Das Netz spuckt die wildesten Geschichten aus

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9. Berlin-Biennale : Was ist da draußen los?
Durchblicken. Videostill aus der Arbeit „Speculative Ambience“, produziert von Iconoclast.
Durchblicken. Videostill aus der Arbeit „Speculative Ambience“, produziert von Iconoclast.Foto: Courtesy Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Die Geschichte Berlins als Ort mal mehr dunkler, mal mehr lichter Vergangenheit, als Brutstätte Kreativer und Gentrifizierer ließ sich von dort aus wie von selbst in immer neuen Varianten erzählen. Das nächste Kapitel Berlin-Biennale scheint nun aber aufgeschlagen, kurz bevor sie beim nächsten Mal ihr Jubiläum feiern kann. Die jetzige neunte Ausgabe zeigt, dass die Großausstellung den Berlin-Bonus nicht mehr braucht, um etwas zu sagen zu haben.

Das aktuelle Kuratorenteam hätte allerdings auch kaum anders gekonnt. Bei seiner Recherche stellte es fest, dass freie Plätze so gut wie keine mehr existieren und wenn, dann waren sie vom Senat als Quartiere für Menschen aus Syrien und Afrika akquiriert. Zu den mitreißendsten Arbeiten in der Akademie der Künste gehört passenderweise Halil Altinderes wildes Video „Homeland“, das in seiner Heimatstadt Istanbul beginnt und Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Berlin begleitet. Die letzte Szene spielt auf dem Gelände vor dem Flughafen Tempelhof.

Der syrische Rapper Hajar, Leitfigur des Videos, gibt dem Betrachter als trotzige Botschaft mit: Ich habe noch eine Heimat, und irgendwann kehre ich zurück. Allzu platt wirken allerdings die davor platzierten figurativen Skulpturen von Anna Uddenberg: athletische Frauen, deren Unterkörper aus Rollkoffern bestehen und deren Köpfe mit Rucksäcken verwachsen. Die Hybride der schwedischen Bildhauerin kritisieren die Rastlosigkeit der Gesellschaft, den Optimierungswahn, die sexuelle Aufladung des weiblichen Körpers. Mit dem Thema Flucht, auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, haben sie nicht allzu viel zu tun.

Hund frisst Löwe, Chamäleon frisst Maulwurf

„The present in drag“ lautet der Titel der Biennale, was ungefähr als „Die verkleidete Gegenwart“ übersetzt werden kann. Das passt zu Uddenbergs Gruselgestalten, zu Timur Si-Qins künstlicher Landschaft im Foyer, die mittels einer integrierten Leinwand eine sich selbst reflektierende Natur vorstellt, oder zu jenen sich gegenseitig verspeisenden Tieren auf dem Balkon zum Pariser Platz – Ziege frisst Seehund, Hund frisst Löwe, Chamäleon frisst Maulwurf usw.. Das Netz spuckt die wildesten Geschichten aus, am Computer lässt sich alles mit allem verpfropfen, kombinieren. Diese wuchernde Fantasie mag verängstigen, aber sie zeigt, was da draußen passiert.

Alexander Farenholtz von der Bundeskulturstiftung – sie ist mit 2,5 Millionen Euro Zuschuss der wichtigste Geldgeber der Biennale, zugleich ihr größter Anhänger – hat der neunten Ausgabe ein ambivalentes Kompliment gemacht: Sie deklariere nicht mehr, was richtig, was falsch sei, wie das Internet den Benutzer seinem eigenen Urteil überlässt. Auch der Biennale-Besucher wird entlassen. Wir dürfen uns mit der New Yorker Künstlergruppe M/L Artspace auf ihr Lotterbett werfen, wobei die beschriftete Bettwäsche eher traurige Wahrheiten über die moderne Boheme erzählt. Oder auf Christopher Kulendran Thomas’ Sofaecke setzen und von einer staatenlosen Zukunft träumen. Nur den richtigen Platz, die richtige Seite, die gibt es nicht mehr.

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