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Album-Kritik : Die Füchsin singt, das Weltall schwingt

Das „Biophilia“-Projekt ist stark geprägt von dem Impetus, eine nicht-akademische Musikpädagogik zu entwickeln. So plant Björk, auf der anstehenden Tour Workshops für Kinder anzubieten. Sie sollen Instrumente ausprobieren und unter Anleitung Songs schreiben können. Zu den Hilfsmitteln dabei zählt auch das iPad, denn darauf hat Björk große Teile ihres Albums geschrieben. Die 45-jährige Sängerin hat in der Touchscreen-Technologie revolutionäres Potenzial erkannt. Sie arbeitet schon lange mit diversen Geräten, die über berührungsempfindliche Bildschirme gesteuert werden.

Allerdings zählt die elektronische Seite nicht zu den Stärken von „Biophilia“. Die Beats pluckern meist dezent im Untergrund, und wenn sie für kurze Ausbrüche einmal nach vorne rücken, erinnert das arg an die Sound-Ästhetik der neunziger Jahre. Besonders eindrücklich ist das beim Aphex-Twin-haften Breakbeat-Gewitter am Ende von „Crystalline“ oder dem erratischen Maschinen-Getacker in „Sacrifice“. Prägend für den Klang des Albums sind jedoch andere Elemente. Einerseits natürlich Björks unverkennbare Stimme, andererseits eine ganze Reihe von neuartigen Instrumenten, die eigens für das Projekt gebaut wurden.

Da ist zum Beispiel die sogenannte Gameleste, ein klaviaturgesteuertes Metallofon, das ein wenig nach aufgemotztem Glockenspiel klingt. Sein kalter, klarer Ton passt perfekt zu den Kristallen, die in „Crystalline“ besungen werden. Maximaler Aufwand für minimalen Effekt wurde bei der Pendel-Harfe betrieben. Vier riesige Holzpendel erzeugen schwingend Töne auf den in ihnen eingebauten Saiten. Diese Harfe ist in „Solstice“, dem Abschlussstück der Platte, die einzige Begleitung von Björks Stimme. Als würde ein Ball weiter gepasst, wandern einzelne Noten von links nach rechts, immer um den Gesang herum. Das erzeugt auf stoisch-minimalistische Art eine eigentümliche Faszination.

Bei der Live-Premiere von „Biophilia“ beim Manchester International Festival im Juli hatte Björk den ganzen Instrumenten-Park auf der Bühne installieren lassen. Sie selbst wandelte singend zwischen den Maschinen umher, auf dem Kopf eine riesige rote Perücke, die aussah, als habe sie in die gigantische Tesla-Spule gefasst, mit der ebenfalls Töne erzeugt wurden. Ähnlich soll das auf der kommenden Konzerttour aussehen, bei der Björk jeweils für mehrere Tage in einer Stadt Station machen möchte.

Es ist leicht das „Biophilia“-Projekt, an dem Björk drei Jahre gearbeitet hat, als völlig überambitioniert und überkandidelt abzukanzeln. Doch in einer von Retro-Moden geprägten Poplandschaft und in einem Musikmarkt, der immer noch mit den Herausforderungen der digitalen Welt kämpft, ist es ein mutiger und zukunftsweisender Schritt. Björk hat in ihrem Solo-Werk immer wieder Neues ausprobiert, ihren Sound erweitert. Diesem experimentellen, avantgardistischen Anspruch bleibt die Isländerin treu. Dass sie in ihren Texten gleich das ganze Universum erklären will – geschenkt.

Die Versöhnung von Natur und Technik, Genesis trifft Urknall-Theorie, die Verbindung zwischen Mond-Zyklen und musikalischen Strukturen, all das sollte nicht die Ohren verstellen für die berückende Klangschönheit, die „Biophilia“ über weite Strecken entfaltet. Denn das Album trägt auch völlig ohne optisches Spektakel und losgelöst von den Apps. Wie sich etwa in „Virus“ aus einem kleinen Melodie-Motiv ein hochinfektiöses Song-Gebilde entwickelt oder in „Thunderbolt“ eine Orgel zusammen mit einem Synthiebass ein Spukhaus errichtet, das ist hochspannend zu hören. Und über eine Zeile wie „My romantic gene is dominant“ können sicher nicht nur DNA-Forscher schmunzeln. Überhaupt scheint hinter dieser Schöpfungsgeschichte eine Göttin mit Humor zu stecken. Man schaue sich nur mal die Pumuckl-Perücke an.

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