A-ha in Berlin : Lass die Regenschirme fliegen

Grandezza, Balladenkunst und Mitsing-Power: Die norwegische Band A-ha begeistern mit ihrem Akustikkonzert in Berlin.

Zum Wegschmelzen. A-ha-Sänger Morten Harket in der Arena am Ostbahnhof.
Zum Wegschmelzen. A-ha-Sänger Morten Harket in der Arena am Ostbahnhof.Foto: imago/Votos-Roland Owsnitzki

„Viel gelächelt hat er ja nicht.“ „Und ganz dünn sieht er aus. Ob er krank ist?“ Besorgnis schwingt mit in den Gesprächen weiblicher Fans, als die gut 8500 Zuschauer nach dem Konzert von A-ha aus der Mehrzweckarena am Ostbahnhof strömen. Sie gilt Morten Harket, dem Sänger des norwegischen Trios, dem 1985 mit einem einzigen Lied aus dem Stand eine Weltkarriere gelang.

Der schöne Morten stand immer im Zentrum der Fan-Leidenschaften, seine markanten Gesichtszüge und die kesse Föhnfrisur waren ebenso Markenzeichen der Band wie sein kristalliner Kopfgesang. Besorgniserregend dünn sieht der auf attraktive Weise gealterte, wie ein jüngerer Bruder von Richard Gere wirkende 58-Jährige nicht aus. Doch er lächelt tatsächlich selten, was zu Beginn des Auftritts eher an technischen Schwierigkeiten liegt: Offenbar hakt die Datenübertragung vom Mischpult zum Knopf im Ohr, weswegen Morten seine Stimme nicht hört und bei den ersten drei, vier Songs in der Tonhöhe öfters daneben liegt.

Trotz Akustiktour ist ein E-Bass dabei

Doch dieses Manko fällt gar nicht so ins Gewicht, weil außer Harket nicht nur die anderen beiden von A-ha am Werke sind, der mit 55 immer noch jungenhaft wirkende Magne Furuholmen an den Tasteninstrumenten und der ein Jahr ältere, aber viel verlebter aussehende Paul Waaktaar- Savoy an der akustischen Gitarre, sondern noch sieben weitere Musikerinnen und Musiker, die die alten Songs in neue Arrangements kleiden. Die aktuelle Tournee ist die Verlängerung eines Auftritts der „MTV Unplugged“-Reihe, wobei die Beschränkung auf akustische Instrumente hier keineswegs eine Schlankheitskur bedeutet. Im Gegenteil: Gerade die balladesken Stücke bekommen durch die geschmackvolle Untermalung mit einem forsch aufspielenden Streicherinnentrio, dezentem Saxofongetute, Cembalogeplinker, samtpfotigem Schlagzeug und (hier wird die Akustikdoktrin unterlaufen) E-Bass eine klangsatte Wucht und Grandezza, die dem artifiziellen Sound der A-ha-Alben aus den Achtzigern abging.

Als Morton seine Lederjacke auszieht, brandet Jubel auf

So betört das dramatische „Manhattan Skyline“ mit einem zarten Gitarrensolo und den wunderbaren Zeilen „We sit and watch umbrellas fly / I’m trying to keep my newspaper dry“. Bei „Stay On These Roads“ brandet Jubel auf, weil Morten Harket seine Lederjacke auszieht, zu „Memorial Beach“ wird die Bühne in glutrotes Licht getaucht, während Harket das Lied mit volltönendem Crooning wie aus einem David-Lynch-Film klingen lässt, vor „Living A Boy’s Adventure Tale“ (was auch ein toller Titel für eine A-ha-Bandbiografie wäre) stellt Magne Furuholmen in aller gebotenen Feierlichkeit die Band vor. Vor allem die opulenten Balladen belegen, dass A-ha nie die Pop-Leichtgewichte waren, die oberflächliche Hörer in ihnen sehen wollten. Eher verweisen ihre komplex angelegten, oft von verwinkelten Melodielinien geprägten Songs auf ihre Zeitgenossen Talk Talk und ebneten späteren Stadion-Bands wie Coldplay den Weg.

Auf ihre größten Hits, die alle aus den ersten vier Jahren ihrer Karriere stammen, lassen A-ha die Fans lange warten. Doch sie kommen: „Hunting High And Low“ bringt die geballte Mitsingpower der gut gefüllten Halle zum Einsatz, „The Sun Always Shines On TV“ wird mit beherzten Streicher-Pizzicati und federndem Xylofongeklöppel nach fast 90 Minuten zur ersten – und letzten – ernstzunehmenden Tanzeinladung des Konzerts.

Einst durften sie gar den Titelsong für einen James-Bond-Film schreiben

Das Zugabenset beginnt mit einer Kuriosität: „Sox Of The Fox“ stammt von der vergessenen norwegischen Band Bridges, bei der Waaktaar-Savoy und Furuholmen erste Erfahrungen sammelten – und von deren Auftritten Harket so beeindruckt war, dass er selbst Musiker werden wollte. Erstaunlicherweise fügt sich der fast 40 Jahre alte Song nahtlos ins Repertoire. Ein Highlight der Bandkarriere war 1987 die Einladung, den Titelsong für einen James- Bond-Film zu schreiben: „The Living Daylights“ setzte sich gegen einen Vorschlag der Pet Shop Boys durch und ist immer noch gut hörbar – was man von den wenigsten Bond-Liedern der Achtziger und Neunziger behaupten kann. Die Unplugged-Version ist von der Dynamik her zwar nah am Original, dürfte aber insofern eine Premiere darstellen, als hier ein Bond- Song mit Spinett zu hören ist.

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Fehlt noch was? Na klar: „Take On Me“, jener Superhit, mit dem A-ha 1985 auf einen Schlag berühmt wurden. Für ihn kommt das Trio zurück auf die Bühne und verwandelt, nur unterstützt von einem zart schnaufenden Harmonium, seinen Signature Song in eine hinreißende Akustikballade. Wobei all das potenziell Nervige dieses auf sämtlichen Ü-30-Partys unserer Welt totgenudelten Tanzflächenfegers von Morten Harkets vor Intensität vibrierendem Gesang weggeschmolzen wird.

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