Kultur : Akten oder Fakten

Die Stasi und die Schauspielerin / Eine Erwiderung auf David Ensikat und Jürgen Schreiber

Jochen Staadt

Dokumente lügen immer, wenn es den Beteiligten sinnvoll erscheint, dies im Nachhinein so darzustellen. Es war ganz anders, als es auf dem Papier steht. Man hat von nichts gewusst, war gar nicht dabei, erst recht wenn es um die eigene ganz persönliche Rolle im System des alltäglichen Funktionierens einer Diktatur ging. Nun war kürzlich in dieser Zeitung über einen Stasioffizier zu lesen, der jahrelang seine eigenen Akten zur Irreführung der Behörde manipuliert haben soll. David Ensikat präsentierte am 24. Januar im Tagesspiegel den ehemaligen Stasi-Major Helmut Menge als Meisterfälscher, der eine dreiteilige Spitzelakte mit über 500 Seiten so frisiert haben will, dass darin eine unbescholtene Schauspielerin ohne eigenes Wissen unter den Decknamen „Grille“ und „Jeanne“ als Stasi-IM ihr Unwesen trieb.

Ensikat urteilte herablassend über die Birthler-Behörde und die mit der Materie befassten Wissenschaftler des Forschungsverbundes SED-Staat der FU. Diese seien vielleicht Experten für Stasi-Akten, allein von der Welt einer Jenny Gröllmann verstünden sie nichts. Auch Jürgen Schreiber hatte unter der Überschrift „Der Verführungsoffizier“ einige Monate zuvor im Tagesspiegel über die erstaunliche Geschichte des tollkühnen Stasimajors berichtet. Menge hatte Schreiber das Zustandekommen der in Ich-Form gehaltenen Tonbandabschriften in den Akten erklärt. Die Äußerungen der im August 2006 verstorbenen Schauspielerin seien durch ein Abhörgerät, das er am Körper trug, aufgezeichnet worden. Er habe sich Jenny Gröllmann als Kriminalpolizist vorgestellt. In Unkenntnis, dass sie mit einem Stasioffizier sprach, habe sie ihm, dem vermeintlichen Kriminalpolizisten, dann allerlei aus dem Maxim-Gorki-Theater und von ihren Westreisen erzählt. David Ensikat sieht das anders. Er meint als Kenner der Jenny-Gröllmann-Welt die Schauspielerin habe gar nicht so gesprochen, wie es heute in den alten Tonbandabschriften der Stasi nachzulesen ist. Was nun?

Eines stimmt. Stasileute gaben sich selten sofort zu erkennen. Meist stellten sie sich als Mitarbeiter des Innenministeriums oder eben als Kriminalpolizisten vor. Das war zu DDR-Zeiten kein Geheimnis, und Kenner der Verhältnisse hüteten sich deswegen auch vor Kriminalpolizisten. Eine Schauspielerin des Maxim-Gorki-Theaters war für die Stasiabteilung, in der Menge für die Beobachtung von Westjournalisten und schmutzige Tricks zuständig war, keine große Nummer. In Gröllmanns Stasiakte finden sich überwiegend Nebensächlichkeiten. Freilich auch Informationen über ausreisewillige DDR-Bürger und Ähnliches. Laut Akte „aus Überzeugung“ geliefert und unter Druck. Von einem „moralischen Kompromat“ ist die Rede: Auf Hochdeutsch heißt das Erpressung.

David Ensikat führt eine Reihe von Indizien an, die angeblich der Rolle widersprechen, die Gröllmann als IM „Jeanne“ in den Stasipapieren spielt. Diese Indizien halten jedoch nicht, was Ensikat von ihnen verspricht. So behauptet er, in den 350 Seiten der Gröllmann-Akten, die von der Birthler-Behörde nicht herausgegeben wurden, befänden sich auch „Spitzelberichte über sie“. Tatsächlich enthalten diese 350 Seiten nur einen bislang nicht herausgegebenen derartigen Bericht. Ansonsten eine Unzahl von bürokratischen Vordrucken, Formulare für Grenzpassagen zu Tourneen und bis zu 14 Privatreisen jährlich nach West-Berlin. Einige davon hat Gröllmanns Stasi-Schutzengel Menge persönlich befürwortet. Andere Teile des unveröffentlichten Materials betreffen unbeteiligte Dritte, die mit der Schauspielerin in Kontakt standen. So etwa ein Autogrammjäger aus Hamburg, für den sich die Stasi interessierte, weil er als Luftfahrtingenieur arbeitete. Ensikat behauptet, die Schauspielerin habe sich letztmalig 1984 mit Führungsoffizier Menge getroffen. Auch das stimmt nicht. Nach Menges Buchführung fand am 3. November 1989 das letzte Gespräch statt. Erst danach beendete er die Zusammenarbeit mit der Begründung, sie habe die Stasi für die entstandene Lage in der DDR mitverantwortlich gemacht und sei allenfalls noch bereit, „bei erkannter Feindtätigkeit das MfS jederzeit zu informieren“.

„Er allein“, schreibt Ensikat über den Führungsoffizier, „hat die Treffberichte abgefasst“. Das stimmt nicht. Tonbandmitschnitte von Gesprächen zwischen Menge und Gröllmann wurden von drei verschiedenen Schreibkräften ausgeführt, im Kopf der Schriftstücke durch entsprechende Namenskürzel ausgewiesen.

Als weiteres Indiz führt Ensikat an, der Führungsoffizier „bemerkte nicht die zwei Jahre andauernde Ehekrise“ des Ehepaars Gröllmann/Kann, die er doch beide in den Stasiakten als seine IM führte. Das stimmt wieder nicht. Zwar schwärzt die Birthler-Behörde solche Privatdinge aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, aus der Akte geht gleichwohl hervor, dass Menge Bescheid wusste. Im Juni 1981 schrieb er, „IM deutete ohne weitere Einzelheiten Eheprobleme an“. Von der Stasi-Bezirksverwaltung Berlin erhielt er im Dezember 1981 eine Information, dass „Gröllmann sich von ihrem Ehemann trennen will und intensiv eine Wohnung sucht“. Die Scheidung wurde im Juni 1982 eingereicht. Im November 1983 hielt Menge als Hinweis der Schauspielerin über ihren nächsten Partner fest, dieser dürfe „nichts von der Zusammenarbeit mit dem MfS erfahren“. Deswegen möge der „Verbindungsweg MfS – IM per Telefon“ zu einer Zeit am Tag genutzt werden, „in der der Partner beruflich tätig ist“. Und das alles soll „erfunden“ sein?

Schließlich behauptet Ensikat über den dritten Ehemann der Schauspielerin: „Laut Akte war Ulrich Mühe nie Bespitzelter der IM ‚Jeanne’.“ Auch das stimmt nicht. Menge schrieb im Februar 1984 in einem Treffbericht, er habe mit „Jeanne“ über persönliche Probleme gesprochen, Sie suche „einen Partner mit dem sie leben kann, der nicht von ihr abhängig ist, zu dem sie auch aufsehen kann. Diesen Wünschen kommt der Mühe, Ulrich (Schauspieler DT) nahe. Ihr Wunsch, wenn das MfS sicherheitspolitische Bedenken hätte, sollte ich entsprechende Hinweise geben. Unter Wahrung der Konspiration könnte das bei Beachtung unserer operativen Interessen geschehen. Entsprechende Überprüfung ist eingeleitet.“ In Gröllmanns Stasi-Akten liegen im chronologischen Kontext dann die Ergebnisse der daraufhin gegen Ulrich Mühe eingeleiteten Ermittlungen. Negative Auskünfte aus Karl-Marx-Stadt und aus seinem Berliner Wohnumfeld. Mühe habe sich geweigert, die Ereignisse in Polen als konterrevolutionär zu bewerten und tendiere zu einer „künstlerisch elitären Position“. Jenny Gröllmann hat Ulrich Mühe trotzdem geheiratet. Vielleicht erklärt das, warum es zwischen 1984 und 1989 keine Treffen mit Menge mehr gab.

Ulrich Mühe wurde jüngst von einem Berliner Richter zum Schweigen verurteilt. Auch anderen verbot dieser Jurist ein offenes Wort: Zeitungen, Verlagen, Fernsehsendern. Die „Süddeutsche Zeitung“ durfte nicht einmal mehr eine Diplomarbeit zitieren, die ein NVA-Politoffizier über den „imperialistischen“ Bundesgrenzschutz schrieb. Der Mann diente 1989 im Grenzregiment 33, in dessen Sicherungsbereich Chris Gueffroy erschossen wurde. Er dient heute der Bundespolizei und sitzt in deren Personalvertretung. Vieles was noch zum Fall Gröllmann zu sagen wäre, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden. Denn da ist noch immer jener Richter, für den die Beweiskraft von Stasiakten ohne Belang ist. Ulrich Mühe aber ist schweres Unrecht widerfahren.

Der Autor ist Projektleiter im Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin.

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