• "Absurde Anschuldigungen": Israels Botschafter wehrt sich im Streit um das Jüdische Museum

"Absurde Anschuldigungen" : Israels Botschafter wehrt sich im Streit um das Jüdische Museum

Mosche Zimmermann und Simon Stein kritisierten politischen Druck auf das Jüdische Museum. Nun antwortet Israels Botschafter. Ein Gastbeitrag.

Jeremy Issacharoff
Ort des Austauschs. Das Jüdische Museum in Berlin.
Ort des Austauschs. Das Jüdische Museum in Berlin.Foto: Jens Ziehe/dpa

Zuletzt wurde in diversen Artikeln der falsche Eindruck erweckt, Israel versuche, deutsche kulturelle Institutionen zu zensieren und die künstlerische und intellektuelle Autonomie des Jüdischen Museums Berlin einzuschränken. Teile dieser Artikel enthalten absurde Anschuldigungen, die die Integrität ihrer Autoren ausreichend infrage stellen und daher in einer ernsthaften Diskussion keine Antwort verdienen.

Generell sollten Museen Orte sein, an denen verschiedene kulturelle Ausstellungsstücke und Sammlungen gezeigt und der Öffentlichkeit präsentiert werden. In demokratischen Gesellschaften sind Museen dazu da, Besucher mit kulturellem Wissen auszustatten, und nicht dazu, Menschen politisch zu indoktrinieren.

Museum kann sich nicht vor legitimer Kritik verstecken

Im Geiste des Bundestagsgesetzes von 2001 sollte sich das Jüdische Museum in Berlin ursprünglich auf den erheblichen Beitrag der Juden zur deutschen Gesellschaft und der Menschheit im Laufe der Geschichte konzentrieren und zwar in den Bereichen Naturwissenschaften, Kunst, Literatur, Physik, Medizin, Mathematik, Psychologie, Politik, Film, Religion, Philosophie, um nur einige zu nennen.

Wenn dies das Mandat des Jüdischen Museums ist, sollte es die Freiheit dazu haben, dieses Ziel ohne externe Intervention zu verfolgen. Begibt es sich aber wiederholt in die politische Arena, um unter anderem Positionen zur israelisch-palästinensischen Auseinandersetzung zu beziehen, kann sich das Museum nicht hinter seiner kulturellen Immunität vor legitimer Kritik verstecken.

Kurz: Es ist unhaltbar und sogar scheinheilig zu behaupten, dass Kritik an Israel ein Produkt der Redefreiheit ist, die Verteidigung Israels aber der Zensur gleichkommt.

Issacharoff sorgt sich um die deutsch-israelischen Beziehungen.
Issacharoff sorgt sich um die deutsch-israelischen Beziehungen.Foto: Israelische Botschaft

Es ist besonders bedauerlich, dass einige Israelis versuchen, eine kontroverse interne israelische Debatte in den sensiblen und heiklen Kontext Deutschlands zu importieren, zumal wir eine Zunahme des Antisemitismus in ganz Europa beobachten. Der Antisemitismus bedroht heute nicht nur Juden und Israelis in Deutschland, sondern auch das demokratische und tolerante Gefüge der deutschen Gesellschaft.

Die erforderliche Reaktion auf diese und andere Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus besteht darin, dass die deutsche politische Führung, Bildungs- und Kulturinstitutionen, Meinungsmacher und Medien zusammenarbeiten, um diese Phänomene zu beseitigen. Das Jüdische Museum könnte hierbei eine entscheidende Rolle spielen, indem es aufzeigt, wie sehr Juden im Laufe der Jahrhunderte zum deutschen Leben beigetragen und es bereichert haben.

In diesem Sinne drückte der jüngste Beschluss des Bundestages, in dem der Israel-Boykott des BDS und Antisemitismus verurteilt wurden, die umfassenderen Bemühungen aus, diesen verstörenden Tendenzen entgegenzuwirken und die Bedenken der jüdischen Gemeinde ernst zu nehmen. Dies war das Hauptziel der Bundestagsresolution und nicht der Versuch, Israel vor Kritik zu schützen, mit der sich letztlich jede Demokratie auseinandersetzen muss.

Ausgangspunkt für Austausch darf kein Boykott sein

In Deutschland kann angesichts des zunehmenden Antisemitismus kein ernsthafter Beobachter den unangenehmen Beigeschmack ignorieren, den die Aufforderung zum Boykott Israels in der internationalen Gemeinschaft hat, solange das Echo der Aufrufe zum Boykott der Juden in den 1930er Jahren während der Nazizeit weiterhin nachhallt.

Ich denke, jeder, der über entsprechende Erfahrung in den Geschichtswissenschaften und der Diplomatie verfügt, sollte ein sensibles Gespür hierfür haben und die Integrität und Unabhängigkeit des Zentralrats der Juden respektieren.

Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch und es sollte niemals gezögert werden, einen respektvollen und echten Meinungsaustausch darüber aufzunehmen. Wenn der Ausgangspunkt eines Austauschs aber Boykott, Deinvestitionen und Sanktionen ist, greift dies eindeutig Israels Legitimität an und wird nicht die Basis für ein toleranteres und konstruktiveres Gespräch bilden können. In diesem Sinne bringt eine Entkopplung vom BDS die Debatte auf ein konstruktiveres und realistischeres Niveau.

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Es wurde behauptet, dass die Schuld an der Schoah Kritik aus Deutschland an Israel verhindert und dass die positiven Entwicklungen in den bilateralen Beziehungen nur wegen dieser Schuld ihren Lauf nehmen. Doch der andauernde und intensive Dialog zwischen beiden Regierungen ist weitaus tiefgreifender und komplexer, und während die Schoah immer Teil unserer Geschichte sein wird, bestimmt sie nicht die Schlüsselelemente der Beziehung, die jetzt durch gemeinsame Werte und gegenseitige Interessen definiert wird.

Letztendlich können Schuldgefühle und Wut nicht die treibende Kraft einer solch einzigartigen und wichtigen Beziehung sein, insbesondere in einer Zeit, in der wir unseren jüngeren Generationen helfen müssen, eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

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