Albrecht Tübke im Porträt : Der Renaissance-Mann

Alte Meister reloaded: Werner Tübke war der extravaganteste Staatsmaler der DDR. Nun hat sich Sohn Albrecht Tübke auch der Öl-Malerei verschrieben.

Testbild. Das frühe Selbstporträt von 1996 ist Albrecht Tübkes erste Malerei (Ausschnitt).
Testbild. Das frühe Selbstporträt von 1996 ist Albrecht Tübkes erste Malerei (Ausschnitt).Foto: Thomas Förster

Als Albrecht Tübke 1992 in Leipzig an der Tür des Großmalers Werner Tübke schellt, öffnet der die Tür und fragt „Was wollen Sie?“ Der junge Mann, der 1992 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, der der Vater lange als Rektor vorstand, gerade sein Studium der Visuellen Kommunikation begonnen hat, antwortet „Ich bin dein Sohn.“ Erst da erkennt ihn der Mann, der sich – glaubt man dem Sohn – zu Lebzeiten als Künstler mehr Meriten erworben hat als als Vater.
Umso erstaunlicher, dass die Ölbilder, die der 1971 geborene Albrecht Tübke erstmals in Berlin ausstellt, den selben altmeisterlich-manierierten Duktus pflegen wie die seines Vater. Auch dass Albrecht Tübke, der eine Karriere als künstlerischer Fotograf hingelegt hat, dessen Porträtaufnahmen sich in den Sammlungen des Victoria and Albert Museums London oder des Folkwang Museums Essen befinden, ausgerechnet nach Italien gegangen ist, um „möglichst weit weg von meinen Maler-Eltern“ zu leben, ist ein ironischer Twist. Schließlich ist Italien das Land der Renaissance-Malerei. Der mit einer DDR-Reiseerlaubnis ausgestattete Vater, der mit Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig und Heinz Zander die Leipziger Schule begründete, hat es regelmäßig bereist, dort Cinquecento-Kollegen wie Michelangelo, Raffael und Tizian studiert, Italienmotive gemalt und dort gar Preise für seine Arbeiten gewonnen.

Ich wollte ausprobieren, ob ich malen kann

Albrecht Tübke lacht, als er darauf angesprochen wird. Klar sei das ein Widerspruch. „Aber eine andere Art der Malerei ist mir nie in den Sinn gekommen.“ Bevor ihm die als Medium überhaupt einfiel, hat es allerdings eine eigenständige Fotografenkarriere gebraucht. Aber auch den Abstand zu Deutschland durch das Familienleben in Italien. Den Überdruss an der zunehmenden digitalen Bilderflut und die damit in seinen Augen verknüpfte Entwertung der Fotografie. Und auch eine gewisse Befreiung durch den Tod des Vaters im Jahr 2004.

Zweieinhalb Monate Malzeit. Albrechts Tübkes "Stillleben mit Muscheln und Libelle" von 2018 (Ausschnitt).
Zweieinhalb Monate Malzeit. Albrechts Tübkes "Stillleben mit Muscheln und Libelle" von 2018 (Ausschnitt).Foto: Thomas Förster

Davor habe er im Jahr 1996 nur ein Selbstporträt und ein weiteres Bild gemalt. Ohne technische Vorkenntnisse. „Nur um zu sehen, ob ich es könnte.“ Im Katalog der Ausstellung, die er an diesem Donnerstagnachmittag im Ladenatelier seines Friedenauer Rahmenbauers Michael Janowski aufhängt, ist das Erstlingswerk zu sehen. Und auch wenn es die handwerkliche Qualität der farbintensiven Porträts, Käfer, Bienen, Vögel, Blumen und Muschelstillleben, die Tübke seit 2011 malt, noch nicht erreicht, ist das bildnerische Talent unübersehbar.

Womöglich hat Tübke junior die Gabe mit der Muttermilch aufgesaugt und dem Vater in der frühkindlichen Prägephase gut zugeschaut. „Eine meiner ersten Geruchserinnerungen ist Terpentin.“ Seine Mutter Angelika Tübke ist ebenfalls Malerin und lebt in Mecklenburg-Vorpommmern. Ein Blick auf ihre Porträts und Landschaftsbilder genügt, um sie als Werner-Tübke-Schülerin zu erkennen. Sie habe sich in ihrer künstlerischen Arbeit von ihrem einstigen Leipziger Lehrer eingeschränkt gefühlt, sagt Albrecht Tübke. Als das Kind da war, habe der Vater zur Mutter gesagt. „Einer von uns kann nur malen und ich bin besser.“ 1976 folgt die Scheidung.

Die Suche nach Schönheit und handwerklicher Perfektion

Wie Albrecht Tübke den Vater in Erinnerung hat? „Als streng und an Kindern desinteressiert, er wollte immer nur malen.“ Angesicht des ausgeprägten Sendungsbewusstseins des mühelos christliche Mystik und sozialistische Haltung in seinen Tableaus vereinenden Werner Tübke, ist das kein überraschendes Psychogramm.
Doch wo die Kunst den kleinen Jungen und seinen Vater einst getrennt, führt sie sie nun wieder zusammen. Jetzt, wo er selber male, verstehe er den Vater endlich. Seine Suche nach Schönheit, das Bemühen um handwerkliche Perfektion. Diese „Besinnung auf eine verloren gegangene Qualität“ reklamiert Albrecht Tübke auch für sich und erläutert die aus Grundierung, Untermalungen und vielschichtigen Lasuren bestehende Renaissance-Technik. „Ich sitze an einem Nasenrücken, einem Ohr eine Woche“, sagt Tübke. Für manches Porträt oder Stillleben braucht er zweieinhalb Monate. „Die Insekten gehen schneller.“ Diese klassische Malerei, die Tübkes Jahresproduktion auf acht bis zwölf Bilder beschränkt, beherrschten in Deutschland nur noch wenige, sagt er. Wenn es der Komposition dient, tragen die von ihm Porträtierten sogar Renaissancekappen. Treibt das den Manierismus nicht zu weit? Tübke schüttelt den Kopf. „Rembrandt hat seine Modelle auch kostümiert.“

Tochter in Renaissanceblau. Porträt von Tisa Cecilia Tübke (2014, Ausschnitt).
Tochter in Renaissanceblau. Porträt von Tisa Cecilia Tübke (2014, Ausschnitt).Foto: Thomas Förster

Statt der von ihm als wertlos empfundenen, weil zu schnell dahin gepinselten Werke zeitgenössischer Abstrakter, schaut sich Jeansträger Tübke in den unweit von seinem Wohnort gelegenen Florenz in den Uffizien lieber die Werke alter Gegenständlicher an. „Meine Helden sind alle tot.“ Wenn er einen Faltenwurf von Dürer oder Caravaggio bewundert, spüre er die Konzentration und Mühe, die jahrelange Verfeinerung der Ausdrucksmittel. Die nun wiederum wie sein thematisch deutlich breiter aufgestellter Vater auch für Gesellschaftspanoramen einzusetzen, das ist allerdings nicht sein Ding. Gunda Bartels
Albrecht Tübkes Bilder sind Sa (15-21 Uhr) und So (13-19 Uhr) im Rahmen der Friedenauer „Südwestpassage“ (Programm: suedwestpassage.com) in der Wielandstraße 23 zu sehen.

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