Afroamerikanische Kunst : Tiefe Wunden

Über Jahrzehnte hat ein Sammlerpaar aus Kalifornien afroamerikanische Kunst erworben. Eine Ausstellung mit den Arbeiten ist auf Museums-Tournee.

Lorina Speder
„Afternoon“ (1969) von Norman Lewis
„Afternoon“ (1969) von Norman LewisFoto: Estate of Norman W. Lewis

Vor vier Jahren war William Andrews, Leiter des Ogden Museum of Southern Art in New Orleans, zu einem Dinner in das Haus von Pamela J. Joyner und ihrem Ehemann Alfred J. Giuffrida in Kalifornien eingeladen. Die große Villa ähnelt einem exklusiven Museum: Joyner und Giuffrida sammeln seit fast 20 Jahren afroamerikanische und der afrikanischen Diaspora angehörige Kunst und haben in ihrem Anwesen an der Westküste genügend Platz, sie auszustellen. Andrews war sofort klar, dass die private Sammlung in seinem und weiteren Museen der USA gezeigt werden muss. Selten kann man die afroamerikanische Geschichte in der Kunst und deren Entwicklung seit den vierziger Jahren so gut nachvollziehen.

Zwei Millionen Dollar Budget für die Ausstellung

Die Verhandlungen und Planungen für die Ausstellung „Solidary and Solitary“ begannen unmittelbar. Jetzt wurde die als Wanderausstellung konzipierte Schau der Joyner Giuffrida Collection im Ogden Museum offiziell eröffnet. Zwei Millionen Dollar standen dem Museum in New Orleans als Budget dafür zur Verfügung. Der größte Sponsor und Partner der Ausstellung ist eine private, in New Orleans nicht unbekannte Stiftung: Seit vielen Jahren unterstützt The Helis Foundation kulturelle Ereignisse in der Stadt und derzeit auch weitere Ausstellungen im Ogden Museum. Ohne die finanziellen Mittel des Art Funds der Stiftung wäre die Verwirklichung der Ausstellung laut Museumsdirektor Andrews schwierig geworden. Allein die Befestigung der großen, über drei Etagen hängende Skulptur von Mark Bradford in der Eingangshalle kostete über 10 000 Dollar.

Künstler wie Mark Bredford sind heute berühmt

Die dicken Schnüre darin sehen massiv, durch das verarbeitete Papier aber zugleich auch federleicht aus. In der vierten Etage findet man weitere, meterlange Leinwände von Bradford, die er mit Überlagerungen von Acrylfarbe und Papierschichten in ausdrucksstarke, abstrakte Narrative verwandelt hat. Die aufgerissenen Farbschichten in Rosa, Grau und Grün in Bradfords „No Time to Expand the Sea“ (2014) sehen wie zentimetertiefe Wunden aus. Die unterbrochenen schwarzen Linien dazwischen geben trotzdem eine Orientierung. Die wuchtigen Werke des afroamerikanischen Künstlers werden nicht zum ersten Mal in New Orleans gezeigt. 2008 baute Bradford für die Triennale der Stadt eine riesige Arche aus Holz in den Bezirk 9th Ward, der vom Hurrikan Katrina besonders betroffen war. Damals etablierte sich Bradfords Name in der Kunstwelt. Inzwischen ist das Werk des 1961 geborenen Künstlers dort nicht mehr wegzudenken – zuletzt gestaltete er auf der Biennale in Venedig den amerikanischen Pavillon.

Joyner sammelt Bradfords Werke seit Anfang 2000. Damals konzentrierte sie sich nach einem MBA an der Harvard University noch auf ihre Karriere im Finanz- und Consultingsektor. Heute widmet sie sich ganz der Kunst und arbeitet ehrenamtlich unter anderem in den Vorständen der Stiftungen des Tate-Museums und des San Francisco Museum of Modern Art. Was ihre Sammlung für sie bedeutet, schreibt sie in einem Interview: „Mit der Ausstellung und der Sammlung soll die afroamerikanische Seite der Kunstgeschichte gezeigt werden. Geschichten, die noch nicht erzählt wurden. Ich sehe es als meine persönliche Aufgabe an, die Kultur um diese Sichtweisen und Erzählungen zu erweitern.“

Nicht die Ethnie ist wichtig, sondern die Qualität der Kunst

Aus der Sammlung wird in der Ausstellung mit Glenn Ligon ein amerikanischer Konzeptkünstler gezeigt, der direkt auf die afroamerikanische Geschichte der USA eingeht. Das Werk „One Black Day“ besteht aus verkabelten Neonröhren, die das Datum von Barak Obamas Amtseinführung am 6. November 2012 formen. Die Verkabelung und der sichtbare Stecker in der Steckdose sind jedoch eine Attrappe. Die Röhren sollen in dieser Ausstellung nicht leuchten.

Aber nicht alle Kunstwerke der Joyner Giuffrida Collection sind direkt politisch. Lynette Yiadom-Boakye malt in sich ruhende, fiktive Persönlichkeiten. Die Ölgemälde der Engländerin mit ghanaischen Wurzeln stechen als einzige figurative Werke in den Räumen des Museums heraus. Auch Norman Lewis, der 1909 geboren wurde und einer der ältesten gezeigten Künstler ist, malte fiktive Sujets. Er verließ die Szene, die Kunst als sozialen Protest begriff, in den vierziger Jahren. Er empfand, dass der Ausdruck im politischen Aktivismus stärker wäre, wenn man ihn von der Kunst trenne. Mit seinen abstrakten, expressionistischen Werken wurde er so eine individuelle Stimme in der Kunst. Seine Farbigkeit, Linienführung und Komposition beeinflussten weitere Generationen. Besonders Lewis’ Werk „Afternoon“ von 1969, das im Ogden Museum eine Wand für sich beansprucht, ist ein Beispiel seiner reichhaltigen Farbkomposition. Grobe Pinselstriche reißen die zitronengelbe Farbschicht im Gemälde auf und erweitern das Bild mit bunten Elementen, die eine warme Energie transportieren. Auch wenn man in Lewis’ Bildern etwas Politisches sieht, ist diese Interpretation frei. Das ist auch Joyner wichtig: „Es ist immer die Gefahr, dass man denkt, es gehe nur um politisch aufgeladene Kunstwerke und um die Identität der Künstler. Die Ethnie ist nicht der ausschlaggebende Punkt der Sammlung. Im Endeffekt geht es um gute Kunst.“

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Eine Kunst, deren Platzierung in der Geschichte überfällig ist. Mit „Solidary & Solitary“ kommt Joyner ihrer Mission einen Schritt näher: Die Ausstellung wird nach diesem Wochenende im Ogden Museum über mehrere Jahre in mindestens fünf weitere amerikanische Museen wandern – demnächst in das Nasher Museum der Duke University und das Baltimore Museum of Art.
Ogden Museum of Southern Art, ogdenmuseum.org; Katalog: „Four Generations: The Joyner Giuffrida Collection of Abstract Art“ (ca. 50 Euro)

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