Kultur : Acht Stunden sind kein Krieg

Aus der Feldküche: Zum 50-jährigen Jubiläum jagt das Schauspiel Leipzig Schillers „Wallenstein“ durch die Stadt

Christine Wahl

Die Speisekarte ist reichhaltig. Schweinebacke und Lammhaxe in der Garderobenhalle, „Kartoffelpfanne Leipziger Art“ im Zwischengeschoss, „Brust oder Keule“ im Parkettfoyer, „Kesselgulasch in der Brotterrine“ auf dem Hof.

„Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“: Eigentlich mag man den Finalsatz aus dem Prolog zu „Wallensteins Lager“ ja wegen sträflicher Überstrapazierung schon längst nicht mehr zitieren. Im Leipziger Schauspielhaus allerdings gewinnt er tatsächlich eine neue Dimension: Das Theater wirkt in den frühen Abendstunden wie ein Kulinarik-Tempel jener bodenständigen Couleur, die gern mit dem Slogan für sich wirbt, hier sei für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas dabei. „Verköstigung nach Art des Feldlagers“ heißt dieser Programmpunkt von Wolfgang Engels „Wallenstein“-Inszenierung. Er trifft den Kern des Jubiläums-Events, das der Intendant zum 50. Geburtstag des Schauspiels Leipzig herausgebracht hat, ziemlich gut.

Engel wählte die Schiller-Trilogie aus transparentem Grund: 1943 zerstört und nach dem Krieg nur eingeschränkt bespielbar, wurde das ehemalige Leipziger Centraltheater ab 1954 zum neuen Schauspielhaus umgebaut und fast auf den Tag genau vor einem halben Jahrhundert, am 1. März 1957, mit dem „Wallenstein“ eröffnet; in der Regie von Arthur Jopp. Siebzehn Jahre später inszenierte auch Karl Kayser, der ab 1958 Generalintendant des Leipziger Theaterkombinats war und seinerzeit für die Unterwerfung unter kulturpolitische Vorgaben stand, Schillers Geschichtsdrama zum Dreißigjährigen Krieg. So gesehen wäre „Wallenstein“ anno 2007 in Leipzig nicht die schlechteste Basis für einen dramatischen Kommentar zu Macht, Verrat und Taktiererei im Wandel der Systeme. Zumal, wenn man bedenkt, was für Gegenwartspotenzial das Regie-Trio Rimini Protokoll in seiner dokumentarischen Inszenierung aus dem Drama herausholte, indem es das Personal unter heutigen Vietnam-Veteranen, CDU-Politikern oder Seitensprungagenturen suchte.

Zu dem Zeitpunkt, da man im Leipziger Schauspielhaus in seine Entenkeule beißen darf, hat man schon einiges hinter sich: Wallenstein hatte seine Generäle sowie die Gattin nebst Tochter bereits zum Kriegsrat versammelt. Und zwar in der Baumwollspinnerei im Industriegebiet Plagwitz, wo nach Abwicklung der Produktion Anfang der Neunziger eine Art Kreativbesiedelung begann: Viele Künstler der angesagten Leipziger Schule haben auf dem Spinnerei-Gelände ihre Ateliers.

Jubiläen müssen ja tatsächlich immer auch Selbstvergewisserung und Unverzichtbarkeitsdemonstration sein – zumal in Zeiten theatralen Bedeutungsschwunds und heftiger Sparzwänge. Engels Inszenierung trägt daher den Untertitel „Ein Feldzug durch Leipzig“. Was meint: Man will das Drama buchstäblich in die Stadt tragen. In der Praxis sieht das freilich in erster Linie so aus, dass man – klassisches strukturelles Problem dieser Veranstaltungssorte – viel Zeit damit zubringt, eng aneinandergequetscht per Bus von Spielort zu Spielort zu fahren.

Nach den „Piccolomini“ in der alten Spinnerei und „Wallensteins Tod“ im Schauspielhaus endet die Aufführung gegen Mitternacht am Völkerschlachtdenkmal mit der Erkenntnis: Ewig rappt der Kriegs- und Personenkult. Engel hat den Auftakt-Teil der Trilogie, „Wallensteins Lager“, zum Finale erkoren. Immerhin: Die ortsansässigen Jugendlichen, die hier auf einer Open-Air-Bühne das Feldlager rappen, haben sichtlichen Spaß am Klassiker – und an sich selbst. In puncto „Öffnung in die Stadt“ dürfte es sich hier zweifellos um die geglückteste Integrationsmaßnahme des Abends handeln.

Was man von der Baumwollspinnerei leider nicht behaupten kann. Hier dient das bröckelnde Ziegelwerk vor allem als pittoresker Hintergrund für rote Samtvorhänge und zeitgerechtes Mobiliar; eine Einlassung im Gemäuer eignet sich prächtig zum Entfachen eines lauschigen Kaminfeuers. „Die Piccolomini“ beschränken sich im Wesentlichen darauf, dass Männer in historisierenden Kostümen mal hinter, mal vor dem Sekretär stehend Wallensteins Lage deklamieren und mal mit ausgestreckten, mal mit übereinandergeschlagenen Beinen schweigen. Max Piccolomini (Aleksandar Radenkovic) senkt die Stimme und macht bedeutungsvolle Pausen, wenn er vom ersehnten Frieden spricht, während seine Geliebte Thekla (Katharina Ley) ihm hibbelig das Hemd aufreißt – ganz so, wie sich der gediegene Bürger die weibliche Emanzipation vorstellt.

„Wallensteins Tod“ entfaltet sich auf einer Drehbühne, die durch diese Absperrungen in verschiedene Handlungsorte parzelliert ist. Im Laufe der Zeit kommen erst moderne Soldatenspinde ins Spiel, später verschwindet das Inventar vollständig: Man kumpelt sich aus der Historie nach und nach an die Gegenwart und die nackte Menschenseele heran. So erklärt sich zwar wenigstens die kuschelige Piccolomini-Atmosphäre aus der Baumwollspinnerei. Das Problem ist nur: Das Museale ausstattungstechnisch hervorzuheben und dann verschwinden zu lassen, heißt noch lange nicht, mit ihm zu spielen, geschweige, es zu überwinden.

Es wird weiterhin viel statisch deklamiert; und wer was besonders Wichtiges zu sagen hat, tritt dazu gern an die Rampe. Wallenstein, mit Stefan Schießleder relativ jung besetzt, vermeidet mit abendfüllendem Erfolg jede Festlegung: Ist er der Zweifler, der Grübler, der Zögerer, der Taktierer, der Machtspieler? Und auch die Zweideutigkeit Octavio Piccolominis (Matthias Hummitzsch) bleibt an diesem Abend lediglich die Behauptung Thomas Manns, die man im Programmheft nachlesen kann.

So verlässt man diesen achtstündigen „Wallenstein“ mit der Frage im Kopf, wie viel Entenkeule der Mensch verträgt. Wenn Peter Stein im Mai am Berliner Ensemble mit dem „Wallenstein“ aufwartet, hat man noch ein paar Stunden mehr Zeit zum Nachdenken.

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