Acoustic Sessions vom Kesselhaus : Wolkenkratzer auf der Haut

Songs, die direkt ins Ohr gehen, Singer-Songwriter, die sich in Standup-Comedians verwandeln: ein Besuch bei den Acoustic Sessions des Kesselhauses.

Paul Gäbler
Georg auf Lieder
Georg auf LiederFoto: Universal Music/Kesselhaus

„Ich hab mit Ach und Krach die Hauptschule geschafft, ihr müsst euch also keine Sorgen machen, dass ihr von meinen Texten überfordert werdet“, sagt Georg auf Lieder und blickt lächelnd in die Runde. Der große, schwere Mann, an dem die akustische Gitarre wie eine Ukulele aussieht, kann sich nicht ganz entscheiden, ob er nun Singer-Songwriter ist oder Standup-Comedian sein möchte. Sein Arzt habe ihm gesagt, unter seinem Fett „wohnt ein Athlet“ und er selbst nennt sich: „Schwer. Schwer in Ordnung.“

Lass den Verstärker zu Hause

Etwa 350 Gäste haben sich in den Biergarten des Frannz-Clubs in der Kulturbrauerei eingefunden. Das Kesselhaus, eigentlich der Namensgeber der Veranstaltungsreihe liegt um die Ecke und wird in der kalten Jahreszeit bespielt. Vor zehn Jahren hatte Siebeth Darm, Veranstalter der Kesselhaus Acoustics, die Idee,  junge aufstrebende Bands zu fördern und ihnen nahezulegen, E-Gitarren, Verstärker und Effektgeräte zu Hause zu lassen. Der Kurator verströmt einen trockenen, norddeutschen Humor. Er ist mit Begeisterung und Leidenschaft bei der Sache, das merkt man in jedem Satz. Und diese Begeisterung ist wohl notwendig, um eine solche Veranstaltungsreihe zu auf die Beine zu stellen. Begonnen haben die Acoustic Sessions vor zehn Jahren in Hamburg und erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Vor drei Jahren kam in Berlin die Kesselhaus Acoustics hinzu, inzwischen finden die Veranstaltungen zusätzlich in Hannover und Essen statt.

Nur echt mit Hund

Siebeth Darm stellt sich auf die Bühne und bittet das Publikum nachdrücklich um Ruhe – die Künstler sollen von frenetischem Applaus begrüßt werden. Und der wirkt nun mal am stärksten, wenn der Geräuschpegel davor bei Null lag. Die anwesenden Kinder befolgen den Hinweis disziplinierter als die Erwachsenen. Nun betritt Antoine Villoutreix die Bühne. Es singt charmante Chanson auf Französisch und in gebrochenem Deutsch. Es sind melancholische, nachdenkliche Lieder über den Franzosen in der großen Stadt Berlin. Der Morgen graut, und „auch der Punk ist auf dem Weg nach Haus“. Neben ihm der Hund „ohne Leine“. Und das Klischee.
Die Kicker Dibs, eine Band aus Zehlendorf, singen von „Wolkenkratzer auf der Haut“, und darüber, dass sie gerne „Astronautin“ sein wollen, Der Mond, der über dem Späti aufgeht, kommt auch vor.  Die drei Jungs wirken so lieb und freundlich, dass man sich kurz fragt, was eigentlich aus Sex, Drugs and Rock'n'Roll geworden ist – bis einem klar wird, dass gute Musik das alles eigentlich nicht zwingend braucht. Obwohl die Kicker Bibs eine Rockband sind, klingen ihre simplen, schnell ins Ohr gehenden Lieder so, als wären sie für das Acoustic-Format geschrieben worden. Das Publikum, zum Mitsingen aufgefordert, schlägt sich tapfer. Seinen Höhepunkt erreicht der Chor bei einer Coverversion des Linie-1-Klassikers „Hey Du“. Sehr kreativ waren die Musiker auch bei der Cover-Gestaltung ihrer EP. Sie plünderten die Plattensammlung der Großeltern, zerschnitten die Cover und funktionierten sie um zu kleinen CD-Hüllen. Jede CD ist ein Unikat.

Plattenhüllen zu CD-Covern

Danach kommt Georg auf Lieder, der sich selbst als XXL-Version von Philipp Poisel bezeichnet. Seine Songs handeln vom Surfen in Meck-Pomm und, klar, dem Dick-Sein („Eine Angewohnheit, die ich hinter mir gelassen habe“). Dazwischen ruhige, stimmige Songs über Liebe und Schmerz. Die Mischung aus witzigen und melancholischen Liedern irritiert kurz das Publikum, funktioniert dann aber prächtig. Zum Finale holt Georg auf Lieder die Kicker Dibs erneut auf die Bühne, sie performen gemeinsam eine spontane Jam-Session. Georg auf Kicker Dibs sozusagen. Die Kinder holen sich anschließend Autogramme, ein Hut geht rum, der mit Geld gefüllt werden will. Die Besucher sind spendabel. Der Eintritt bei den Kesselhaus Acoustics ist schließlich frei.

Nächste Veranstaltung am Dienstag, 20. August, um 18 Uhr im Frannz-Biergarten. Mit dabei: Phil Siemers, Karl die Große und Kollektiv 22.

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