Acht Künstlerinnen in der Galerie Barbara Thumm : We are Sheroes

Eine Ausstellung der Galerie Barbara Thumm macht wichtige weibliche Positionen der Kunstgeschichte sichtbar

Dorothea Zwirner
Um 1965 zeichnete Anna Oppermann einen „Sitzenden Frauentorso mit Spiegel“.
Um 1965 zeichnete Anna Oppermann einen „Sitzenden Frauentorso mit Spiegel“.Foto: Galerie Barbara Thumm

Zwei schräg gestellte Parallelwände sind mit weißen Bodenstreifen zum dreidimensionalen Hashtag verbunden, um das kämpferische Schlagwort der Ausstellung direkt in den Raum zu stellen. Mit „#Sheroes“ präsentiert die Galerie Barbara Thumm Arbeiten auf Papier von acht Künstlerinnen, die sich durchgesetzt haben – gegen erhebliche gesellschaftliche, kulturelle oder politische Widerstände. Während Jo Baer, Teresa Burga, Anne-Mie van Kerckhoven und Anna Oppermann zum Programm der Galerie mit seinem feministischen Schwerpunkt gehören, ergänzen Werke von Judy Chicago, Beatriz González, Barbara Rossi und Regina Vater die sorgsam kuratierte Ausstellung.

Angesichts der anhaltenden Ungleichbehandlung und Unterrepräsentanz von Frauen im Kunstbetrieb erschien es Barbara Thumm wichtig, „sich die Strategien und künstlerischen Sprachen anzusehen, die von den Künstlerinnen der paradigmenwechselnden Dekaden der 60er und 70er Jahre begründet wurden, um zu verstehen, was heute widerhallt“.

Den Auftakt bildet Judy Chicago, die seit ihrer kooperativ organisierten Installation „Womanhouse“ 1972 als Ikone des amerikanischen Feminismus gilt. Die kreisrunden Prismen stehen ganz für sich in ihrer leuchtenden Farbigkeit und lassen allenfalls an ihre populäre und bis heute kontrovers diskutierte Installation „The Dinner Party“ (1974/79) denken, für die Chicago 39 Gedecke für berühmte Frauen der westlichen Zivilisation symbolhaft auf einem Tisch anordnete.

Manche der Künstlerinnen mussten sich gegen ein Militärregime behaupten

Ihr gegenüber nimmt Jo Baer fast eine Gegenposition ein. Während Baer nach ihrer programmatischen Abkehr vom Minimalismus 1974 lange Zeit um Anerkennung für ihre radikale Figuration zu kämpfen hatte, zeigen ihre frühen Zeichnungen, wie sich bereits innerhalb der minimalistischen Kompositionen abstrakte und figurative Bildsprache verbinden. Die Umrisslinien bauchiger Vasen fügen sich wie eine weibliche Silhouette passgenau in das Bildformat ein, gezeichnete Gelenk- und Scharnierstücke geben dem Blatt ornamentalen Halt. Säulen, deren Kapitelle die Form von weiblichen Brüsten annehmen, rahmen das Blatt rechts und links.

Anders als ihre nordamerikanischen Kolleginnen hatten sich Teresa Burga und Beatriz González nicht nur gegen traditionelle Rollenzuweisungen, sondern auch gegen Militärregime zu behaupten. Bei beiden Künstlerinnen, die erst in den vergangenen Jahren als wichtigste Repräsentantinnen ihrer Länder wiederentdeckt und mit Ausstellungen geehrt wurden, findet sich die Auseinandersetzung mit der lokalen Tradition und Politik ebenso wie mit internationalen Kunstströmungen. Die dritte Lateinamerikanerin ist Regina Vater. Von der brasilianischen Künstlerin hängt zentral auf Achse ein Aquarell von 1966, das in einem Close-up nackter Körper die Aufmerksamkeit auf den Embryo im Bauch einer Frau lenkt. Strahlen die zarten Grisailletöne des Aquarells eine besondere Ehrfurcht vor dem ungeborenen Leben aus, so genügen in Regina Vaters kleineren Blättern der 1970er Jahre nur wenige Linien zur Skizzierung einer Frau oder eines Paares. Wie eine universale Chiffre stehen zwei spitz zulaufende Halbkreise für die weibliche Brust und zwei M-förmig auf- und absteigende Linien für die gespreizten Beine einer Frau.

Nackte Frauen und ein winzig kleiner, nackter Mann

Es ist dasselbe Urbild einer weiblichen Haltung, in der sich Empfänglichkeit und Verletzlichkeit untrennbar miteinander verbinden, das auch bei Anna Oppermann in Varianten immer wieder auftaucht. Von der früh verstorbenen Künstlerin, die mit ihren wuchernden Ensembles für Kontroversen gesorgt hat, sind frühe Einzelblätter zu sehen. In den Farbzeichnungen formieren sich feinste Blei- und Buntstiftlinien zu Formen, die auf stilisiert abstrahierende Weise um den weiblichen Schoß kreisen. Besonders drastisch erscheint das Motiv einer geöffneten Vagina, die von einer blauen Hand mit sechs Fingern geradezu aufgerissen wird. Ob in der (auto)aggressiven Zurschaustellung ein Akt der Selbstermächtigung oder Selbsterniedrigung liegt, eine gefährliche oder gefährdete Haltung, bleibt offen. In jedem Fall aber setzt sich die Frau in ihrer Sexualität immer dem Blick in ihr Inneres aus.

Introspektion und Innerlichkeit zeichnen auch die zarten Bleistiftzeichnungen von Barbara Rossi aus, die in ihrer Nähe zum automatischen Zeichnen des Surrealismus und der Outsider-Kunst eine spirituelle Ausrichtung verraten. Die Vorliebe zur comicartigen Überzeichnung, die sie in den 1960er Jahren mit den Chicago Imaginists teilte, verbindet Rossi mit Anne-Mie van Kerckhoven. „Mannen?“ lautet die ironische Frage über einer karikaturartigen Zeichnung von 1974, die eine nackte Frau mit gespreizten Beinen stehend über einem ebenfalls nackten, aber sehr viel kleineren Mann zeigt.

Was zeichnet also diese #Sheroes aus? Das aktuelle Buch von Jagoda Marinic „Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land“ liefert eine treffende Antwort: „Sheroes, das sind jene Heldinnen, die einen Kampf hinter sich haben. Sie sind Sheroes, weil sie in anderen Frauen etwas auslösen, was diese an ihre eigene Stärke erinnert. Weil sie endlich jene Bilder liefern, die wir alle brauchen.“

Galerie Thumm, Markgrafenstr. 68; bis 3. August, Di–Fr 11–18, Sa 12–18 Uhr

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