Alain Ehrenberg über das Gehirn : Der Muskel, der die Welt bedeutet

Der Soziologe Alain Ehrenberg untersucht in seinem neuen Buch „Die Mechanik der Leidenschaften“ den Zusammenhang von Gehirn und Gesellschaft.

Meike Feßmann
Foto der Ausstellung "Das Gehirn - Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl", die im Naturkundemuseum in Münster zu sehen ist.
Foto der Ausstellung "Das Gehirn - Intelligenz, Bewusstsein, Gefühl", die im Naturkundemuseum in Münster zu sehen ist.Foto: Guido Kirchner/dpa/picture-alliance

Man muss sich das Terrain, auf dem der französische Soziologe Alain Ehrenberg seine Themen abschreitet, als riesig vorstellen. Er denkt schon lange darüber nach, wie sich individuelle Autonomie und Gesellschaft vereinbaren lassen. An einen Gegensatz glaubt er nicht, schon gar keinen abstrakten. In seinem letzten Buch, „Das Unbehagen in der Gesellschaft“ („La Société du malaise“, 2010) untersuchte er die amerikanische und die französische Gesellschaft in Hinsicht auf das Verhältnis von persönlicher Freiheit und demokratischem Staat. Das Individuum ist durchzogen von den Kollektivvorstellungen der Gesellschaft, in der es lebt. Es ist also immer sozial eingebunden. Davon geht Alain Ehrenberg aus

Über Jahrzehnte prägte die Psychoanalyse die Art und Weise, wie Individuen von sich sprechen, selbst wenn sie niemals in Therapie waren. Seit den 1990er Jahren aber läuft ihr die kognitive Neurowissenschaft den Rang ab. Die Seele, der Ehrenberg vor gut zwanzig Jahren sein Buch „Das erschöpfte Selbst“ („La Fatigue d’être soi“) widmete, wird allmählich ein untergeordnetes Phänomen.

Was genau interessiert den Soziologen an dieser Entwicklung? Zunächst, dass mit der kognitiven Neurowissenschaft eine „Naturwissenschaft des autonomen Verhaltens“ entsteht. Auch Freud begann als Neurologe, aber zur Psychoanalyse gehören nicht nur Konzepte wie Verdrängung und Übertragung, sie ist ganz wesentlich sprachlich strukturiert. Das Subjekt der Psychoanalyse ist ein „sprechendes Subjekt“. Es redet über sich, der Therapeut hört zu. Das Subjekt der Neurowissenschaft ist dagegen ein „zerebrales Subjekt“, dessen Aktivität gemessen, in bildgebenden Verfahren dargestellt, in Daten übersetzt, verglichen, analysiert und statistisch verarbeitet wird.

Das Gehirn arbeitet in Schleifen, Schlaufen, Erregungskaskaden

Kognition, Emotion und Verhalten bilden das „goldene Dreieck der Neurowissenschaft“, der „Einheitswissenschaft des denkenden, fühlenden und handelnden Menschen“. Und sie hat ihre Methoden technologisch ausdifferenziert. Ehrenberg sieht in den Beziehungen zwischen Gehirn und Verhalten das Grundproblem der von ihm angestrebten „Anthropologie“, die den Menschen im Zeitalter der „Autonomie als Zustand“ beschreiben soll. Sein langer Ausflug in die Geschichte des Behaviorismus im zweiten von sechs Kapiteln wird erst am Ende plausibel. Dann nämlich, wenn klar wird, dass Sozialkompetenz in einer Gesellschaft autonomer Individuen einen ähnlich hohen Stellenwert einnimmt wie Altruismus im England des 19. Jahrhunderts. In einer „Welt der unendlichen Kontingenzen“ ist „Vertrauen zu einer absolut zentralen Kategorie der Sozialbeziehungen geworden“.

Der emeritierte Forschungsdirektor des CNRS, des von ihm 2001 in Paris gegründeten Forschungsinstituts für Pharmaka, psychische Gesundheit, Gesellschaft, springt zwischen historischer und systematischer Darstellung hin und her. Auch das Gehirn arbeitet schließlich nicht wie ein braver Kartograf, sondern in Schleifen, Schlaufen, Erregungskaskaden. Trotzdem hätte es Ehrenberg nicht geschadet, seinen Standpunkt früher deutlich zu machen. Erst am Ende wird kenntlich, dass er der kognitiven Neurowissenschaft nicht nur vor Augen halten will, dass ihr rasanter Aufstieg ohne die Kollektivvorstellung des autonomen Subjekts nicht möglich gewesen wäre. Er möchte darüber hinaus auf keinen Fall in Verdacht geraten, ihr Reduktionismus vorzuwerfen.

Das Subjekt konstituiert sich über Handlungen

Warum so vorsichtig? Dass die Neurowissenschaft ihrerseits die Bedeutung der Sprache unterschätzt, die eben nicht nur etikettiert und abbildet, könnte man getrost früher exponieren. Dann hätte der Leser einen Kompass, der ihn durch das Gelände führt, bei dem es neben der Medizin mindestens sechs weitere Wissensgebiete zu durchstreifen gilt: Biologie, Psychologie, Ökonomie, Kybernetik, Philosophie und Soziologie.

Ihr aller Zusammenspiel macht den Reiz der Untersuchung aus. Man könnte es als Räderwerk beschreiben, in das unser Leben eingespannt ist, ohne dass wir die Mechanismen kennen, die es antreiben. Ehrenberg findet dafür die passende Metapher, wenn er sein Buch „Die Mechanik der Leidenschaften“ („La Mécanique des passions“) nennt. Er hat offenbar nichts dagegen, das Subjekt vor allem als praktisches Subjekt zu sehen. Es konstituiert sich über Handlungen. Je größer sein Handlungsspielraum ist, desto mehr behauptet es seinen Wert. Und es kann ihn durch Empathie und die Fähigkeit zur Kooperation noch weiter erhöhen.

Die Ära, in der es vor allem Krankheiten und Läsionen waren, an denen sich das neurologische Wissen erweiterte, ist vorbei. Ehrenberg räumt ihr genügend Raum ein, nicht nur mit den berühmten Fallgeschichten des Oliver Sacks. Er zeigt auch, vornehmlich am Beispiel von Autismus und Schizophrenie, wie sich Krankheiten von einem Handicap in ein „verborgenes Potential“ verwandelt haben.

Prosoziale Verhaltensweisen – ein weites Feld

Die Entdeckung der neuronalen Plastizität, also der Fähigkeit des Gehirns, sich durch Training zu verändern, befähigt das Individuum zur lebenslangen Metamorphose. Und es kann sich dabei, bei Bedarf, von Robotern oder Apps unterstützen lassen. Diese Fähigkeit ist zu einer „sozialen Wertidee“ geworden. Auf seiner Suche nach einer „Soziologie des zeitgenössischen Individualismus“ betrachtet das Ehrenberg offenbar nicht mehr so kritisch wie vor zwanzig Jahren, als er die Depression als Folge der Überforderung eines zur Ausnützung seines Freiheitsspielraums aufgeforderten Subjekts beschrieb.

Wichtiger ist ihm nun die Überlegung, wie sich das Individuum zur Kooperation bewegen lässt. Die Entdeckung der sogenannten Spiegelneuronen bzw. der Fähigkeit des Gehirns, sich durch Simulation in die Gedanken anderer einzufühlen, sowie der experimentelle Nachweis, dass dem Menschen Fairness mehr bedeutet als materieller Vorteil, führt zu der fast idealistischen Formulierung, „dass soziale Beziehungen das biologische Gewebe des Menschen vollständig innervieren und dass es möglich sein sollte, Fortschritte in der Erkenntnis der biologischen Mechanismen prosozialer Verhaltensweisen zu erzielen.“

Prosoziale Verhaltensweisen – ein weites Feld. Es wird seit einigen Jahren verhaltensökonomisch beackert. Die mit Amos Tversky erarbeiteten Forschungen des israelisch-amerikanischen Psychologen Daniel Kahneman, der den Begriff der „kognitiven Verzerrung“ prägte, sind grundlegend für die Neuformatierung sozial erwünschter Verhaltensweisen. Dass man sie aktiv beeinflussen kann, dafür haben der Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein in ihrem gleichnamigen Buch das Konzept des „Nudge“ profiliert, des kleinen Stups, den der Bürger oder Konsument braucht, um die – angeblich auch für ihn selbst – beste Entscheidung zu treffen.

Soll eine „Entscheidungsarchitektur“ bereitgestellt werden?

Die Idee, nicht das Bewusstsein des Einzelnen zu beeinflussen, sondern eine „Entscheidungsarchitektur“ bereitzustellen, in der er sich, unter Wahrung seiner Freiheit und zugleich ohne allzu große Entscheidungsqualen, für das gewünschte Verhalten entscheidet, ist das utilitaristische Glanzstück eines „liberalen Paternalismus“, wie Thaler/Sunstein die staatliche Form angewandter Verhaltensökonomie nennt.

Alain Ehrenbergs zustimmende Darstellung ist auch in Hinsicht auf die deutsche Gesundheitspolitik interessant. Sie lässt erkennen, wie sehr etwa die momentane Debatte über die Widerspruchslösung bei der Organspende von Theoremen der kognitiven Verhaltenswissenschaft geprägt ist.

Wie weit Staaten gewünschtes Verhalten manipulieren oder „stimulieren“ sollen, ist in Anbetracht globaler Menschheitsprobleme wie der Klimaerwärmung von höchster Aktualität. Aber es ist auch eine Frage von philosophischem Rang. Sie gehört in den Kontext einer zeitgenössischen Ethik, die dem kontemplativen Subjekt die gleiche Anerkennung entgegenbringt wie dem handelnden Subjekt und dessen „psychobiologischem Heldenepos“.

Alain Ehrenberg: Die Mechanik der Leidenschaften. Gehirn, Verhalten, Gesellschaft. Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt. Suhrkamp, Berlin 2019. 430 Seiten, 35 €.

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