Aki Takase in Berlin : Einträchtig zwieträchtig

Aki Takase ist als Pianistin ein Unikum. Nun erhielt sie den Berliner Jazzpreis. Ein Konzertbesuch.

Rund 40 Alben unter eigenem Namen. Aki Takases vielfach ausgezeichnetes Werk ist inzwischen fast unüberschaubar.
Rund 40 Alben unter eigenem Namen. Aki Takases vielfach ausgezeichnetes Werk ist inzwischen fast unüberschaubar.Foto: rbb/Thomas Ernst

Was um Himmels willen hat das alles miteinander zu tun? Am Anfang wild in die Tastatur gestachelte Cluster und Tumult in den Bassregionen, dazwischen eine Runde zerrupfter Duke Ellington mit „Mood Indigo“ und am Ende die makellos artikulierte Habanera-Arie aus Bizets „Carmen“ im Beisein einer Mezzosopranistin. Mit dem Verstand allein kommt man da nicht weit. Vielleicht hat es mit einer Liebe zur Musik zu tun, die der unzähmbar rebellischen Leidenschaft, die Carmen besingt, gar nicht so unähnlich ist: „L’amour est un oiseau rebelle / Que nul ne peut apprivoiser.“

Gerade aus der Unversöhnlichkeit, mit der die japanische Pianistin Aki Takase im Kleinen Sendesaal des RBB freien Jazz, ein munter herumhüpfendes Stride Piano und romantische Kunstmusik konfrontiert, gewinnt dies seine Spannung. Alles bei ihr ist Assoziation und Dissoziation, Entschlossenheit in der schroffen Attacke und kurzes Versinken im Sentiment, dissonante Sprödigkeit im Aufspannen weit auseinanderliegender Tonräume und Lust an ihrem Zusammenführen in Momenten des Wohlklangs.

So stark hinter jedem Element ihres Spiels Ahnen wie Cecil Taylor und Thelonious Monk stehen mögen, in der Zusammenschau des Heterogenen ist sie ein Unikum. Auch dafür hat sie nun den mit 15 000 Euro dotierten, vom Senat und dem Kulturradio ausgerichteten Berliner Jazzpreis erhalten. Vergangenes Jahr fand er in dem Saxofonisten Gebhard Ullmann seinen ersten Preisträger.

Fixstern der Berliner Szene

Seit 30 Jahren ist die 1948 in der Präfektur Osaka geborene und klassisch ausgebildete Aki Takase ein Fixstern der Berliner Szene. 1981 war sie auf Vermittlung des japanischen Free-Jazz-Pioniers Yosuke Yamashita zu ihrem ersten europäischen Konzert bei den Jazztagen eingeladen. Es war der Ausgangspunkt einer internationalen Karriere, für die sie 1987 ihren Lebensmittelpunkt an die Spree verlegte – auch wegen ihres zehn Jahre älteren Mannes, des Pianisten Alexander von Schlippenbach.

Seither pflegt sie eine Vielzahl von Projekten, neben Soloprogrammen Duos mit dem Perkussionisten Han Bennink, dem Klarinettisten Louis Sclavis oder dem Saxofonisten David Murray. Ihre größeren Formationen hat sie gerade erst um die Band Japanic erweitert, in der an der Seite von Saxofonist Daniel Erdmann, Drummer Dag Magnus Naversen und Bassist Johannes Fink auch DJ IllVibe alias Vincent von Schlippenbach, der 1980 geborene Sohn ihres Mannes, mit von der Partie ist.

Takase tritt mit der Schriftstellerin Yoko Tawada auf

Generationsgrenzen sind für sie nur da, um sie zu sprengen. Sie selbst hat das Glück, bei ihrer mitunter athletischen Einsatz erfordernden Musik auch in ihrem 70. Lebensjahr nichts von ihrer physischen Kondition verloren zu haben. Ja, mit knallrot angemaltem Mund und schwarzem Etuikleid hat sie etwas Altersloses. Insbesondere ihr Performance-Projekt mit der Schriftstellerin Yoko Tawada ist von einer Frische, die nicht verrät, dass es schon seit 1999 besteht. Einige seiner Höhepunkte fanden schon 2003 auf die CD „Diagonal“ des Konkursbuchverlags, aber so, wie sie an diesem Abend wiederbelebt werden, klingen sie wie am ersten Tag – auch im vierhändigen Tischplattentrommelzauber, der vom Klavier ganz Abstand nimmt.

Tawada, 2017 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet, ist eine der virtuosesten Sprachverdreherinnen der deutschsprachigen Literatur. Eine Silbenchirurgin, die in der Alltagssprache auf Lautraubfang geht und mit überraschenden Sinnmutationen zurückkehrt. Wie man von A wie Anna oder Ananas zu B wie Bananas kommt und von dort aus über die Mango bis zur Zitrone in das blühende Land, in dem alle sauer sind - das beherrscht zwischen Witz und Tiefgang niemand besser als sie.

Am Ende spielt sie zusammen mit ihrem Mann Alexander von Schlippenbach

Mit der Erfahrung der in Moren, den phonologischen Grundeinheiten des Japanischen, geschulten Autorin, blickt sie in die Wortbruchstellen und entdeckt, wie schnell etwas ursprünglich Gemeintes die Richtung ändert oder sich sogar selbst auslöscht. Corina Caduff hat im „Text + Kritik“-Band zu Yoko Tawada beschrieben, wie diese stark rhythmisierten Rezitationskunststücke, ausgehend vom Text, entstehen und im Hin und Her von Schrift und Musik die Gestalt einer Partitur annehmen.

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Das klingt für eine Weile eher nach Hindemith oder Bartók. Doch da schnalzt, wiehert und grunzt auch schon Bassklarinettist Rudi Mahall, Takases langjähriger Duopartner, den Ton in ein übermütiges Jazzfach zurück. Und dann kommt auch noch Alexander von Schlippenbach auf die Bühne, um ein vierhändiges Erkennungsstück der beiden anzustimmen: den „Zankapfel“, das improvisationslustigere Pendant zum „Zank“ des Ehepaars György und Márta Kurtág in dem Zyklus „Játékok – Spiele“. Takase und Schlippenbach machen einander die Tastenbereiche streitig, werden buchstäblich übergriffig und lassen dennoch etwas Gemeinsames entstehen. Eine Eintracht in der Zwietracht, die an das Herz ihrer Musik rührt.

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