen Demonstrationen.“ Damit war die Behauptung vom „Volkszorn“ früh als falsch entlarvt.

„Das Gewissen an die Macht verraten“ ist am 9. November 1948 die Überschrift zu den Ereignissen jener Nacht. Ein Berliner Polizeiwachtmeister habe den Vorstand der Jüdischen Gemeinde gewarnt, vergeblich. Auch die Scheiben eines Delikatessengeschäftes eines Ungarn gehen zu Bruch, seine Nationalität schützte ihn nicht. Berliner wundern sich über die Zerstörungen. „Im Hausflur ,korrigiert‘ er (ein Polizist) die Aeußerung eines alten Mannes, er schäme sich, ein Deutscher zu sein, mit ein paar Fausthieben.“ Ferner wird berichtet, wie die Opfer auf sich allein gestellt, verletzt und traumatisiert, ums Überleben kämpfen. Immerhin hatte eine interkonfessionelle Gedenkstunde 1948 stattgefunden, bei der Pfarrer Tomberge gesagt hatte, dass dies alles nur möglich war, weil man „das Gewissen an die Macht verraten“ habe.

1968 werden viele Veranstaltungen angekündigt

Am 9. November 1958 erinnert Joachim Bölke auf der „Dritten Seite“ an die drei Jubiläen, den 40. Jahrestag der Novemberrevolution, den 25. Jahrestag des Hitler-Putsches in München und an den 20. Jahrestag der „Kristallnacht“. „Mit dem 9. November begann Hitler kalt und zynisch, das ganze deutsche Volk mit der Verantwortung für die Massenmorde zu belasten; der Mord war das Bindemittel, mit dem er Komplicen zu unerschütterlichen Gefolgsleuten zu machen suchte.“ Auf Seite 2 werden Gedenkveranstaltungen mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde angekündigt.

Fünf Jahre später erinnert Politikredakteur Ernst A. Stiller am 9. November auf einer halben Seite an die Verbrechen dieser Nacht und ihren Hergang. Zur Illustration wird ein Foto der brennenden Synagoge in der Oranienburger Straße abgedruckt, das in den 80er Jahren durch eine Publikation von Heinz Knobloch als Fälschung entlarvt wurde, denn ein mutiger Polizist hatte die Synagoge vor dem Brand bewahrt. Aber es gab damals keine Bilder. Das manipulierte Foto war einem Buch entnommen.

Zum 30. Jubiläum 1968 werden viele Veranstaltungen angekündigt und kurz wird über eine interkonfessionelle Gedenkstunde berichtet, mehr allerdings nicht. Am 9. November 1978 schafft es das Gedenken mit einem Zweispalter und einem (seltenen) Foto auf die Seite 1. Bundespräsident Walter Scheel hatte in einer Rede über Rundfunk und Fernsehen gemahnt: „Deutsche dürfen um ihrer Zukunft willen die Untaten von 1938 nicht vergessen.“ Auf Seite 2 wurde von dem Gedenkmarsch der 5000 Teilnehmer berichtet, an dessen Ende der DGB-Vorsitzende Heinz Oskar Vetter sagte, jeder Lehrer, der die Untaten, die vor 40 Jahren geschahen, leugne oder verharmlose, sei eine „potentielle Gefahr unseres demokratischen Rechtsstaates“. Unter der Überschrift „Das Ende der Menschlichkeit“ wurde auf der „Dritten Seite“ ausführlich aus dem Buch von Hans-Georg Mann über den Prozess Gerhard Lichtenberg zitiert, illustriert mit dem Foto einer ausgebrannten Synagoge.

Die Juden seien doch auch Deutsche gewesen

Höhepunkt der Berichterstattung im Tagesspiegel war das Projekt „Vor aller Augen“ der Pressestiftung Tagesspiegel in Zusammenarbeit mit den Berliner Festspielen, zu dem eine zwölfseitige Beilage der Pressestiftung im Tagesspiegel gehörte. Walter Jens hielt in der Akademie der Künste den Eröffnungsvortrag, den der Tagesspiegel auf zwei Seiten abdruckte. Auf der Titelseite wurde erstmals von einem Gedenken in beiden Stadthälften gesprochen.

Zehn Jahre später, 1998, fürchtet Ignaz Bubis auf Seite 1 eine „Kultur des Wegschauens“ in Deutschland. Auf der „Dritten Seite“, in Politik, Berlin und Kultur wurde mit Interviews und Berichten über Vorträge der Geschehnisse des 9. November gedacht. Bewegend ist das Interview der damals 76-jährigen Inge Deutschkron mit der 21-jährigen Elina Prochorowskaja aus Kiew.

Zum 75. Jubiläum 2013 macht sich Peter von Becker Gedanken über die Erinnerungskultur und über die „Scherben der deutschen Geschichte“ im Dialog mit Berliner Schülern, die an einem Projekt mit dem Center für digitale Systeme (Cedis) der Freien Universität teilnahmen, das ihnen Zugang zu Zeitzeugeninterviews verschaffte. Eine Schülerin fragt nach, wieso man einen Unterschied zwischen Juden und Deutschen mache? Die Juden seien doch auch Deutsche gewesen. Thomas Lackmann hat sich auf zwei Seiten „Mehr Berlin“ auf die Suche nach den Tätern in Berlin begeben, ein beeindruckendes Dokument des Terrors. Der Geist der Aufklärung zieht sich von der Gründung der Zeitung an durch alle Gedenkjahre und fördert immer wieder neue Erkenntnisse zutage. Bis heute.

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